ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Bologna-Prozess in der Medizin: Warten auf den großen Wurf

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Bologna-Prozess in der Medizin: Warten auf den großen Wurf

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2440 / B-2078 / C-2012

Hibbeler, Birgit; Richter-Kuhlmann, Eva

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Eine Bachelor-/Masterstruktur im Medizinstudium – das halten viele nicht für sinnvoll. Manche sehen darin sogar eine Gefahr. Doch es gibt schon einige Fakultäten, die Pläne in der Schublade haben.

Mit Hochdruck wird derzeit in Berlin an der Gestaltung eines Modellstudiengangs Humanmedizin gearbeitet. „Die Vorbereitungen sehen ein zweiteiliges Studium und ein praktisches Jahr vor“, erklärte Prof. Dr. med. Manfred Gross, Prodekan für Studium und Lehre an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Das Berliner Abgeordnetenhaus habe die Medizinische Fakultät beauftragt, bei der Einrichtung des Modellstudiengangs die Erfahrungen aus Reform- und Regelstudiengang zu berücksichtigen. „Ich befürworte die gleichzeitige Einführung einer Bachelor- und Masterstruktur“, sagte Gross. Ob der Bologna-Prozess jedoch tatsächlich in den Modellstudiengang implementiert werde, habe der Fakultätsrat noch nicht entschieden.

Sollte auch er für Bologna votieren, würde es für Medizinstudierende in Berlin kein Physikum mehr geben. Stattdessen würde sich dem dreijährigen Bachelorstudium, in dem die Naturwissenschaften bereits mit der Klinik kombiniert werden sollen, ein zweijähriges Masterstudium anschließen, dem das praktische Jahr folgt. Das „bisher als Abschluss völlig untaugliche Physikum“ durch einen Bachelorabschluss zu ersetzen, hat nach Ansicht von Gross viele Vorteile. „Aufbauend auf dem Bachelor könnten leistungsstarke Studierende neben dem Masterstudium in Medizin gleichzeitig einen parallelen Studiengang aufnehmen, wie beispielsweise Public Health oder Medical Neuroscience“, erläuterte er. Auch für die Studierenden, die einen M.D./Ph.D.-Abschluss anstrebten, sei die Bachelor- und Masterstruktur wesentlich besser geeignet. „Für den kleinen Teil der Studierenden, die sich während des Studiums umorientieren, bietet der Bachelorabschluss zudem eine hervorragende Möglichkeit, ohne Gesichtsverlust auszusteigen und eine ausgezeichnete Basis für ein anderes Fachgebiet.“

Trotz der von Gross angeführten Vorteile findet die Einführung einer Bachelor-/Masterstruktur in der Medizin nur wenige Anhänger innerhalb der Ärzteschaft. Auch der 111. Deutsche Ärztetag sprach sich in diesem Jahr erneut klar und eindeutig dagegen aus. „Eine modulare Ausbildung Bachelor/Master ebnet den Weg zu Medizinschulen, die der bisherigen Qualität der deutschen Hochschulausbildung nicht entsprechen“, heißt es in der jüngsten Entschließung. Das einheitliche und hochwertige Medizinstudium mit dem Abschluss „Staatsexamen“ müsse erhalten bleiben.
Sorge um erhöhte „Abbrecherquote“
Dieser Ansicht ist auch Prof. Dr. med. Jan Schulze, Vorsitzender des Ausschusses „Ausbildung zum Arzt/ Hochschule und Medizinische Fakultäten“ der Bundes­ärzte­kammer. „Das komplette Medizinstudium bietet viele Vorteile für die Studierenden in Deutschland. Eine Fraktionierung des Studiums oder gar ein „Doktor light“ wären nicht sinnvoll“, erklärte er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Der Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer befürchtet zudem, die Zulassung von Bachelorabschlüssen könne den Nachwuchsmangel verschärfen: „Wir können es uns nicht leisten, Studierende durch einen Bachelorabschluss zusätzlich zu motivieren, aus dem Studiengang auszusteigen.“

