ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Interview mit Dr. Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands: „Jetzt muss es vorbei sein mit der Mär, Ärzte verdienten zu wenig“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands: „Jetzt muss es vorbei sein mit der Mär, Ärzte verdienten zu wenig“

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2435 / B-2073 / C-2009

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

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Johann-Magnus von Stackelberg über möglichen Streit in den Bundesländern, Ärger über Morbiditätsschätzungen und Beitragsfesseln für die Krankenkassen

Im nächsten Jahr können die Honorare der Vertragsärztinnen und -ärzte um mehr als 2,5 Milliarden Euro steigen. Manche Ärzte finden, das sei immer noch zu wenig. Sie sagen hingegen: Die Steigerung ist eine Zumutung für die Beitragszahler. Wieso?

Stackelberg: Der unparteiische Vorsitzende im Erweiterten Bewertungsausschuss, Prof. Dr. Jürgen Wasem, hat den Anstieg der Morbidität von diesem zum nächsten Jahr mit 5,1 Prozent beziffert. Das lässt sich aber nicht wissenschaftlich begründen. Dabei handelt es sich ganz klar um eine politische Festsetzung. Das Institut des Bewertungsausschusses lag mit seinen Daten bei rund zwei Prozent. Das hätten wir mitmachen können. Nun kostet uns allein dieser morbiditätsbedingte Zuwachs 1,4 Milliarden Euro. Ich halte das für vollkommen überzogen. Aber die Politik hatte eben schon im Vorfeld signalisiert, dass derartige Summen tragbar sind. Solche Einmischungen entsprechen nicht dem Selbstverwaltungsmodell. Das macht mir große Sorgen.

Mit einem Orientierungswert von 3,5 Cent bleibt die Honorierung der Ärzte aber noch ziemlich weit vom betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert von 5,11 Cent entfernt.

Stackelberg: Also, ich habe selbst Betriebswirtschaft studiert. Die 5,11 Cent waren immer ein normativer Punktwert zur Messung der Punktrelationen des EBM, der als Berechnungsgrundlage genommen wurde, nie ein wirklich betriebswirtschaftlich kalkulierter Punktwert für die Kosten der Arztpraxis.

Die KBV hat mit Wissen und Zustimmung der Kassen doch umfangreiche Kostenstudien vornehmen lassen, um ihre Honorarforderungen betriebswirtschaftlich zu begründen.

Stackelberg: Ich bleibe dabei: Die 5,11 Cent sind nicht betriebswirtschaftlich kalkuliert. Aber zurück zum jüngsten Beschluss: Wir konnten zwar im Erweiterten Bewertungsausschuss nicht verhindern, dass die Honorare 2009 gravierend steigen, aber wir haben zumindest erreicht, dass überwiegend nicht in den Preis, sondern in die Menge investiert wird. Das heißt, die Ärzte müssen den Höchstbetrag, nämlich ihr individuelles Regelleistungsvolumen erwirtschaften, indem sie entsprechend mehr Leistungen erbringen. Ich hoffe sehr, dass es nach dieser umfangreichen Honorarsteigerung endgültig vorbei ist mit der Mär, die Ärzte verdienten zu wenig.

Manche Ärzte befürchten, dass es ihnen gar nicht gelingen kann, ihr Regelleistungsvolumen auszuschöpfen. Was meinen Sie?

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Fotos: Jürgen Gebhardt
Fotos: Jürgen Gebhardt
tackelberg: Für mich ist zunächst einmal klar: Das Regelleistungsvolumen ist ein Höchstbetrag. Wenn es nicht ausgeschöpft worden ist, fließt das Geld an die Kasse zurück. Allerdings halte ich es für relativ unrealistisch, dass es zu großen Rückzahlungen kommt.

Noch mal zurück zur Morbidität. In Zukunft wird deren Bewertung entscheidend beeinflussen, in welchem Umfang ärztliche Honorare steigen können. Kassen und KBV setzen auf ein Patientenklassifikationssystem, um eine vernünftige Datenbasis zu erhalten. Sind Sie optimistisch, dass das gelingen wird?

Stackelberg: Mittel- bis langfristig bin ich optimistisch. Kurzfristig bin ich sehr gespannt, was passiert. Wir haben ja schon im Krankenhausbereich Erfahrungen mit derartigen Klassifikationssystemen. Problematisch ist hier immer der sogenannte Right-Coding-Effekt, also die Folgen des korrekten Codierens. Wenn man ein System einführt, in dem Diagnosen vergütungsrelevant werden, wird korrekter codiert. Dadurch wird die Bevölkerung statistisch gesehen kränker. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Ihr Arzt hat bisher immer nur eine Erkrankung aufgeschrieben, obwohl Sie eigentlich drei haben. Im neuen System schreibt er drei Diagnosen auf, wodurch sich an Ihrer Versorgung aber überhaupt nichts ändert. Das hat nichts mit betrügerischer Absicht zu tun. Nur: Diesen rein statistischen Steigerungseffekt wollen wir nicht bezahlen. Da muss das System kostenneutral gestellt werden.

