ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2008Medica 2008: Gesundheitstelematik – Kommunikation im Mittelpunkt

SUPPLEMENT: PRAXiS

Medica 2008: Gesundheitstelematik – Kommunikation im Mittelpunkt

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): [3]

Krüger-Brand, Heike E.

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Auf rund 118 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche kann sich der Besucher über Medizin&shy:technik, Telemedizin und Lösungen für die Vernetzung informieren. Foto: Messe Düsseldorf
Auf rund 118 000 Quadrat­metern Ausstellungs­fläche kann sich der Besucher über Medizin­:technik, Tele­medizin und Lösungen für die Vernetzung informieren. Foto: Messe Düsseldorf
Zum 40-jährigen Jubiläum präsentiert sich die Kongressmesse gut aufgestellt: Mehr als 4 200 Anbieter aus aller Welt zeigen Innovationen und Produkte. Ein Schwerpunkt ist die medizinische Informationstechnologie.

Wie schon seit mehreren Jahren ist die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ein zentrales Thema der Medica, doch anders als früher scheint es jetzt tatsächlich Ernst zu werden: Im ersten Quartal 2009 soll in der Region Nordrhein der Basisrollout der eGK starten. Die Chipkarte, die die Krankenkassen dann an ihre Versicherten ausgeben, hat jedoch zunächst nur einen sehr eingeschränkten Funktionsumfang: Abgesehen vom zusätzlich aufgebrachten Lichtbild des Karteninhabers, das den Missbrauch eindämmen soll, übernimmt sie lediglich die Funktionen der bisherigen Krankenversichertenkarte (KVK) und wird ausschließlich offline, das heißt ohne Netzanbindung, genutzt.

Für den Basisrollout erhalten alle niedergelassenen Ärzte in der Region Nordrhein neue Kartenlesegeräte – „E-Health/BCS-Kartenterminals“ –, die sowohl die eGK als auch die alte KVK verarbeiten können. Entsprechende Geräte, die dafür einen aufwendigen Zulassungsprozess durchlaufen müssen, sind beispielsweise an den Ständen von Hypercom (Halle 15/C51), Celectronic (Halle 15/G05) und Sagem Monétel (Halle 15/D37) zu sehen sowie bei der für die eGK zuständigen Betreiberorganisation Gematik (Halle 16/C18).

Parallel zum Basisrollout werden in den sieben Testregionen bereits weitere Anwendungen der Karte erprobt, wie der elektronische Not­fall­daten­satz und das elektronische Rezept – ebenfalls noch offline. Dort arbeiten die Arztpraxen jedoch bereits mit sogenannten Konnektoren, speziellen Routern, die den sicheren Zugang zum Kommunikationsnetzwerk ermöglichen und auch dafür sorgen, dass die Daten verschlüsselt übertragen werden. Entsprechende Geräte präsentieren unter anderem Siemens (Halle 15/F33; Halle 10/A18) und Intercomponentware (ICW; Halle 15/E48). Erst wenn die Ärzte in den Testregionen Mitte 2009 online gehen, können auch elektronische Arztbriefe versandt oder elektronische Patientenakten angelegt werden. Demonstrationen hierzu finden ebenfalls beim Gematik-Stand statt (siehe auch das Bartels-Interview, Seite 4 f.).

Die Vernetzung und die Nutzung elektronischer Patientenakten sind wichtige Themen. Foto: Bilderbox
Die Vernetzung und die Nutzung elektronischer Patienten­akten sind wichtige Themen. Foto: Bilderbox
Um generell die Akzeptanz der eGK bei den Ärzten zu erhöhen, müssen Aufklärung und Information zum Projekt jedoch noch erheblich verbessert werden: Nach einer Onlinebefragung des Meinungsforschungsinstituts TNS Healthcare im September 2008 bei 245 niedergelassenen Hausärzten und hausärztlichen Internisten erwarten 84 Prozent der befragten Ärzte einen erhöhten Verwaltungsaufwand für ihre Praxis. 89 Prozent der Ärzte rechnen mit zusätzlichen Anschaffungskosten für Hard- und Software. Obwohl eine Mehrheit der niedergelassenen Ärzte (64 Prozent) einen Vorteil durch die Einführung der eGK beim Zugang zu Informationen über Diagnose und Therapie der Patienten sieht, glauben nur 36 Prozent an eine verbesserte Behandlung und Betreuung chronisch Kranker. Auch die Koordination zwischen den verschiedenen Facharztgruppen wird nach Meinung der Ärzte durch die Gesundheitskarte nicht verbessert.

