ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008NS-Medizin: Erinnerung an einen Zivilisationsbruch

POLITIK

NS-Medizin: Erinnerung an einen Zivilisationsbruch

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2438 / B-2075 / C-2011

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ulla Schmidt: Kontinuität der Eliten nach 1945 trug dazu bei, dass auch in der Medizin über lange Jahre keine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit stattfand. Foto: KBV
Ulla Schmidt: Kontinuität der Eliten nach 1945 trug dazu bei, dass auch in der Medizin über lange Jahre keine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit stattfand. Foto: KBV
Anlässlich einer Gedenkveranstaltung im Berliner Centrum Judaicum wurden Forschungsarbeiten zur Rolle von Ärzten und der Medizin in der NS-Zeit ausgezeichnet.

Die Gedenkveranstaltung am 5. November für die in der NS-Zeit vertriebenen und ermordeten jüdischen Ärzte Berlins stand im Zeichen eines makaberen doppelten Jubiläums – des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November und des Approbationsentzugs für jüdische Ärzte am 30. September 1938 (dazu „Bestallung erloschen“ von R. Schwoch in DÄ, Heft 39/2008). In Anwesenheit von viel Prominenz aus Politik, Ärzteschaft und Medien sowie des Israelischen Botschafters Ben-Zeev wurden im Berliner Centrum Judaicum vier historische Arbeiten, die sich in vorbildlicher Weise mit der Rolle von Ärzten und der Medizin in der NS-Zeit auseinandersetzen, ausgezeichnet. Der Forschungspreis wurde von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) gestiftet und ist mit insgesamt 10 000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wurden:

- die Autorengruppe Gerrit Hohhendorf, Petra Fuchs, Maike Rotzoll, Ulrich Müller, Paul Richter für die von ihnen anhand von T4-Akten rekonstruierten Lebensgeschichten von Opfern der „Euthanasie“ („Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“);

- Annette Hinz-Wessels für ihre Arbeit „Das Robert-Koch-Institut im Nationalsozialismus“, Ergebnis eines Forschungsprojekts, mit dem das RKI eine Historikergruppe (Drs. Annette Hinz-Wessels, Marion Hulverscheidt, Anja Laukötter unter Leitung von Prof. Dr. Volker Hess, Berlin) beauftragt hatte;

- Barbara Huber für ihre Biografie „Der SS-Zahnarzt Dr. Willy Frank“. Frank war leitender Zahnarzt im KZ Auschwitz-Birkenau und zuständig dafür, den Toten auf dem Weg von der Gaskammer zum Verbrennungsofen das Zahngold herauszubrechen; außerdem beteiligte er sich – gleichsam fachübergreifend – an der Selektion von 6 000 Häftlingen, denen der Tod bestimmt war.

- Jasmin Beatrix Mattes erhielt einen Sonderpreis für ihre Dissertation „Die Stationsbenennungen des Klinikums der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau“. Die Stationen wurden in der Nachkriegszeit nach „großen Namen“ in der Medizin benannt; darunter findet man makellose, aber auch auffallend viele, die mit dem NS-Regime verbunden waren.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt forderte einmal mehr die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ärzteschaft und der Medizin in der NS-Zeit. Bei früheren Gelegenheiten hatte das ihr Staatssekretär Theo Schröder getan – auf ihn geht auch die Idee des Forschungspreises zurück. Schmidt führt das lange, nun aber zunehmend aufgebrochene Schweigen auf eine Kontinuität der Eliten zurück. Die Arbeiten über Freiburg im Breisgau und das RKI stützen diese These. Rita Süßmuth, die frühere Bundestagspräsidentin, die auch einmal Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin war, ergänzte Schmidt: Sie habe selbst erlebt, wie stark der Widerstand von Wissenschaftlern gewesen sei, sich ihrer oder ihrer Kollegen Vergangenheit zu stellen.

Die Gedenkveranstaltung, die seit 2002 alle zwei Jahre stattfindet, steht im Zusammenhang mit einem über drei Jahre laufenden Projekt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Es wurde initiiert vom früheren KV-Berlin- und KBV-Vorsitzenden Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm und Dr. Roman Skoblo, dem Vorsitzenden eines seit geraumer Zeit in Gründung befindlichen Verbandes Jüdischer Ärzte. In dem von der Historikerin Dr. Rebecca Schwoch geleiteten Projekt wird die Geschichte der Berliner KV während der NS-Zeit beleuchtet und ein Gedenkbuch für die jüdischen Kassenärzte erarbeitet. In Berlin gab es 1933 etwa 3 600 Kassenärzte, davon rund 2 100 jüdische. 2 063 von ihnen konnten bisher namentlich erfasst werden. Das Projekt wird von KBV, BÄK sowie dem Deutschen Ärzte-Verlag und dem Deutschen Ärzteblatt unterstützt.

Die Berliner Gedenkveranstaltung findet am Ort der früheren Synagoge in der Oranienburger Straße statt. Einige Hundert Ärztinnen und Ärzte und ihre Gäste harrten über Stunden geduldig und oft auch gebannt aus, als sie mit dem immer noch verstörenden Zivilisationsbruch der NS-Zeit konfrontiert wurden. Am Ende bleiben Fragen buchstäblich im Raum stehen: Warum machten gerade Ärzte bei der NS-Rassenpolitik so bereitwillig mit? Warum beteiligten sich so viele an „Euthanasie“ und Zwangssterilisierung, an Menschenversuchen und industrieller Menschenvernichtung? Warum schließlich war der Widerstand aus den Reihen der Ärzte so marginal? Dr. med. Angelika Prehn, der Berliner KV-Vorsitzenden, blieb darob kaum mehr als einzugestehen: „Dieses Verhalten muss bis heute unseren Stand zutiefst beschämen.“
Norbert Jachertz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema