ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Pädiatrie: Gegen jede Form von Gewalt

MEDIEN

Pädiatrie: Gegen jede Form von Gewalt

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2468

Hanefeld, Folker

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Gert Jacobi (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Epidemiologie, Diagnostik und Vorgehen. Huber, Bern, 2008, 528 Seiten, gebunden, 79,95 Euro
Gert Jacobi (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Epidemiologie, Diagnostik und Vorgehen. Huber, Bern, 2008, 528 Seiten, gebunden, 79,95 Euro
Der Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern sind die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen mit Erschrecken, Unverständnis und dem Ruf nach Bestrafung begegnet. Jenseits dieser emotionalen Reaktionen fanden Fragen nach den Ursachen, dem Erkennen, der Behandlung und der hieraus notwendig folgenden Prävention sehr viel weniger Interesse. Der Frankfurter Pädiater Gert Jacobi hat sich auf der Basis seiner langen beruflichen Erfahrung als Herausgeber der Monografie dieser Thematik gewidmet. Er wird dabei unterstützt von Spezialisten aus der Medizingeschichte und -ethik, der Neuroradiologie, Kinderchirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rechtsmedizin, Rechtswissenschaft und einer Diplom-Sozialpädagogin als Vertreterin der Jugendämter.

Jacobi führt den Leser nach einer umfassenden Darstellung der theoretischen Grundlagen, Begriffsbestimmungen und Folgen (er unterscheidet neurologische, mentale, psychoemotionale und Gedeihstörungen) anhand detaillierter Fallstudien aus einem Fundus von 234 eigenen Patienten durch alle Phasen der Diagnostik und Differenzialdiagnostik. Dabei bleibt er niemals bei der Erfassung von Symptomen und Zeichen stehen, sondern betrachtet das Kind immer in seinem sozialen Umfeld. Für die Diagnostik ist neben dem pädiatrischen-neurologischen Befund die neuroradiologische Untersuchung von besonderer Bedeutung. Typische Verletzungsmuster des Skeletts, der Weichteile und/ oder des Zentralnervensystems weisen auf eine nichtakzidentelle Schädigung des Kindes hin. Erschreckend sind die angegebene Häufigkeit von mehr als 150 000 Fällen pro Jahr in Deutschland und die zu vermutende hohe Dunkelziffer. Die meisten stationär behandelten Kinder sind jünger als drei Jahre, wobei das Schütteltrauma besonders Säuglinge betrifft. Zwölf bis 15 Prozent der misshandelten Kinder versterben, 40 Prozent erleiden bleibende physische Schäden, vor allem als Folge von Hirnblutungen und Verletzungen.

Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom wurde erst in den 70er-Jahren als besondere Form der Kindesmisshandlung identifiziert: Die schädigende Person (in 95 Prozent der Fälle die Mutter) verursacht Krankheitssymptome, für die es keine echte Erkrankung als Erklärung gibt. Die oft bizarren Krankheitsbilder sind häufig Anlass für zahlreiche risikobehaftete diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Jacobi beschreibt das Krankheitsbild anhand mehrerer Fallbeispiele sehr ausführlich.

Wichtig und hilfreich ist die Darstellung der Rolle einzelner Berufsgruppen bei der Versorgung misshandelter Kinder. Sie zeigt sehr eindrücklich die oft vermeidbaren Fehler und Unterlassungen auf allen Ebenen, die für die Betroffenen tödlich sein können. Die Kapitel „Problemfelder des Rechts“ und das „Handeln des Jugendamtes“, geschrieben von erfahrenen Fachleuten, ergänzen die Problematik in vorzüglicher Weise.

Beeindruckt wird der Leser von der Leidenschaftlichkeit, mit der Jacobi für das Wohl der Kinder und gegen jede Form von Gewalt eintritt. Die Monografie informiert auf 528 Seiten über alle wichtigen Aspekte der gewählten Thematik. Mehr als 1 100 Literaturzitate gestatten dem Leser Zugang zur internationalen Literatur. Zahlreiche, oft farbige Abbildungen illustrieren diese schwierige, oft bedrückende Thematik der Medizin. Detailliertes Wissen zur Früherkennung, Behandlung und Prävention der Kindesmisshandlung und Vernachlässigung sind für den Arzt und alle Beteiligten notwendiges Rüstzeug. Die Monografie vermittelt es in ganzem Umfang. Gemessen an Umfang, Ausstattung und Inhalt ist das Buch für 79,95 Euro eine lohnende Anschaffung. Es sollte in keiner kinderärztlichen Praxis fehlen.
Folker Hanefeld
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema