ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2008Arztgeschichte: Der kölsche Klüngel

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der kölsche Klüngel

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): [88]

Heeger, Petra

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Bald war Jupp komplett eingekleidet. Zwar passte nichts richtig, aber es kam von Herzen.“

Ein Kölner Stadtrandkrankenhaus in den Achtzigern. Vom Rettungsdienst wurde eine „hilflose Person“ eingeliefert. Hilflose Personen wurden bis zum Beweis des Gegenteils internistisch aufgenommen. Der Internist suchte gründlich und fand schließlich eine alte mikroskopisch kleine Wunde, die es seiner Meinung nach erforderte, den Patienten chirurgisch aufzunehmen. Also wurde ich aus dem Bett geklingelt. Untersuchen bräuchte ich den Patienten nicht mehr, das habe der Kollege freundlicherweise schon getan. Mürrisch schlurfte ich in die Aufnahme. Beim Anblick des Mannes – nennen wir ihn Jupp – gab ich die Anweisung: „Ausziehen, Schrubben, Klamotten verbrennen.“ Der Pfleger gab alles, und einige Zeit später stand Jupp vor mir, rosarot glänzend, schmächtig und wie der Herr ihn erschaffen hatte. Er erhielt ein „Engelhemd“.

Mit einem Nicken des Kopfes gab ich ihm zu verstehen, er solle mir folgen. Auf dem Weg zur Station versuchte er, das hinten offene Hemd notdürftig zuzuhalten. Wir begegneten Herrn Müller, den seine Prostata mehrfach in der Nacht aus dem Bett trieb. „Hät dä Jung nix anzetrecke?“ war seine verwunderte Frage. „Dat jeht ewwer nit. Ming Frau hat mer da so ene Schlafanzuch mitjebrach. Dä möht jenau passe.“ Seine Gattin hatte offensichtlich Probleme, den Geschmack von Herrn Müller in Sachen Schlafbekleidung zu treffen. Außerdem war Herr Müller sehr kräftig gebaut. So erhielt Jupp einen schreiend bunten und mehrere Nummern zu großen Schlafanzug. Herr Müller war auch sehr kommunikativ. Am nächsten Tag schlug der kölsche Klüngel zu. Auf der Männerstation wurde gesichtet. Bald war Jupp komplett eingekleidet. Zwar passte nichts richtig, schon gar nicht zusammen, aber es kam von Herzen. Jeder hatte etwas gegeben. Sogar Schuhe waren dabei. Und Jupp gab auf seine Art zurück. Er war ja eigentlich nicht wirklich krank. Er half beim Essen-austeilen, er begleitete die klapprigen Herren zur Toilette, er schob die Gehunfähigen mit dem Rollstuhl durch den Krankenhausgarten, den Sehschwachen las er die Zeitung vor. Irgendwann gehörte er einfach zur Station. Es war die Zeit vor der Begrenzung der Liegedauer. Trotzdem musste auch Jupp uns irgendwann verlassen. Am Entlassungstag stand er wieder vor mir. Verlegen stieg er von einem Bein auf das andere. „Wat es, Jupp?“, fragte ich ihn. „Sach et."

„Kann ich einmal in der Woche zum Duschen wieder herkommen?“, fragte er nach einer Weile leise. Ich musste lachen. „Jo klar. Un wat ze esse han mer dann sischer och.“ Er kam jede Woche, viele Wochen lang. Irgendwann blieb er aber aus. Ich war enttäuscht und traurig.

Doch dann war er wieder da. In einer alten, aber sauberen und gepflegten Livree mit blank geputzten Messingknöpfen. In der einen Hand hatte er einen großen Blumenstrauß und in der anderen eine große Schachtel mit Pralinen. Er strahlte. Die Pralinen waren für die Schwestern. Die Blumen hielt er mir hin. „Für die Frau Doktor. Danke für das ,Ausziehen, schrubben und Klamotten verbrennen‘. Das war – deutlich. Und dann die Aufnahme auf der Station hier. Mir war klar, ich hatte es selbst in der Hand, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Jetzt habe ich Arbeit gefunden. Als Parkplatzwächter. Eine richtige Wohnung habe ich auch wieder. Danke nochmal.“
Dr. med. Petra Heeger
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