ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Börsebius: Yes, he can (oder auch nicht)

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Börsebius: Yes, he can (oder auch nicht)

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2481 / B-2109 / C-2037

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Die Börsen der Welt nahmen den Wahlsieg Barack Obamas vorweg. Am Tag vor dem entscheidenden Datum legten die Stockmarkets allerorten kräftig zu, obwohl nicht wirklich klar war, ob Barack – den Prognosen zum Trotz – überhaupt gewänne, und vor allem, wie hoch der Abstand sein könne.

Verrückte Börsenwelt. Als der Wahlsieg noch deutlicher ausfiel als von vielen erwartet, legten die Wertpapiermärkte genauso signifikant den Rückwärtsgang ein und verloren ordentlich, der DAX brachte es einen Tag später auf ein Minus von fünf Prozent. Zufall oder bereits Katzenjammer?
Interessant ist, dass sich jetzt schon Horden von Experten aus der Deckung wagen, wie es der 44. Präsident denn richten werde – oder auch nicht – und dann munter Aussagen darüber ins Volk träufeln, welche Branchen vom Wahlsieg profitieren dürften (Healthcare, aber ohne Pharma; Konsumwerte sowie regenerative Energien) und welche eben nicht (Banken, Finanzdienstleister, Versorger, Rüstung, Öl und Gas sowie Pharma). Was davon eintritt, vermag zutreffend aber niemand zu sagen. Dazu sind die weltpolitischen Vorgaben einfach anders dimensioniert als jemals zuvor. Ein geschichtsträchtiges Ereignis jagt das andere. Der erste afroamerikanische US-Präsident wird sich mit einer ebenso epochalen Finanzkrise und ihren noch längst nicht ausgestandenen Folgen auseinandersetzen müssen und steht möglicherweise vor einer gewaltigen Bruchlandung der heimischen Wirtschaft mit schlimmen Folgen für die Weltkonjunktur.

Auf den Mann wartet also reichlich Arbeit. Die Verheißung des Wandels – „yes, we can“ – muss also realiter umgesetzt werden. Barack Obama muss schleunigst sein Kabinett benennen, vor allem den enorm wichtigen Finanzminister, damit steht und fällt die Beherrschung der Finanzkrise. Obama wird darüber hinaus versuchen, sein Charisma und den von ihm versprühten Optimismus auf die Bürger seines Landes zu übertragen. Wir wissen alle, dass die Wirtschaft auch aus Psychologie besteht und die Börsen allemal.

Dass ein Gutwetterblick durchaus etwas bringt, haben bereits Strahlemann Bill Clinton und der Schauspieler Ronald Reagan vorexerziert. Obama weiß ganz genau, dass die Konjunktur Vorrang vor jedweder politischen Agenda hat. Daher wird es die angekündigten Steuererhöhungen zulasten reicher US-Amerikaner mit Sicherheit vorerst nicht geben. Ebenso sicher dürfte das US-Haushaltsdefizit weiter drastisch steigen, staatliche Rettungsprogramme in Billionenhöhe kosten. Die Gemengelage bleibt demnach durchaus verwirrend. Kein Wunder also, dass die Börsen irritiert sind und erratisch flattern.

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichtsbücher weiter. Seit 1901 legte der US-Aktienmarkt unter demokratischer Präsidentschaft im Schnitt deutlich besser zu als unter einer republikanischen. Das verwundert etwas, weil Letztere als wirtschaftsfreundlicher gelten. Aber so ist das mit einfachen Weisheiten. Schöner Schein, du bist so trügerisch.
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