In der Tat zeigen Untersuchungen bei anderen Studienfächern, dass die Abbrecherquote nach der Einführung des zweistufigen Qualifikationsmodells gestiegen ist. Gross teilt diese Sorge jedoch nicht. „Wir gehen nach wie vor davon aus, dass praktisch alle Studienanfänger das Berufsziel Ärztin oder Arzt haben“, sagte er. Im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage werde es sich zudem zeigen, ob es tatsächlich ein nennenswerter Prozentsatz vorziehe, nach einem Bachelorstudium in Medizin in Berufe zu gehen, die bisher Personen mit einem Bachelorabschluss, beispielsweise in Biologie oder Betriebswirtschaft, vorbehalten waren.

Die Gefahr eines „Dr. light“ sieht der Berliner Prodekan nicht: „Zur Ausübung des ärztlichen Berufs sind in Deutschland und Europa mindestens sechs Jahre Studium beziehungsweise 5 500 Ausbildungsstunden vorgeschrieben. Das ist auf keinen Fall mit einem Bachelorstudium realisierbar.“ Die Planungen für den Modellstudiengang an der Charité schlössen ebenfalls kategorisch eine ärztliche Qualifikation vor dem letzten Staatsexamen aus.

Der Wissenschaftsrat (WR) hat in einem Gutachten aus dem Jahr 2002 empfohlen, auch die Studiengänge in eine Bachelor-/Masterstruktur zu überführen, die mit einem Staatsexamen abschließen – mit Ausnahme der Medizin. Grund dafür war, dass damals die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) reformiert wurde. Mit der neuen ÄAppO wurde die geforderte Verknüpfung der Ausbildungsabschnitte – also Klinik und Vorklinik – bereits umgesetzt. Der WR erachtete die Einführung der Bachelor-/Masterabschlüsse nicht als sinnvoll – auch vor dem Hintergrund, dass der Medizinbachelor kein berufsqualifizierender Abschluss für einen Arzt sein könne. Eine neuere Empfehlung des WR zur Frage des Bologna-Prozesses in der Medizin gibt es nicht.

Foto: Fotolia
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Auch der Medizinische Fakultätentag (MFT) steht der Einführung eines Bachelor-/Mastersystems in der Medizin skeptisch gegenüber. Er sieht keinen überzeugenden Grund dafür, an dem derzeitigen Studium etwas zu ändern. Aus Sicht des MFT sind wesentliche Forderungen des Bologna-Prozesses außerdem schon erfüllt, etwa die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt. Tatsächlich regelt eine EU-Richtlinie die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse in der Medizin (2005/36/EG, zuvor 93/16/ EWG). „Das garantiert bereits eine Mobilität, die keine andere Profession je erreicht hat“, sagte Prof. Dr. R. Peter Nippert vom MFT bei einer Veranstaltung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Berlin zum Bologna-Prozess in der Medizin. In der Richtlinie ist der Mindestumfang von 5 500 Unterrichtsstunden oder sechs Jahren verankert. Für Nippert steht fest, dass auch die Inhalte des Studiums vergleichbar seien. „Das Standardcurriculum ist Garant für die nationale und internationale Mobilität”, erklärte er.

Diese Aussage führte jedoch bei einer Vielzahl der Teilnehmer der HRK-Verstaltung zu einem Stirnrunzeln. Denn: Seit Inkrafttreten der neuen Approbationsordnung kann von einem einheitlichen Curriculum im Medizinstudium keine Rede mehr sein. Es gibt eine Vielzahl von Reformcurricula und Modellstudiengängen. Die Vorgaben der neuen ÄAppO lösen alle Fakultäten auf ihre Art und Weise, sodass die Stundenpläne erheblich voneinander abweichen und ein Studienortwechsel für die meisten Studierenden ohne Zeitverlust kaum noch möglich ist. „Die nationale Mobilität ist praktisch zum Erliegen gekommen“, bestätigte Prof. Dr. med. Eckhart G. Hahn, Vorsitzender der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA). Für ihn liegt im Bologna-Prozess eine Chance, die Qualität des Medizinstudiums grundlegend zu verbessern und die Curricula zu harmonisieren.

