ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008X. Humanitärer Kongress: Hilfe für die Patienten oder Hilfe für das System?

POLITIK

X. Humanitärer Kongress: Hilfe für die Patienten oder Hilfe für das System?

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2444 / B-2081 / C-2015

Korzilius, Heike

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Die Organisation Ärzte ohne Grenzen engagiert sich abweichend von ihrem ursprünglichen Konzept der reinen Not- und Katastrophenhilfe auch in längerfristigen Projekten. Foto: Caro
Die Organisation Ärzte ohne Grenzen engagiert sich abweichend von ihrem ursprünglichen Konzept der reinen Not- und Katastrophenhilfe auch in längerfristigen Projekten. Foto: Caro
Nachhaltigkeit fordern die meisten Spender, wenn sie Geld für ein Hilfsprojekt geben. Nachhaltig wirken würden am liebsten auch die meisten Helfer. Mit diesem Anspruch scheitern sie häufig an der Wirklichkeit.

Was wollen Sie denn in Afrika? Seien Sie doch mal ein bisschen zielstrebig, und denken Sie an Ihre Karriere hier.“ Der Chef von Dr. med. Reiner Klinkott war wenig erbaut von den Plänen des jungen Arztes, eine Auszeit zu nehmen, um medizinische Hilfe in einem Entwicklungsland zu leisten. Klinkott ist kein Einzelfall. Der Mangel an medizinischem Nachwuchs in Deutschland fördert das Verständnis für solche Auszeiten nicht. Das große Interesse vor allem junger Ärztinnen und Ärzte und Medizinstudierender am inzwischen X. Humanitären Kongress belegt indes, wie wichtig vielen das Thema ist und wie groß der Wunsch, selbst in der Not- und Katastrophenhilfe oder der längerfristigen Entwicklungshilfe zu arbeiten.

Die Veranstaltung am 24. und 25. Oktober in Berlin stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Patient oder Gesundheitssystem zuerst? Worauf sollte sich die medizinische humanitäre Hilfe heute konzentrieren?“ Veranstalter waren die Ärztekammer Berlin sowie die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen, Ärzte der Welt, das Deutsche Rote Kreuz und Medair. Bei der thematischen Vorgabe prägte denn auch der Begriff der Nachhaltigkeit medizinischer Hilfe die Debatte.

Einen Meilenstein stellt in diesem Zusammenhang sicherlich die Deklaration von Alma Ata dar, die 1978 Gesundheit als Menschenrecht definierte und ganz in diesem Sinn auf den Auf- und Ausbau von Basisgesundheitsdiensten (Primary Health Care) setzte, die für alle zugänglich sind. Der Ansatz wurde zum politischen Modell für globale Gesundheit. 30 Jahre später stellt sich nun die Frage, ob sich Primary Health Care und humanitäre medizinische Hilfe ergänzen oder ob nicht vielmehr die medizinische Nothilfe das Versagen von Gesundheitssystemen kaschiert und kompensiert. Dazu kommt, dass sich in den 80er- und 90er-Jahren der gesundheitspolitische Schwerpunkt weg von der öffentlichen Gesundheit hin zu eher krankheitsbezogenen Ansätzen verlagert hat.

„Dieses sehr selektive Vorgehen medizinischer Hilfe hat dazu geführt, dass Fragen der Infrastruktur vernachlässigt wurden“, sagte Prof. Dr. David Sanders, Direktor der School of Public Health der University of the Western Cape. Der Südafrikaner lieferte in Berlin eine kritische Analyse der derzeitigen Situation. Die ärmeren Länder seien extrem abhängig von einer Vielzahl privater Spender wie der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die Prioritäten setzten.

Das geschehe oft unkoordiniert und werfe die Frage der Nachhaltigkeit auf, so Sanders. Der Regierungsberater ist selbst ein Verfechter der Primary-Health-Idee. „Thailand und Brasilien sind die besten Beispiele dafür, dass der Ansatz funktioniert“, erklärte Sanders. Die Fortschritte, die beide Länder insbesondere bei der Aids-Bekämpfung gemacht haben, gehen vor allem auf das Konto eines funktionierenden öffentlichen Gesundheitswesens, das allen Betroffenen den Zugang zur medizinischen Versorgung ermöglicht.

Das Dilemma zwischen Public Health und medizinischer Nothilfe thematisierte Dr. med. Frank Dörner. „Humanitäre Hilfe wird aus Krieg und akuten Krisen geboren. Es ist nicht unser primäres Ziel, Entwicklungshilfe zu leisten“, sagte der Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. Diese Trennung beider Bereiche führe aber nach Ansicht von Dörner zu immer neuen Herausforderungen für die Helfer: Wie geht man mit der „chronischen Krise“ HIV/Aids um? Was können schlecht ausgebaute Gesundheitssysteme leisten, wenn sich die Hilfsorganisationen zurückziehen? Ärzte ohne Grenzen hat die Fragen zum Teil beantwortet. Im Bereich HIV/Aids engagiert sich die Organisation abweichend von ihrem ursprünglichen Konzept der reinen Not- und Katastrophenhilfe auch in längerfristigen Projekten – allerdings unter der klaren Vorgabe: „Die leidenden Patienten haben Vorrang.“ Dörners Vorvorgängerin im Amt, Ulrike von Pilar, konnte das aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Gerade von einem Einsatz in Malawi zurückgekehrt, einem der ärmsten Länder Afrikas, sagte sie: „Nachhaltigkeit kann in extrem armen Ländern nicht das Ziel sein. Die gibt es dort in naher Zukunft einfach nicht. Aber die Menschen sterben jetzt.“
Heike Korzilius
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