Was technisch im Sinne einer effizienten Steuerung von Behandlungsprozessen (mit und ohne eGK) inzwischen möglich ist, zeigen zahlreiche weitere IT-Unternehmen. So präsentiert T-Systems beispielsweise den Liveeinsatz einer elektronischen Patientenakte, basierend auf Standards, die auch für die eGK gelten: Dazu werden in einem Pilotprojekt mit der Knappschaft Bahn-See rund 20 000 Versicherte mit einer Chipkarte sowie 80 Ärzte mit einem elektronischen Heilberufsausweis ausgestattet, um im Rahmen des Prosper-Ärztenetzes in Bottrop eine einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte zu erproben. Ziel des Projekts ist es nachzuweisen, wie Informations- und Kommunikationstechnik die medizinische Versorgung verbessern und Kosten sparen kann, indem alle teilnehmenden medizinischen Einrichtungen vernetzt miteinander arbeiten. (T-Systems: Halle 15/A31)

Weitere Beispiele für Projekte, in denen elektronische Patienten- oder Fallakten als Grundlage für die Zusammenarbeit von Kliniken mit zuweisenden Ärzten dienen und medizinische Daten zentral auf Servern gespeichert werden, gibt es inzwischen zahlreich: Ob an den Ständen von ICW, Compugroup/Vita-X (Halle 15/E18), Siemens oder Isoft (Halle 15/C32) – an Prototypen für elektronische Patientenakten herrscht kein Mangel, auch wenn einheitliche technische Spezifikationen und Standards hierfür bislang noch fehlen.

Die Datenspeicherung auf zentralen Servern stößt jedoch bei einem Teil der Ärzteschaft auf große Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes. Eine Forderung beim letzten Deutschen Ärztetag war die Erprobung von Speichermedien in der Hand des Patienten als Alternative zur servergestützten Datenspeicherung. Auf Beschluss der Gesellschafterversammlung der Gematik soll daher jetzt zusätzlich ein Konzept zur Testung von USB-Sticks erarbeitet werden, das allerdings auch einen kryptografischen Schutz der Daten mit dem Schlüssel der eGK umfasst.

Ein weiteres Beispiel für die Vernetzung in der Gesundheitsversorgung ist das „Future Hospital“. Unter dem Schlagwort „One-IT“ integriert der private Klinikkonzern Asklepios seine an verschiedenen Standorten sitzenden medizinischen Spezialisten in ein IT-Netzwerk. Auf Basis dieser standardisierten Infrastruktur können sich Ärzte zeit- und ortsunabhängig mit ihren Kollegen austauschen, Diagnose und Therapie eines Patienten besprechen und sich zum Beispiel gemeinsam Röntgenbilder am Bildschirm ansehen. Technischer Partner ist unter anderem T-Systems.

In den USA bieten große Softwareunternehmen wie Microsoft mit „HealthVault“ oder Google mit „Google Health“ inzwischen elektronische Gesundheitsakten an. Derartige Angebote, bei denen die Patienten ihre Datensammlungen selbst über das Internet pflegen, werden sich nach Meinung von Experten im Unterschied zu arztgeführten Akten in Deutschland wohl nicht so schnell etablieren. „Der Web-2.0-Gedanke befindet sich – bezogen auf die Interaktion von Patienten und Versorgern – hierzulande noch in der Frühphase. Und bis jetzt scheinen viele Patienten auch noch nicht den konkreten Nutzen für sich zu sehen, der sich aus der eigenen Ausgestaltung einer Gesundheitsakte ergeben könnte“, meint etwa Prof. Dr. Frank Ückert vom Universitätsklinikum Münster. Ückert spricht aus Erfahrung, denn er war maßgeblich an der Entwicklung von „akteonline“, einer webbasierten elektronischen Gesundheitsakte, beteiligt. Im Rahmen des Telemedizinforums Medica-Media informiert er in Anspielung auf das Web 2.0 (das „Mitmach-Web“) über Aktivitäten der „Medizin 2.0“, bei der die Internetnutzer die entscheidenden Akteure werden.

