ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Deutscher Zukunftspreis: Denominierung von Medizinern

POLITIK

Deutscher Zukunftspreis: Denominierung von Medizinern

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2445 / B-2082 / C-2016

Siegmund-Schultze, Nicola

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Ein Team aus Hannover war mit dem Projekt „Mitwachsende Herzklappen für Kinder“ nominiert worden. Die Kandidatur wurde überraschend zurückgezogen.

Auf der Homepage des Deutschen Zukunftspreises, den Bundespräsident Horst Köhler am 3. Dezember verleihen wird, stehen drei Bewerber mit ihren Innovationen aus den Bereichen Solartechnik und Elektronik. Die Stelle des vierten Bewerberteams mit einer medizintechnischen Neuentwicklung ist seit Kurzem leer. Bis Ende Oktober war eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Axel Haverich (Hannover) mit im Finale gewesen: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hatte Haverich, dessen Assistenzarzt Dr. med. Serghei Cebotari und Dr. rer. nat. Michael Harder, Geschäftsführer der Firma Corlife (Hannover), vorgeschlagen, weil sie mitwachsende Herzklappen für die Behandlung von herzkranken Kindern entwickelt haben – mit guten Ergebnissen in ersten klinischen Anwendungen. Bei dem Verfahren werden Herzklappen von Gewebespendern von Zellen befreit, übrig bleibt das Kollagengerüst. Es hat die Form einer Herzklappe und kann direkt Kindern mit Herzklappenfehlern implantiert werden. Oder vor der Implantation werden Endothelzellen des Patienten auf das Kollagengerüst aufgetragen, wo sie sich vermehren. Die Vorteile der Herzklappen gegenüber herkömmlichen: Sie regenerieren sich und passen sich dem Wachstum der Empfänger an, müssen also im Gegensatz zu herkömmlichen Herzklappen beim Längenwachstum nicht ausgetauscht werden. Und anders als bei mechanischen ist keine kontinuierliche Koagulationshemmung erforderlich.

Wenige Stunden aber nachdem die Jury ihre Vorauswahl Mitte Oktober bekannt gegeben hatte, klingelte das Telefon beim Juryvorsitzenden Prof. Dr. Günter Stock (Berlin): Ob nicht bekannt sei, dass ein Team um Prof. Dr. Wolfgang Konertz von der Charité – Universitätsmedizin Berlin Vergleichbares entwickelt habe wie Haverichs Arbeitsgruppe?

In der „Süddeutschen Zeitung“ (18./19. 10. 2008, S. 24) äußerte eine Medizinjuristin außerdem Zweifel an der Unbedenklichkeit der klinischen Prüfung. Mit ersten Humanversuchen zur Erprobung der mitwachsenden Herzklappen war vor sechs Jahren in Moldawien begonnen worden, dort, wo nach Meinung der Kritikerin die Rechte von Patienten weit weniger zählen als in Deutschland. Haverichs Begründung für den Gang ins Ausland: 2002 sei unklar gewesen, ob die neuen Herzklappen im Zuge der Umsetzung der EU-Geweberichtlinie in nationales Recht als Arzneimittel oder Medizinprodukt eingeordnet würden, und über seinen aus Moldawien stammenden Mitarbeiter Cebotari habe es gute Kontakte dorthin gegeben.

Klinische Erstanwendung in Moldawien unbedenklich
Die Jury hat nun die Nominierung des Teams um Haverich zurückgezogen. Nicht wegen rechtlicher oder medizinethischer Bedenken, wie sie mitteilt. In dieser Einschätzung dürfte sie sich bestärkt gefühlt haben durch zwei Gutachten, mit denen die DFG kurz nach Lautwerden der Kritik die Medizinethikerin Prof. Dr. phil. Bettina Schöne-Seifert (Münster) und Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz (Mannheim) beauftragt hatte. Die Gutachter halten die kinderchirurgischen Eingriffe in Moldawien und die Umstände, unter denen sie erfolgt sind, für ethisch unbedenklich, so die DFG.

Für die Jury steht auch „das Innovationspotenzial außer Zweifel“. Klärungsbedarf aber sieht sie in der Frage, ob „Dritte aufgrund ähnlicher Versuche ebenfalls Schutzrechte auf diesem Arbeitsgebiet beanspruchen“ könnten. Die Patentfähigkeit einer Innovation muss laut Statuten des Deutschen Zukunftspreises gesichert sein. „Es gehört zum regulären Vorgehen, dass ein vorgeschlagenes Team danach befragt wird, ob Patente Dritter den Statuten im Weg stehen könnten“, erklärt Stock gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Haverich habe auf Nachfrage versichert, ihm seien keine dem Preis entgegenstehenden Patente bekannt. Außer Konertz ist als möglicher „Dritter“ Augustinus Bader, Professor für Zelltechnik und angewandte Stammzellbiologie am Biotechnologisch-Biomedizinischen Zentrum der Universität Leipzig, im Gespräch. Zum Thema Bioreaktor- und Prozesstechnologie habe er grundlegende Beiträge geliefert und sei als Erfinder des entsprechenden Patents genannt, teilt Bader dem DÄ mit.

„Bis heute hat uns keine Seite eine mögliche Patentverletzung konkret dargelegt“, so Haverich gegenüber dem DÄ. Der in früherer Kooperation mit Bader gemeinsam entwickelte Bioreaktor sei vielfach modifiziert und nach 2002 nicht mehr verwendet worden, schon gar nicht im Sinne einer gewerblichen Anwendung. Die Vorwürfe beschränkten sich auf Mutmaßungen oder Andeutungen, für die Belege fehlten. „Die Jury selbst kann Patentfragen nicht klären“, sagt Stock. Auch DFG-Präsident Prof. Dr. Matthias Kleinert teilt mit, dies gehöre „grundsätzlich nicht zu den Aufgaben der DFG“. So wird es bei der Vorauswahl von drei Kandidaten für den Deutschen Zukunftspreis 2008 bleiben – ohne medizinische Innovation. „Wir nehmen keine Nachnominierungen vor“, erläutert Stock.

Axel Haverich hat nun die DFG gebeten, ihren Ausschuss zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens mit der Angelegenheit zu betrauen. Die DFG wird dieser Bitte nachkommen.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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