ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2008Praxissoftware: Teure Freiheit
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Heike Korzilius Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Heike Korzilius Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Zeit ist ein kostbares Gut in Deutschlands Arztpraxen. Mittel zur Zeitersparnis und Arbeitserleichterung sind deshalb sehr willkommen. Diesen Umstand machen sich seit Jahren Pharmaunternehmen zunutze. Sie schalten Anzeigen bei den Anbietern von Praxissoftware. Manipulativ wird es, wenn die Werbung Teil des Systems ist – wenn beispielsweise ein Arzt eine Diagnose eingibt und umgehend ein Vorschlag für die Verordnung eines Arzneimittels aus dem Haus des Anzeigenkunden erscheint.

Um derartige Praktiken zu unterbinden, darf seit dem 1. Juli in Praxen nur noch Software verwendet werden, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zertifiziert hat. Deren Kriterienkatalog sieht unter anderem vor, dass die Auswahllisten von Arzneimitteln ohne Hervorhebungen erscheinen. Die Präparate müssen nach Preisen sortiert sein, Verordnungsvorschläge dürfen nicht automatisch generiert werden. Und das Wichtigste: Werbung muss eindeutig und sofort als solche erkennbar sein. Das soll es den Ärzten ermöglichen, Medikamente nach objektiven Kriterien auszuwählen.

Für diese neue Strenge hat die KBV jetzt Rückendeckung vom Sozialgericht Berlin erhalten. Die Richter haben in der vergangenen Woche entschieden, dass die ärztliche Körperschaft einem Praxissoftware-Anbieter zu Recht die Zertifizierung verweigert hat. Es handelt sich dabei um die Koblenzer Firma Compumed, die Teil des Compugroup-Konzerns ist. Dieser kontrolliert mehr als die Hälfte des deutschen Praxissoftware-Markts. Das Unternehmen hatte per einstweilige Verfügung ein Zertifikat für seine Software erzwingen wollen. Denn das Werbeverbot hat nicht nur Folgen für die Pharmaindustrie. Es trifft auch das Softwareunternehmen, dem nach eigenen Angaben in den nächsten fünf Jahren ein „theoretischer Gesamtschaden“ von rund 80 Millionen Euro drohen könnte, wenn das Verbot eins zu eins umgesetzt wird.

Auch für die Ärzte könnte es teurer werden. Peter Schönberger, Leiter der Rechtsabteilung der Compugroup, glaubt, dass die monatlichen Kosten für die Pflege der Software um rund ein Drittel steigen, wenn der Erlös aus den Anzeigenverkäufen fehlt. Doch das sollte es den Ärzten wert sein. Denn für sie steht das Vertrauen ihrer Patienten und nicht zuletzt die eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Seit Jahren versuchen die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, aber auch die Kassenärztlichen Vereinigungen und die KBV, den Pharmavertretern den Rang abzulaufen und die Ärzte unabhängig über Arzneimittel zu informieren. Doch all diese Versuche müssen scheitern, wenn es Pharmaunternehmen über den Umweg der Softwarehäuser weiterhin erlaubt würde, die Arzneimittelverordnung direkt zu beeinflussen.
Die Entscheidung der Berliner Richter ist insofern ein Sieg für Ärzte und Patienten. „Die Software darf nicht manipulativ sein. Das ist eine Vorgabe des Gesetzgebers. Werbung und Information müssen klar voneinander getrennt sein“, meinte der Sprecher der KBV, Roland Stahl, nach dem Richterspruch. Man habe daher Compumed völlig zu Recht die Zertifizierung verweigert.

Doch was manipulativ ist und was nicht, will das Softwareunternehmen jetzt in nächster Instanz klären lassen. Compumed hat Beschwerde beim Landessozialgericht eingelegt. Parallel dazu läuft dort ein weiterer Antrag, der das gesamte Verfahren der Zertifizierung infrage stellt.

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