ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2008Soziale Psychiatrie: Die wilden Wendejahre sind vorbei

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Soziale Psychiatrie: Die wilden Wendejahre sind vorbei

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Das Plakatmotiv (Ausschnitt) entstand 1989/90 als Gemeinschaftsarbeit ehemaliger Psychiatriepatienten in „Rosis Zirkel“ im Kulturhaus Arthur Hoffmann. Die Künstlerin Rosi Haase hatte seit Mitte der 80er-Jahre unter anderem auf einer geschlossenen Station in Leipzig-Dösen mit Patienten gearbeitet.
Das Plakatmotiv (Ausschnitt) entstand 1989/90 als Gemeinschaftsarbeit ehemaliger Psychiatriepatienten in „Rosis Zirkel“ im Kulturhaus Arthur Hoffmann. Die Künstlerin Rosi Haase hatte seit Mitte der 80er-Jahre unter anderem auf einer geschlossenen Station in Leipzig-Dösen mit Patienten gearbeitet.
. . . und der Alltag ist zurückgekehrt. Die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie warb in Leipzig für ein selbstbestimmtes Leben der Patienten. Eine Ausstellung erinnert an den Aufbruch in der Psychiatrie Ostdeutschlands zwischen 1989 und 1992.

Mit einem Hinweis auf die wildbewegte Jahrestagung 1993 hatte die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie in diesem Jahr wiederum nach Leipzig gelockt. Tatsächlich hatte die Bürgerbewegung, die 1989/90 zur politischen Wende führte, auch die Psychiatrie erfasst. Patienten entließen sich selbst, organisierten sich, wurden im Neuen Forum aktiv und machten die Lage der Psychiatrie zur öffentlichen Angelegenheit. Leipzig war nicht nur ein Zentrum der politischen friedlichen Revolution, sondern auch dieses Aus- und Aufbruchs der Psychiatrie, kulminierend in einem Tag der Sozialpsychiatrie am 18. August 1990 auf dem Markt in Leipzig, ausgerichtet von Initiativgruppen Betroffener. 1993 mündete der Aufbruch mit dem Sächsischen Landespsychiatrieplan in geregelte Bahnen.

Immerhin hatten bis dahin die regionale Presse die klägliche Unterbringung der Patienten in den psychiatrischen Anstalten thematisiert und das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium 1991 einen Bericht zur Lage der Psychiatrie in der ehemaligen DDR vorgelegt. Darin wurden – durchaus im Einklang mit der Bürgerbewegung – wohnortnahe Versorgung, betreutes Wohnen und die Auflösung der Großanstalten gefordert.

Einige wenige Initiativen haben in Leipzig bis heute überlebt, etwa das Wohnprojekt „Das Boot“ oder der Verein „Durchblick“, der unter anderem ein Psychiatriemuseum betreibt. Das erinnert derzeit in einer Ausstellung an die wilden Wendejahre. Einer der Initiatoren des Projekts „Das Boot“, der heute als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut arbeitet, resümiert dort: „Ich glaube, die ‚Träume‘ der Wendezeit sind den Weg alles Irdischen gegangen, sie sind gestorben mit der zunehmenden Anpassung der Akteure an die Realität.“

Die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie versucht indes, Realität und alte Ideale miteinander zu verbinden, und vertrat auf ihrer Jahrestagung vom 2. bis 4. Oktober unverdrossen und getreu dem emanzipatorischen Ansatz der 68er-Bewegung, der sie entstammt, das Konzept des selbstbestimmten Lebens der Menschen mit psychiatrischer Erfahrung. In einem Pressegespräch wurden dazu zwei Ansätze besonders betont:

1. die kritische Einstellung zu Neuroleptika, ein Thema, das auch beim Leipziger Aufbruch 1989/90 die Gemüter bewegte. Der Psychiater Dr. Volkmar Aderhold (Greifswald) verwies auf die vielfach noch unterschätzten Nebenwirkungen (metabolisches Syndrom, Diabetes, kardiovaskuläre Schäden). Außerdem stört überzeugte Vertreter der Sozialpsychiatrie an Neuroleptika, dass sie die Aktivierung der Patienten und deren Selbstbehauptung beeinträchtigen. Zu Neuroleptika will die Gesellschaft im Februar 2009 in Frankfurt am Main einen Kongress ausrichten, auch soll voraussichtlich im Juni 2009 in Berlin eine Politiker-Anhörung stattfinden.