Das heißt: Es wird weiter Streit um die Morbiditätsentwicklung geben?

Stackelberg: Es wird Diskussionen geben. Denn in den Anfangsjahren glaube ich nicht, dass man schon eine vernünftige Messung hinbekommt.

Haben Sie darüber schon mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung verhandelt?

Stackelberg: Ja, und wir erläutern das auch Gesundheitspolitikern. Das Schwierige ist, den rein statistischen Effekt und den wirklichen Anstieg der Morbidität auseinanderzurechnen. Darüber müssen wir noch diskutieren. Aber mittelfristig könnte eine Morbiditätsmessung klappen. Bevor der Schiedsspruch gefällt wurde, war ich dafür, die Morbiditätsentwicklung lieber noch ein paar Jahre zu schätzen. Nach den 5,1 Prozent bin ich da vorsichtig geworden. Ansonsten finde ich es aber völlig richtig, dass die Krankenkassen das Morbiditätsrisiko übernehmen sollen.

Mit der Honorarreform 2009 werden die Kopfpauschalen und die Anbindung der ärztlichen Vergütung an die Grundlohnsumme abgeschafft. Sind Sie mit diesen Veränderungen zufrieden?

Stackelberg: Nein, zufrieden können die Krankenkassen damit nicht sein. Wir koppeln jetzt die Einnahmen von den Ausgaben ab, aber gleichzeitig werden die Einnahmen der Krankenkassen durch den einheitlichen Beitragssatz politisch fixiert. Da tut sich eine Riesenfalle auf. Sie wissen, dass die Kassen den von der Bundesregierung auf 15,5 Prozent festgesetzten Beitragssatz für zu niedrig halten. Ihre Rationalisierungsreserven sind erschöpft. Das heißt, dass sie früher oder später Zusatzbeiträge erheben müssen. Für Wettbewerbsmodelle, wie sie die Politik eigentlich anregen wollte, fehlt schon im Jahr 2009 das Geld.

Was bedeutet das für die Verhandlungen von Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen auf Landesebene? Dort müssen die Kassen jetzt ja auch erstmals nicht nach Kassenarten getrennt, sondern gemeinsam und einheitlich agieren.

Stackelberg: Für uns ist genauso neu wie für die Ärzte, dass nun einheitlich verhandelt wird. Auf jeden Fall wird es in den Bundesländern schwierig werden, auf Forderungen der Ärzte einzugehen. Denn das Geld aus dem Risiko­struk­tur­aus­gleich wird in Zukunft bundesweit nach einem einheitlichen Schlüssel verteilt: nach Alter, Geschlecht, Morbidität. Für landesspezifische Regelungen bleibt da wenig Raum. Das wird sich besonders in den Regionen auswirken, in denen es Ärzte gewöhnt sind, höhere Vergütungen zu bekommen als der Durchschnitt.

Viele Ärzte sorgen sich sehr wegen der Zukunft der bislang extrabudgetär vergüteten Leistungen.

Stackelberg: Ich weiß. Vor allem im Süden ist ja viel ausgegliedert worden. Ich bin gespannt, wie sich KV und Kassen da zusammenraufen. Man muss aber auch sagen: Nicht überall gibt es regionalen Anpassungsbedarf. Beispielsweise waren Präventionsleistungen fast überall ausgedeckelt und höher als mit 3,5 Cent vergütet. Deshalb haben wir im Bewertungsausschuss die entsprechenden Leistungen höher bewertet. Da muss man regional nichts mehr regeln, das gilt bundesweit.

Herr Dr. Köhler findet es generell richtig, dass es bald bundesweit für die gleiche Leistung bei gleicher Qualität das gleiche Honorar gibt. Sie auch?

Stackelberg: Ja, zumindest im Kollektivvertrag. Die Herausforderungen des Kollektivvertrags liegen aber darin, Probleme wie die Unterversorgung zu lösen. Das geht vielleicht nicht nur mithilfe kollektivvertraglicher Lösungen. Darüber hinaus teile ich die Ansicht vieler Kollegen nicht, die sagen, die Abschaffung des Kassenartenwettbewerbs im Kollektivvertrag sei des Teufels. Ich halte das für einen ordnungspolitisch stimmigen Ansatz. Außerhalb des Kollektivvertrags kann dann Wettbewerb herrschen. Allerdings ist hier ein Zwang zu Hausarztverträgen inakzeptabel. Außerdem braucht es dazu eines korrekten und nicht eines politisch motivierten Beitragssatzes.

Wie wollen die Kassen noch etwas ausprobieren, wenn sie klamm sind?

Stackelberg: Wir drängen darauf, dass wir noch in diesem Jahr regeln, wie die Gesamtvergütung bei Einzelverträgen bereinigt werden kann. Nur so können wir den Wettbewerb ankurbeln, ohne doppelt zu bezahlen.
Die Fragen stellten
Heike Korzilius und Sabine Rieser.
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