ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2008Wundnetz Witten: Erfolgsmodell Telekonsil

SUPPLEMENT: PRAXiS

Wundnetz Witten: Erfolgsmodell Telekonsil

Dtsch Arztebl 2008; 105(46): [10]

Imhoff-Hasse, Susanne

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LNSLNS Beschleunigte Wundheilung, weniger Verbandwechsel und eingesparte Krankenfahrten sprechen für den Einsatz telemedizinischer Verfahren bei Patienten mit Wundheilungsstörungen.

Digitale Wundfotos werden über eine gesicherte Verbindung interdisziplinär begutachtet, der Heilungsverlauf wird detailliert dokumentiert. Foto: Clasbrummel
Digitale Wundfotos werden über eine gesicherte Verbindung interdisziplinär begutachtet, der Heilungsverlauf wird detailliert dokumentiert. Foto: Clasbrummel
Das Telemonitoring von Patienten sollte mehr als bisher als Bestandteil der ärztlichen Leistung angesehen werden. Ein erfolgreiches Modell dazu ist das Wundnetz Witten mit telematischer Patientenvorstellung bei Fachärzten und Wundexperten, das die ärztliche Qualitätsgemeinschaft Witten der niedergelassenen Ärzte um Dr. med. Frank Koch gemeinsam mit Dr. med. Bernhard Clasbrummel vom evangelischen Krankenhaus Witten initiiert hat. Durch das Telekonsil kann der unterbrochene Datenfluss zwischen Haus-, Fach- und Klinikärzten geschlossen werden – mit beschleunigter Wundheilung und selteneren Verbandwechseln bei diabetischen Patienten bis hin zu komplett eingesparten Krankenfahrten als Folge.

Vor knapp zwei Jahren startete das regionale Projekt der ärztlichen Qualitätsgemeinschaft, einem Zusammenschluss von 116 der 132 Wittener Mediziner, mit Clasbrummel, der Chefarzt an der 302-Betten-Klinik in Westfalen ist. Die Arbeitsgruppe Telemedizin der Universitätsklinik Bochum und das Dortmunder Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik begleiten dies als Partner.

Wöchentliche Konferenz
Seitdem verbesserte sich die Wundversorgung von mehr als 320 Diabe-tespatienten, indem niedergelassene Ärzte digitale Wundfotos standardisiert an eine Expertenrunde zur Beurteilung senden. Nach Einwilligung des Patienten übermittelt dessen Arzt bei Wundheilungsstörungen die Daten elektronisch über eine gesicherte Webschnittstelle an Fachärzte und Teilnehmer der wöchentlichen Wundkonferenz des Krankenhauses, darunter Diabetologen, Internisten, Dermatologen und Chirurgen.

Dazu fotografiert der Arzt einmal zu Beginn und erneut vier Wochen später die Wunde in seiner Praxis mit einer Digitalkamera mit mindestens 4 000 Kelvin und unter Blitzlicht. Die Daten werden dabei automatisch an die elektronische Krankenakte des Patienten übertragen. Standardisiert wurden beispielsweise die Skalierung mittels Kalibrierrahmen, der Weißabgleich, die Kompression der Bilder und die Entfernung zum Motiv.

Ein am Wittener Krankenhaus entwickeltes Lineal reduziere die Reflexion des Blitzlichts, die niedergelassenen Ärzte könnten jedoch auch handelsübliche Lineale zur Abmessung der Wunde nehmen, hieß es. Zur Optimierung der Wundbilder ist ein neutraler, grüner, nicht reflektierender Hintergrund erforderlich, etwa ein OP-Tuch. Laut Clasbrummel lassen sich so einzelne Bilder vergleichen und von vielen Experten der Verlauf der Wundheilung begutachten. Besonders die Darstellung der Wundfotos zur Besprechung des Heilungsverlaufs sei neben der technischen Unterstützung der behandelnden Ärzte die Stärke dieses Konsils. Nach der telematischen Vorstellung der Wunden im Expertenkreis wird deren Empfehlung im Wundnetz dokumentiert; eine Studie begleitet das Projekt.

Clasbrummel hält „normale“ Kameras für ausreichend scharf für die Diagnostik, da das Auge Farbabweichungen im Rot-Grün-Blau-Raum bis zu zehn Prozent toleriere. Als mögliche Beispiele nannte er Nikon, Canon G6, Sony Ericson P910i und Vodafone PDA. Alle technischen Voraussetzungen zur digitalen Bildübertragung oder zur Datensicherheit seien zuvor erfolgreich abgeschlossen worden. Die Patientenstammdaten würden auf einem zentralen Server abgelegt, wobei diese den Arztbefunden, Fotos, Medikationen oder Diagnosen zugeordnet werden könnten. Allerdings sprach sich der Mediziner für die maßvolle Einbindung vorhandener Dokumentationen aus, da die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch im Alltag praktikabel sein müsse.

Finanzierungsfrage
Da Telemonitoring nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen ist, tragen derzeit die Projektpartner das Projekt gemeinsam. Wegen des Nutzens wie der engmaschigen Kontrolle des Behandlungsverlaufs und der optimierten Wundbehandlung sollte Telemonitoring von chronisch Kranken in die Regelversorgung, zum Beispiel in die integrierte Versorgung, aufgenommen werden, schlägt Clasbrummel vor.

Ein Hoffnungsschimmer: Probeweise übernimmt die Allgemeine Ortskrankenkasse für drei Monate in einem Vertrag zur integrierten Versorgung anteilig Kosten der fachärztlichen Behandlung von Patienten in der Wundkonferenz. Je Patient fielen zwar 180 Euro jährlich an Personal- und Sachkosten an, volkswirtschaftlich gesehen erspare jedoch allein eine telematische Patientenvorstellung bei den Wundexperten mindestens drei Verbandwechsel und bis zu drei Krankenfahrten, könne also insgesamt Kosten im Gesundheitswesen senken. Susanne Imhoff-Hasse
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