Der Tag der Leipziger Sozialpsychiatrie fand am 18. August 1990 auf dem Leipziger Markt statt. Erstmals konnte sich in der DDR die Psychiatrie in der Öffentlichkeit vorstellen. Fotos: Sächsisches Psychiatriemuseum
Der Tag der Leipziger Sozialpsychiatrie fand am 18. August 1990 auf dem Leipziger Markt statt. Erstmals konnte sich in der DDR die Psychiatrie in der Öffentlichkeit vorstellen. Fotos: Sächsisches Psychiatriemuseum
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2. die Emanzipation des Patienten im Sinne des Recovery-Konzepts, in Leipzig vertreten durch die Wiener Psychiaterin Prof. Dr. Michaela Amering. Dem Patienten müsse die Hoffnung, gesunden zu können, vermittelt werden. Amering wandte sich folglich gegen prognostischen Negativismus. Sie setzte sich für eine partnerschaftliche Begegnung zwischen Arzt und Patient, ausgedrückt in Behandlungsvereinbarungen, ein. Psychisch Kranke seien immer noch stigmatisiert und würden gesellschaftlich ausgegrenzt, vermerkte Amering. Doch werde sich die Einstellung der Gesellschaft ändern, sobald diese erkenne, dass auch Demenzkranke zu dem betroffenen Personenkreis gehörten.

Die Psychologin Prof. Dr. Beate Mitzscherlich (Leipzig) bedauerte, dass in der Psychatrie zu viel in Gebäude und Geräte und zu wenig in Personen investiert werde. Viele Einrichtungen seien auf Praktikanten angewiesen, um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Die Kostenträger, so Mitzscherlich zugespitzt, gingen davon aus, dass die Einrichtungen am besten funktionierten, wenn die Patienten chronifiziert würden; richtig aber wäre es, zu belohnen, wenn die Patienten zur Gesundheit geführt würden.

Die Referentin erkannte aber auch an, dass sich Leipzig ein gut ausgebautes Netz psychiatrischer Versorgung leiste, in dem mehr als tausend Menschen arbeiteten. Keiner falle durch das Netz, so Mitzscherlich im Leipziger Stadtmagazin, auch nicht die schwierigsten Patienten, „die keiner mehr haben oder auch nur behandeln will“.
Norbert Jachertz

Soziale Psychiatrie
Die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie (Zeltinger Straße 9, 50969 Köln) entstammt der 68er-Bewegung und wurde 1970 gegründet. 1992 kam die (ostdeutsche) Gesellschaft für kommunale Psychiatrie hinzu.

Die Gesellschaft zählt nach eigenen Angaben 2 300 Mitglieder, darunter Ärzte/Ärztinnen (16 Prozent), Psycholog(inn)en (10), Sozialarbeiter(innen) (17), Sozialpädagog(inn)en (14), Krankenpflegekräfte (12). Vorsitzender ist der Psychologe Friedrich Walburg (Stuttgart); dem Vorstand gehört, so Walburg, stets ein Psychiatrieerfahrener an. Bei der Leipziger Tagung registrierte der Veranstalter 250 Teilnehmer.

Weitere Informationen im Internet unter: www.psychiatrie.de
Hier ist auch eine aktuelle Auseinandersetzung zu Neuroleptika mit dem Arbeitskreis „Biologische Psychiatrie“ der Bundesdirektorenkonferenz psychiatrischer Krankenhäuser in Deutschland zu finden.

Psychiatrie in der Wende
Das Sächsische Psychiatriemuseum (Mainzer Straße 7, 04109 Leipzig), getragen von der Initiative Psychiatrie-Betroffener „Durchblick“, zeigt bis zum 15. Januar 2009 die Ausstellung „Psychiatrie in der Wende“. Thematisiert werden der Aufbruch 1989/90, aber auch frühe Reformansätze der DDR-Psychiatrie (Rodewischer Thesen 1963, „Leipziger Modell“).

Dokumentiert werden auch Vorwürfe des politischen Missbrauchs der Psychiatrie, so eine Artikelserie des „Stern“. Die Zeitschrift hatte 1990 das Krankenhaus für Psychiatrie in Waldheim (nicht zu verwechseln mit dem hier nicht betroffenen Krankenhaus der dortigen Justizvollzugsanstalt!) als Stasifolterklinik gekennzeichnet. Eine daraufhin eingesetzte Untersuchungskommission der Sächsischen Landesregierung hatte zwar, bis auf einen Fall, keinen Psychiatriemissbrauch feststellen können, wohl aber Übergriffe des Personals und Verfehlungen des ärztlichen Leiters. Die Klinik wurde 1991 geschlossen.

Informationen: www.psychiatriemuseum.de
Ausführlich zu Waldheim: Sonja Süß: Politisch mißbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Berlin 1998

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