Diese Einschätzung teilt die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). In einem Positionspapier zum Bologna-Prozess fordert die bvmd, nicht auf einer Sonderrolle für die Medizin zu bestehen, sondern sich konstruktiv mit den Chancen auseinanderzusetzen. „Die Umsetzung ist entscheidend“, sagt Katharina Kulike von der bvmd. Für sie steht aber zugleich fest: „Man kann die Struktur des Studiums nicht unabhängig vom Inhalt diskutieren.“ Die bvmd fordert seit Langem ein einheitliches europäisches Kerncurriculum, in dem das Wissen und die Fähigkeiten beschrieben sind, die ein Mediziner am Ende seines Studiums vorweisen sollte. „In der Medizin ist es wichtig, dass Ausbildungsziele erreicht werden und nicht, dass man eine bestimmte Zahl an Punkten vorweisen kann“, sagt Kulike mit Blick auf das in den Bologna-Vorgaben geforderte einheitliche Leistungspunktesystem.

Ein kompetenzbasiertes Curriculum wünscht sich auch der GMA-Vorsitzende Hahn. Im Bologna-Prozess liegt für ihn außerdem die Chance, die Verzahnung von Klinik und Vorklinik zu verbessern. Denn aus seiner Sicht hätte es keinen Sinn, einfach nach dem Physikum einen Strich zu ziehen und dort den Bachelorabschluss anzusiedeln, wenn bis dahin überwiegend Fächer wie Chemie, Physik und Anatomie auf dem Stundenplan standen. „Klinik und Vorklinik sind an vielen Fakultäten noch strikt getrennt. Der Bachelor könnte hier einen Anreiz geben“, meint Hahn. Allerdings warnt er davor, bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses vorschnell zu handeln. „Wir sind in den Fakultäten noch intensiv mit der Umsetzung der Approbationsordnung beschäftigt und sollten nichts überstürzen“, sagt er. Hahn plädiert dafür, zunächst die Erfahrung aus Modellversuchen in Deutschland und aus dem Ausland abzuwarten.

Zwei Fragen werden im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess immer wieder gestellt: Wo könnte ein Medizinbachelor arbeiten – in der Pharmaindustrie, als Wissenschaftsjournalist oder in der Forschung? Und: Verliert man durch den Bachelor potenzielle Ärzte, weil die „Abbrecherquote“ steigt? Mit Antworten darauf kann man bald aus der Schweiz rechnen. Denn dort werden die ersten Studierenden im nächsten Jahr ihr Bachelorzeugnis in der Hand halten.

In der Schweiz habe man vor etwa zwei Jahren begonnen, das Medizinstudium im Sinne von Bologna neu zu strukturieren, berichtete Prof. Dr. med. Peter Suter, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, Basel, beim Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin in Berlin. Bis 2010 soll der Prozess abgeschlossen sein. Die Bachelor-/Masterstruktur eigne sich zwar nicht unbedingt für Medizin, schade dem Studiengang aber auch nicht, konstatierte Suter. Positiv sei die Struktur für neue Berufsprofile. Beispielsweise könnten Studierende im Masterstudiengang auch spezielle Optionen wissenschaftlicher Art belegen und so frühzeitig für die Forschung motiviert werden. „Eine ärztliche Tätigkeit ist nur nach dem Abschluss des Masterstudiengangs möglich“, stellte Suter klar. Diesen wollen jedoch auch 90 bis 95 Prozent der Studierenden durchlaufen.

