ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Neonatologie: Physiologische Grenzbereiche
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Ob den rasanten Erfolgen der letzten Neonatologie-Jahrzehnte jetzt ein gewisser Sättigungseffekt bevorsteht, bleibt abzuwarten. Jedenfalls sind wir in physiologische Grenzbereiche vorgestoßen und müssen im Prinzip nur noch zwei von europaweit vier Überschneidungswochen sinnvoll zuordnen: So fällt es schwer, neben einem wunderschönen 350-Gramm-Baby zu sitzen und vierzig Minuten zu warten, bis sein kleines Herz aufhört zu schlagen . . . Ein anderes Frühgeborenes kommt per Kaiserschnitt zur Welt, wobei der dringende Wunsch lautet, alles Machbare zu tun. Dieses Kind wiegt 290 Gramm, wird sofort intubiert und intensivmedizinisch weiterversorgt . . . Beide Wege sind aber derzeit korrekt, wenn es sich um die besagte Grauzone zwischen 22 und 24 Schwangerschaftswochen handelt, wenn Eltern wie Entbindungsteam das Prozedere vorgeben und wenn alle Terminberechnungen auch stimmen. Im langjährigen Konsens mit der Pädiatrie hat sich dieses Zeitfenster für Deutschland etabliert. Dennoch können neue Grauzonen entstehen, wenn z. B. nach initialer Maximaltherapie Komplikationen auftreten und sich eine katastrophale Entwicklung anbahnt . . . An welchem Punkt ist dann auf die mögliche Forderung nach Therapiebegrenzung einzugehen, um nicht ein qualvolles Leben in Schwerstbehinderung zu erzwingen? Oder anders gefragt: Wann wird die notwendige Ethik zur Schwester der Unbarmherzigkeit oder gar Heuchelei? Regressive Therapiestrategien sind auf drei Ebenen möglich: Erstens, – in Deutschland geächtet – aktive Lebensverkürzung durch toxische Medikamentendosis, in der Regel Opiate. Zweitens, Rücknahme von bereits eingeleiteten Therapiemaßnahmen, z. B. maschineller Beatmung oder Katecholaminen. Drittens, Akzeptanz sogenannter Zufallslücken mit Verzicht auf abermalige „Rettung“, z. B. bei artifizieller Extubation, Pneumothorax oder operativen Eingriffen . . . In allen genannten Fällen müssen wir letztlich eine individuelle Entscheidung suchen, unter strikter Einbeziehung der Eltern . . . Und schließlich zu den medizinpolitisch avisierten Mindestfallzahlen: Solche Forderungen sind durchaus plausibel, denn müssen nicht alle Hochleistungssysteme in ständigem Training bleiben, vom Sprinter über Musikvirtuosen bis zum Jetpiloten? . . .
Dr. med. Manfred Doerck,
Robert-Kirchhoff-Straße 43, 97076 Würzburg
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