ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Rolando Villazón als Clowndoktor: Eine Arie auf das Leben

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Rolando Villazón als Clowndoktor: Eine Arie auf das Leben

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): A-2483 / B-2111 / C-2039

Hempel, Ulrike

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Bitte recht freundlich: Tenor Villazón (rechts) mit zwei Kollegen bei einem Krankenbesuch der heiteren Art Foto: Susanne Hartung
Bitte recht freundlich: Tenor Villazón (rechts) mit zwei Kollegen bei einem Krankenbesuch der heiteren Art Foto: Susanne Hartung
Der mexikanische Startenor engagiert sich seit dem Frühjahr für „Rote Nasen Clowndoctors International“. Vor Kurzem brachte er Patienten im Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin „Josephinchen“ zum Lachen.

Robin Samuel (6) und Jenny-Elaine (7) liegen im St. Joseph-Krankenhaus. Beide haben ein Hämangiom im Kopfbereich und sind zur Lasertherapie hier. An diesem Tag ist noch nichts Ungewöhnliches passiert. Schwestern und Ärzte kamen und gingen, die Eltern brachten Kuscheltiere und Saft. Aber plötzlich herrscht brummende Aufregung: unbekannter Besuch am Krankenbett. Ein Mann, Mitte 30, schwarz glänzendes Haar, dunkle knupperkirschgroße Augen, knallrote Schaumstoffnase mitten im Gesicht. Er stellt sich als Rolando Villazón vor, in Begleitung von Clownin „Briischitt“ und Clown „Silva“, dessen Propellerfliege unterm Kinn an Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“ von hinten erinnert.

Die Drei blasen bunte Luftballons auf, die sie zu allerlei Hundegestalten quetschen und knoten. Villazón singt außerdem die Arie „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus der Operette „Giuditta“. Jenny-Elaine kichert in die vorgehaltene Hand: „Jetzt singt er auch noch so komisch, der ist wirklich lustig.“

Das Mädchen weiß nicht, dass auf dem Schwarzmarkt mittlerweile 1 500 Euro für eine Karte einer „Traviata-Aufführung“ mit ihm geboten werden und Villazón als der „mexikanische Wahnsinn“ auf den Opernbühnen von Paris bis New York gefeiert wird. Sie ahnt nicht, dass viele Menschen sie um dieses kurze Live-konzert beneiden würden.

Nach der Clownvisite schwärmt Villazón vom Lachen der beiden Kinder. Der Tenor erinnert sich an seine eigene Kindheit in Mexiko City, wo er 1972 geboren wurde. Seine Großeltern emigrierten während der Nazizeit aus Österreich nach Mexiko. Auf Wunsch der deutschsprachigen Oma besuchte er die einzige deutsche Schule im Land, das Colegio Alemán „Alexander von Humboldt“.

Schon damals ging Villazón mit seinen Mitschülern ins Hospital; sie führten kleine Stücke auf und sangen den kranken Menschen vor. Von ihnen erfuhr er, wie wichtig diese Besuche waren. Sie erzählten ihm, dass man in einem Krankenhaus manchmal die Traurigkeit kaum aushalten könne. Immer wieder stellen sich Patienten dieselben Fragen: Ob es morgen schon besser geht? Ob man wieder ganz gesund wird? Ob man sterben muss?

„Clowns sind wie frische Luft“ – Villazón deutet mit einer Geste das Aufreißen riesiger Fensterläden an. „Spaß und Humor sind wie ein offenes Fenster, an dem man frei atmet“.

Natürlich gebe es auch Kinder, die Angst vor dem Clown hätten, sagt er. Aber man könne diese Furcht verwandeln in Freude, wenn das Kind es zulässt. Mit dieser Bemerkung bezieht sich der Schirmherr der „Rote Nasen International“ vermutlich auf die sogenannte Sheffield-Studie, die Anfang 2008 in der britischen Pflegezeitschrift „Nursing Standard“ erschien. Britische Forscher fanden heraus, dass viele Kinder Angst vor den Clownbildern hatten, die an den Wänden mancher Krankenzimmer und Flure hingen. Für die Studie befragte man 250 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 16 Jahren, die als Patienten in Krankenhäusern der Region lagen.

Wie gehts Dir? Robin Samuel erzählt,Villazón hört zu. Mancher Clown kann mehr als Faxen.
Wie gehts Dir? Robin Samuel erzählt,Villazón hört zu. Mancher Clown kann mehr als Faxen.
Es ging also nicht um Clowns wie die Roten Nasen, die Kinder und Jugendliche im Krankenhaus besuchen, sondern um Bilder von Clowns. Trotzdem werden sich derartige Projekte künftig häufiger dem wissenschaftlichen Interesse nach der Wirksamkeit ihrer Besuche stellen müssen.

Am Berliner Universitätsklinikum Charité wird vor diesem Hintergrund seit 2006 eine Studie mit dem Titel „Integrierte Clowntherapie bei Kindern mit chronischen Erkrankungen“ durchgeführt. Mit der Evaluation ist die Doktorandin Daniela Plötner beauftragt. Da die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen seien, lägen bisher keine aussagekräftigen Ergebnisse vor, sagt Sven-Daniel Pawlitschko alias Clown Daniel, Vorstandsmitglied und künstlerischer Leiter des Projekts „Clownsprechstunde e.V“.

Spielen und Lachen animieren den Kreislauf, stärken das Immunsystem, fördern den Schlaf und die Entspannung, kräftigen das Herz, lockern die Muskulatur, verringern den Schmerz und stärken das Selbstbewusstsein. Das sei alles erwiesen, meinen die Roten Nasen. 22 Clowns arbeiten in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg. Sie betreuen Kinderkliniken und Senioreneinrichtungen.

Für Prof. Dr. med. Harald Schachinger, ehemaliger Chefarzt der Pädiatrischen Klinik im Evangelischen Waldkrankenhaus Berlin-Spandau, ist die Wirkung der Clownvisite „ein Wechselspiel zwischen Medizin und paramedizinischen Wirkungen“. Schachinger gehört zum wissenschaftlichen Beirat, der den Clowns im Krankenhaus zur Seite steht.

Die meisten Leute lieben die chaotischen Spaßmacher wegen ihrer Ausgelassenheit, so wie Villazón. Nur der Clown besitzt nach Ansicht des Startenors diesen einzigartigen imaginären Spiegel, den er hochhält und ruft: „Schaut mal her, wir können darüber gemeinsam lachen, auch wenn es sehr traurig ist.“

Heute noch Clowndoktor und Spaßmacher, morgen schon wieder auf der Bühne – Villazón ist ständig unterwegs. Sein Beruf ist eine Herausforderung für die ganze Familie, denn seine Frau und die beiden Söhne begleiten ihn überallhin. Warum engagiert er sich zusätzlich noch für die Roten Nasen? Scherzhaft antwortet er: „Weil sonst der Clown „Briischitt“ zu all meinen Auftritten kommt und ,Buh’ macht.“ Aber im Ernst: Aufgabe des Humorbotschafters und Schirmherrn ist es, Menschen zu finden, die den Clowns im Krankenhaus mehr Aufmerksamkeit schenken und sie mit Spenden unterstützen. Dabei nutzt Villazóns Berühmtheit. Zusätzlich ist sein Engagement, „Anteil an einem fantastischen Abenteuer“, wie er sagt, auch ein Gewinn für ihn selbst: „Leben ist überall, für Robin Samuel und Jenny-Elaine im Moment hier im Krankenhaus.“
Ulrike Hempel
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