Das Schweizer Modell gliedert sich in ein dreijähriges Bachelor-studium mit einem obligatorischen „Kern“ und einem „Mantel“, den jede der fünf medizinischen Fakultäten in der Schweiz individuell gestalten kann. Daran schließt sich ein dreijähriges Masterstudium an, bei dem die Studierenden ihre Schwerpunkte selbst setzen können. Ein Staatsexamen gibt es in der Schweiz nach wie vor. Studierende, die sich für den Arztberuf entscheiden, müssen es nach Abschluss des Masterstudiums absolvieren. Suter zufolge ist der Bologna-Prozess durchaus eine Chance, das Curriculum zu verbessern. Ein wichtiges Element dabei sei in der Schweiz die Schaffung eines Lernzielkatalogs gewesen.

Die Erfahrungen sind jedoch nicht überall so positiv wie in der Schweiz. Beispiel Dänemark: Hier sei bei der Implementierung des zweistufigen Abschlusses einfach nach drei Jahren ein Cut gemacht worden, berichtete Line Engelbrecht Jensen bei der HRK-Tagung. „Die Curricula an den Universitäten waren aber unterschiedlich“, erläuterte die dänische Studentin. Das habe dazu geführt, dass es theoretisch möglich gewesen sei, dass ein Student, der nach dem Bachelor die Universität wechselte, nie im Fachgebiet „Unfallchirurgie“ unterrichtet worden sei.

Eine Studie der Association for Medical Education in Europe (AMEE) aus dem Jahr 2007 hat ergeben, dass bislang nur wenige der Länder, die sich der Bologna-Erklärung angeschlossen haben, einen Bachelor/Master in der Humanmedizin eingeführt haben. Sieben Länder haben ihren medizinischen Fakultäten eine solche Umstrukturierung verbindlich vorgeschrieben. Dazu zählen neben der Schweiz und Dänemark die Niederlande, Belgien, Island, Armenien sowie Portugal. Vier Staaten überlassen die Entscheidung ihren Universitäten. 19 Länder haben ihren Universitäten die Umsetzung hingegen explizit untersagt, darunter viele osteuropäische Staaten, aber auch Italien und Spanien. Elf Länder haben noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Zu diesen zählen die Autoren der AMEE-Studie auch Deutschland.
Erfahrungen mit der Einführung einer Bachelor- und Masterstruktur wird es möglicherweise aber bald hierzulande ebenfalls geben. Zumindest überlegen mehrere Universitäten, einen zweistufigen Abschluss einzuführen. Offenbar schon weit fortgeschritten ist das Konzept an der Universität Oldenburg. Das Besondere daran: Die Uni hat bisher keine medizinische Fakultät. In einer deutsch-niederländischen Kooperation soll die „European Medical School Oldenburg-Groningen“ entstehen. Das Land Niedersachsen hat den Wissenschaftsrat gebeten, das Konzept zu begutachten. Das Beispiel Oldenburg verdeutlicht, dass sich auch die Medizinerausbildung längst in einem europäischen Hochschulraum befindet. Die Tatsache, dass die Semmelweis-Universität Budapest kürzlich in Kooperation mit der Klinikkette Asklepios eine Zweigstelle in Hamburg eröffnet hat – die Asklepios Medical School – zeigt ebenfalls: Wer bei hochschulpolitischen Fragen nur in nationalen Dimensionen denkt, könnte irgendwann ins Hintertreffen geraten.

Approbationsordnung erlaubt Einzellösungen
Die Entscheidung über eine Bachelor- und Masterstruktur in der Medizin liegt letztlich bei den Hochschulen und den Ländern, denn die theoretische Möglichkeit besteht – im Rahmen der Experimentierklausel für Modellstudiengänge (§ 41 ÄAppO). Das Physikum kann bei Modellstudiengängen wegfallen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis es das erste entsprechende Curriculum gibt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass eine Fakultät, die den zusätzlichen Aufwand nicht scheut, auf eine Landesregierung trifft, die die notwendigen Gelder zur Verfügung stellt. Allerdings stehen Einzellösungen dem eigentlichen Ziel des Bologna-Prozesses entgegen, und zwar der Mobilität der Studierenden.
Dr. med. Birgit Hibbeler,
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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