ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Mammografie-Screening-Programm: Was Screening und Science-Fiction gemeinsam haben

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Mammografie-Screening-Programm: Was Screening und Science-Fiction gemeinsam haben

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2454 / B-2087 / C-2021

Fromm, Bettina; Bente, Gary

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Fotos: ddp
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Mit dem englischen Begriff für eine Reihenuntersuchung kann die Mehrzahl der Frauen in der Zielgruppe nichts anfangen. Psychologen haben getestet, wie das Einladungsschreiben wahrgenommen wird.

Das 2005 in Deutschland eingeführte Mammografie-Screening-Programm stellt die Verantwortlichen ebenso wie die anspruchsberechtigten Frauen vor große Herausforderungen. Dies gilt nicht nur für den Aufbau medizinischer und versorgungstechnischer Strukturen, sondern auch für die Kommunikation mit der Zielgruppe. Denn beim Mammografie-Screening handelt es sich um eine Reihenuntersuchung, die in ihrer Art in Deutschland neu ist. Eine symptomfreie Bevölkerungsgruppe zwischen 50 und 69 Jahren wird über das Melderegister rekrutiert und per Brief alle zwei Jahre zur Untersuchung in speziell zugelassene Screeningeinheiten eingeladen. Die angeschriebenen Frauen müssen über die Vorteile und möglichen Nachteile des Screenings aufgeklärt werden. Dies soll ihnen eine informierte Entscheidung für oder gegen die Teilnahme am Screening ermöglichen.

Dem Einladungsschreiben kommt hierbei eine zentrale Bedeutung zu; es ist für viele Frauen der erste Berührungspunkt mit dem Mammografie-Screening. Die Kooperationsgemeinschaft Mammografie-Screening, die mit dem Aufbau und der Koordination des Programms betraut ist, beauftragte daher das Department Psychologie der Universität zu Köln im Juni mit der Evaluation des Einladungsschreibens.

Da bisher keine Ergebnisse zur Wahrnehmung des Einladungsschreibens aus der Perspektive der angeschriebenen Frauen vorlagen, wurde eine explorative Analyse mit problemzentrierten Interviews durchgeführt. Befragt wurden 30 Frauen in der anspruchsberechtigten Altersgruppe, die bisher kein Einladungsschreiben erhalten hatten, in den letzten Jahren nicht schwer erkrankt waren und zum größten Teil gesetzlich krankenversichert sind. Im Hinblick auf das Bildungsniveau wurde eine Gleichverteilung nach niedrigem, mittlerem und hohem Schulabschluss vorgenommen.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Mehrheit der befragten Frauen das Mammografie-Screening-Programm nicht bekannt ist. Dies gilt auch für den Begriff „Screening“ selbst. Die Befragten konnten sich nichts darunter vorstellen, assoziierten das Wort Screening mit „Science-Fiction“ oder einer neuen Untersuchungsmethode, die sie sich als „noch gezielter oder noch feiner“ oder „wie eine Art Schichtaufnahme“ vorstellten. Für andere war Screening gleichbedeutend mit Mammografie, und das Programm stellt folglich nichts Neues dar. Die Wahl eines englischen Begriffs erweist sich als problematisch für das Verständnis in der Zielgruppe der 50- bis 69-jährigen Frauen, die oftmals über keine oder nur geringe Englischkenntnisse verfügen.

Die zentralen Stellen, die das Einladungsschreiben verschicken, wurden als Absender des Anschreibens selten wahrgenommen; in den meisten Fällen wurde hier die Kassenärztliche Vereinigung genannt. Als Motive des Absenders wurden vor allem Kosteneinsparungen und die Verbesserung der Gesundheitssituation genannt. Im Hinblick auf die Weitergabe der persönlichen Daten wurde nur von einem Drittel der Befragten der Datenzugriff auf Basis des Melderegisters wahrgenommen, obwohl dieser im getesteten Anschreiben ausdrücklich erwähnt wird. Bezüglich der Weitergabe ihrer Daten äußerten die meisten der befragten Frauen keine datenschutzrechtlichen Bedenken.

Vor dem Hintergrund des persönlichen Gesundheitsbewusstseins, spezifischer Einstellungen zur Mammografie als Diagnoseverfahren und zum Screeningprogramm fällt die Motivation, am Screening teilzunehmen, unterschiedlich aus. Während sich neun Frauen zustimmend äußerten, lehnten zwölf eine Teilnahme ab; die anderen Frauen gaben an, sich erst nach Rücksprache mit ihrem Arzt oder ihrer Krankenkasse entscheiden zu können. In diesem Zusammenhang zeigten sich vier typische Handlungsmuster im Bezug auf das Programm:

- „Ich sage mal, je mehr man daran rührt, umso mehr kriegt man es; ich will das nicht, ich kriege das nicht, ich brauche das nicht.“: Die Unverwundbare hat noch nie eine Mammografie durchführen lassen oder tut dies allenfalls diskontinuierlich. Ihr auf Brustkrebs bezogenes Bewusstsein ist durch Verdrängung oder durch eine fatalistische Grundhaltung („wenn es mir bestimmt ist, dann kommt es“) geprägt. Von Informationen zum Thema wendet sie sich bewusst ab. Der Mammografie als Diagnoseverfahren steht sie ablehnend gegenüber, weil diese aus ihrer Sicht schmerzhaft, schädlich und unzulänglich ist. Eine Teilnahme an dem als bevormundend wahrgenommenen Programm kommt für die Unverwundbare nicht in Betracht.

