ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2008Gewebemedizin: Altruismus trifft auf Kommerz

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Gewebemedizin: Altruismus trifft auf Kommerz

Dtsch Arztebl 2008; 105(47): A-2506 / B-2132 / C-2056

Richter-Kuhlmann, Eva

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Als gesamtes Organ nicht transplantierbar: Diese Aortenklappe kann jedoch trotzdem in eine Gewebebank aufgenommen werden. Foto: SPL/Agentur Focus
Als gesamtes Organ nicht transplantierbar: Diese Aortenklappe kann jedoch trotzdem in eine Gewebebank aufgenommen werden. Foto: SPL/Agentur Focus
Der kleine Bereich der Gewebemedizin kann große Auswirkungen auf die Organtransplantation haben. Kritiker befürchten eine abnehmende Spendebereitschaft und fordern eine verbesserte Aufklärung.

Es ist nicht leicht, nach dem Tod eines Patienten die Angehörigen um ihre Erlaubnis zur Organspende zu bitten. Noch schwieriger ist es, ihnen zu vermitteln, dass sie in eine unentgeltliche Gewebespende einwilligen sollen, bei der Körperteile und Gewebe des Verwandten, wie Herzklappen, Hornhäute, Sehnen oder Faszien, entnommen, verarbeitet und gewinnbringend verkauft werden können. Denn dann trifft Altruismus auf Kommerz. „Wir brauchen konkrete Verfahrensanweisungen, die es uns erleichtern, diese Einwilligung von den Angehörigen einzuholen“, fordert Dr. med. Christoph Brochhausen, Pathologe an der Universität Mainz. Gemeinsam mit anderen Experten aus Medizin, Recht, Ethik und Ökonomie diskutierte er auf der Tagung des Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation am 7. November in Berlin verschiedene Aspekte einer immer komplexer werdenden Gewebemedizin.

Emotionales Thema auch für Ärztinnen und Ärzte
Diskussionsbedarf besteht in der Tat. Auch gut ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Gewebegesetzes am 1. August 2007 gibt es noch viele Unsicherheiten. Während die Organspende durch das Transplantationsgesetz genau geregelt ist, lässt das neue Gewebegesetz viele Zuständigkeiten bei der Gewebespende offen. „Insbesondere ist Ärztinnen und Ärzten unklar, in welcher Form sie Patienten und Angehörige am besten über das Nebeneinander von altruistischer Organspende und kommerzialisierbarer Gewebemedizin aufklären können und über welche Details sie sprechen müssen“, sagt Dr. med. Wiebke Pühler, Bundes­ärzte­kammer. Dass mit Gewebe auch Handel betrieben werde, dürfe jedoch dabei nicht ausgelassen werden.

„Die Gewebespende ist ein juristisches Minenfeld“, bestätigt Lothar Herzog, Fachanwalt für Medizin- und Sozialrecht aus Hildesheim. Einerseits erlaube allein der Begriff „rechtmäßige Verwendung“ von Geweben verschiedene Auslegungen. Andererseits drohten dem Arzt, der gegen den Willen von Patienten oder Angehörigen Gewebe entnehme, strafrechtliche Sanktionen. Unverzichtbar sei deshalb eine gute Aufklärung.

Begriff „Gewebe“ ist in der Bevölkerung relativ unbekannt
Genau da gibt es Nachholbedarf: Obwohl die Gewebespende bereits seit mehr als 100 Jahren praktiziert wird und mehr als 10 000 Gewebe jährlich an deutschen Kliniken verpflanzt werden, ist der Bevölkerung das Thema „Gewebespende“ weitgehend unbekannt. Wenig Hilfe bietet in diesem Zusammenhang auch der Organspendeausweis. Denn auf ihm wird kaum zwischen Organ- und Gewebespende unterschieden.

„Die Menschen müssen sich unbedingt mit den Unterschieden zwischen Organ- und Gewebespende auseinandersetzen“, mahnt Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann, Direktorin der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Göttingen. Schließlich handele es sich bei der Gewebespende um keine lebensrettende Tat, sondern „nur“ um eine Defizitkorrektur. Außerdem setze die Hilfe nicht sofort ein, sondern der Einsatz des Gewebes könne sich durch Prozessierung und Lagerung in Gewebebanken zeitlich verzögern. „Dies muss in der allgemeinen Öffentlichkeit offen diskutiert werden“, fordert Wiesemann. Nur so könne Vertrauen aufgebaut werden. „Die Organtransplantation hat lange für ihren jetzigen Vertrauensvorschuss werben müssen.“

Möglicherweise könnte die Gewebemedizin von dem der Organtransplantation entgegengebrachten Vertrauen profitieren. Im Umkehrschluss besteht jedoch die Gefahr, dass sich das geringe Ansehen der Gewebespende in der Bevölkerung negativ auf die Spendebereitschaft von Organen auswirken könnte. Auch die Bundes­ärzte­kammer teilt diese Sorge und hat sich daher zum Ziel gesetzt, Lösungen für bislang unbeantwortete Fragen zu finden. In ihren „Regelungen zur Gewebeentnahme an der Schnittstelle zur Organtransplantation“ vom 26. September 2008 schlägt sie vor, dass Ärztinnen und Ärzte im Gespräch mit den Angehörigen zwar gleichzeitig auf Gewebe- und Organspende eingehen, die Zustimmung für die Entnahme von Organen und Gewebe jedoch gesondert einholen. Wegen des gesetzlich festgelegten Vorrangs der Organspende sollen sie zum Aufklärungsgespräch einen Mitarbeiter der Koordinierungsstelle hinzuziehen. Wichtig sei es ferner, dass eine Organspende nicht durch eine mögliche Ablehnung der Gewebespende gefährdet wird. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will sich für die Stärkung der Gewebespende einsetzen und im kommenden Jahr dazu eine Initiative starten.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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