Der Computer im Einsatz für Therapie und Prävention: Bei der Nutzung von Spielekonsolen für die Rehabilitation sind die USA allerdings noch Vorreiter. Foto: AP
Der Computer im Einsatz für Therapie und Prävention: Bei der Nutzung von Spielekonsolen für die Rehabilitation sind die USA allerdings noch Vorreiter. Foto: AP
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Interaktivität ist auch ein wesentliches Moment für einen anderen Trend: den Einsatz von Computerspielen in der Medizin. Diese stellen nicht nur ein Risiko für die Gesundheit und psychische Entwicklung dar, sondern können auch therapeutisch genutzt werden. So haben etwa Psychologen der Universität Zürich das auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltensmodifikation basierende Spiel „Schatzsuche“ entwickelt, mit dem ängstliche und depressive sowie aggressive Kinder lernen, wie sie ihre Gedanken, Gefühle und Impulse besser kontrollieren können. Ein anderes Beispiel ist der Einsatz von Spielekonsolen für rehabilitative Maßnahmen. Kliniken in den USA nutzen die Nintendo-Spielkonsole „Wii“ in der Schlaganfallrehabilitation, um die motorischen Fähigkeiten ihrer Patienten zu verbessern. Die Konsolen sind mit einer innovativen Steuerung ausgestattet, bei der die Spieler anstelle von Joysticks mit einem Controller in der Hand agieren, dessen räumliche Position durch Bewegungssensoren registriert wird, sodass die Spiele über Körperbewegungen gesteuert werden.

Bildschirmansicht aus dem Programm „Mobile Fitness“ der Barmer Ersatzkasse
Bildschirmansicht aus dem Programm „Mobile Fitness“ der Barmer Ersatzkasse
Auch hierzulande wird IT zunehmend als ein Werkzeug erkannt, das eine gesunde Lebensweise unterstützen kann. So hat die Barmer Ersatzkasse zusammen mit T-Systems Mitte 2008 das Programm „Mobile Fitness“ gestartet. Jogger, Radfahrer oder Walker tragen während ihrer sportlichen Aktivitäten einen Brustgurt, der über Bluetooth fitnessrelevante Daten wie etwa die Herzfrequenz an das Handy des Sportlers überträgt. Dieser sieht die Daten auf dem Display und kann seine Anstrengungen den angezeigten Werten anpassen. Nach dem Training sendet das Mobiltelefon die ermittelten biometrischen Werte an das Webportal der Barmer zur sportmedizinischen Analyse. Mittels GPS-Funktion des Handys lässt sich dabei sogar die absolvierte Strecke berechnen. Je nach Fitness erstellt die Software dann einen individuellen Trainingsplan oder macht Streckenvorschläge. (Halle 15/A31)

Auch die elektronische Gesundheitsakte „LifeSensor“ der ICW lässt sich über ein Zusatzmodul zur Fitnessakte erweitern: An die Akte können bestehende Trainingsplanungs- und Trainingssteuerungssysteme angebunden und die trainingsrelevanten Daten ohne manuelle Erfassung dokumentiert und ausgewertet werden. Außerdem ist die Gesundheitsakte kompatibel zu Apples „iPhone“ und „iPod“. Heike E. Krüger-Brand


Medica-Basisinfo
Zeit: 19. bis 22. November 2008
Ort: Düsseldorf, Messe
Eintritt: Tageskarte für Fachmesse:
29 Euro (Tageskasse); 14 Euro (im Online-
shop); Dauerkarte: 72 Euro (Tageskasse), 50 Euro (im Onlineshop)
Internet: www.medica.de. Sämtliche Themen der Medica und des Medica-Kongresses können über das Internet
abgerufen werden. Zusätzlich informiert das Portal auch über neue Services, Produkte und Geräte der Aussteller.

Sonderveranstaltungen
- Medica-Media: Forum für Gesundheitstelematik und medizinische Informationstechnologie (Programm unter www.medicamedia.de)
- Medica-Vision: Medizinische und medizintechnische Forschung, unter anderem mit den Themen innovative Bildgebung, Assistenzsysteme, schonendes Operieren und Implantate
- Karriereforum des Deutschen Ärzteblattes zum Arbeitsmarkt sowie zur Berufs- und Karriereplanung für Ärzte

Leitfaden
Die Gemeinschaftsinitiative GoITG hat ihren Leitfaden zur Beschaffung von Informations- und Medizintechnik fertiggestellt. Der Verband der Beratungsunternehmen im Gesundheitswesen, der Verband der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen und der Medizintechnik-Branchenverband Spectaris wollen damit ein praxisnahes Vorgehensmodell für die Beschaffung komplexer Informations- und Medizintechniksysteme etablieren. Das zuletzt ergänzte Kapitel „Vertragsgestaltung“ enthält Empfehlungen für die effiziente Erstellung von Verträgen im Rahmen der Beschaffung und des Betriebs von IT- und Medizintechnikkomponenten und -dienstleistungen. Der Leitfaden ist kostenfrei im Internet unter www.vhitg.de verfügbar. Er wird im Rahmen der Medica beim Deutschen Krankenhaustag vorgestellt (20. November 2008, 15.00 Uhr, CCD-Ost, Raum R).

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