- „Ich habe ja meinen Termin schon, ich habe ja mein Institut, ich habe ja meinen Arzt, für mich ist das abgehakt.“: Die Versorgte zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein aus und geht regelmäßig zur Mammografie. Die Prozedur empfindet sie als notwendiges Übel und sieht sich durch die Strahlenbelastung nicht übermäßig bedroht. Dennoch ist das Screening für die Versorgte keine neue Option. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie die Qualitätsanforderungen des Programms nicht wahrnimmt. Vielmehr weist das Programm aus ihrer Perspektive aufgrund des anonymen Ablaufs und der als bevormundend erlebten Praxis- und Terminvorgabe eindeutige Nachteile gegenüber der bisherigen Mammografie auf. Da für die Versorgte vor allem die vertrauensvolle und oftmals langjährige Beziehung zu ihrem Arzt von zentraler Bedeutung ist, sieht sie für sich keinen Sinn in einer Teilnahme und möchte alles weiter so handhaben wie bisher.

Das Einladungsschreiben ist für viele Frauen der erste Berührungspunkt mit dem Mammografie- Screening.
Das Einladungsschreiben ist für viele Frauen der erste Berührungspunkt mit dem Mammografie- Screening.
- „Dies ist eine sorgfältige, bessere Untersuchung und Befundung mit der Chance, noch früher etwas zu erkennen, als es meine eigene Gynäkologin kann.“: Die Pragmatische zeichnet sich wie die Versorgte durch ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein und -verhalten aus. Ihren Arzt beschreibt sie als Berater, den sie in ihre gesundheitsbezogenen Überlegungen einbezieht, dessen Meinung aber nicht zwangsläufig ausschlaggebend für ihre Entscheidungen ist. Die Pragmatische ergreift alle Maßnahmen zur Brustkrebsfrüherkennung und geht alle zwei Jahre oder sogar jährlich zur Mammografie. Das Screeningprogramm nimmt sie als neues Angebot mit Qualitätsanforderungen wahr, die einen spezifischen Mehrwert zu den bisher durchgeführten Untersuchungen darstellen. Die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen kommt ihrem pragmatischen Denken entgegen. Einer Teilnahme am Programm steht sie positiv gegenüber.

- „Da würde ich mich ganz nach meinem Arzt richten.“: Die Folgsame misst Früherkennungsmaßnahmen in gewissem Umfang Relevanz bei und lässt diese meist regelmäßig durchführen. Gleichzeitig steht sie der Medizin und ihren Möglichkeiten skeptisch gegenüber, und versucht diese Unwägbarkeiten zu reduzieren, indem sie sich ihrem Arzt anvertraut und ihm ein Stück weit die Verantwortung für ihre Gesundheit überträgt. Im Sinn dieses traditionell autoritativen Arzt-Patienten-Verhältnisses sind die Empfehlungen des Arztes für sie bindend, sodass die Folgsame die Entscheidung zur Teilnahme beziehungsweise Nichtteilnahme am Programm von seinem Rat abhängig macht.

Diese Studienergebnisse können einen Beitrag zur Optimierung der Kommunikation im Programm leisten. So können etwa bei Schulungen der Mitarbeiterinnen in den Callcentern der zentralen Stellen die typischen Kommunikationsbedürfnisse der Anruferinnen berücksichtigt werden.

Wenn es darum geht, den anspruchsberechtigten Frauen eine informierte Entscheidung zu ermöglichen, ist aber vor allem die Rolle der niedergelassenen Ärzte sowie der Krankenkassen zu berücksichtigen. Denn diese Personen oder Institutionen haben für die Frauen oftmals eine besonders hohe Kompetenz bei Gesundheitsangelegenheiten, sie sind die Partner einer oft langen vertrauensvollen Beziehung. Ihren Empfehlungen wird weitaus mehr Relevanz beigemessen als dem Einladungsschreiben einer bisher unbekannten Institution. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass Kommunikation und Ablauf eines neuen Angebots der medizinischen Versorgung mit seinen Besonderheiten erst einmal verinnerlicht und gelernt werden müssen – und das geht nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit.
Dr. Bettina Fromm,
Zentrum für Medien- und
Gesundheitskommunikation, Köln
Prof. Dr. Gary Bente,
Universität zu Köln
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