ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2008Migration und Gesundheit: Ähnliche Krankheiten, unterschiedliche Risiken

THEMEN DER ZEIT

Migration und Gesundheit: Ähnliche Krankheiten, unterschiedliche Risiken

Dtsch Arztebl 2008; 105(47): A-2520 / B-2142 / C-2064

Razum, Oliver; Zeeb, Hajo; Schenk, Liane

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Deutschland ist Zuwanderungsland: Ein Migrationshintergrund kann Krankheitsrisiken steigern, sich aber auch vorteilhaft auf die Gesundheit auswirken. Foto: vario images
Deutschland ist Zuwanderungsland: Ein Migrationshintergrund kann Krankheitsrisiken steigern, sich aber auch vorteilhaft auf die Gesundheit auswirken. Foto: vario images
In Deutschland leben circa 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Jetzt liegt ein erster Bericht über ihre gesundheitliche Situation im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung vor.

Fast ein Fünftel (19 Prozent) der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Das ergab die Auswertung des Mikrozensus 2005. Diese 15,3 Millionen Personen sind entweder selbst zugewandert oder Kinder und Enkel von Zuwanderern. Auch künftig werden Menschen nach Deutschland migrieren, darüber hinaus wird die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund aufgrund ihres Geburtenüberschusses weiter steigen.

Ein Migrationshintergrund kann die Gesundheit in unterschiedlicher Weise beeinflussen. Er kann Krankheitsrisiken steigern, sich aber auch vorteilhaft auf die Gesundheit auswirken. So können einerseits die erforderlichen Anpassungsleistungen an eine fremde Kultur sowie Stigmatisierungserfahrungen wegen einer anderen ethnischen Herkunft zu erhöhten gesundheitlichen Belastungen führen. Darüber hinaus war insbesondere die sogenannte erste Gastarbeitergeneration häufig gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Andererseits bringen Migranten oftmals bessere gesundheitliche Voraussetzungen mit, da vornehmlich gesunde und aktive Menschen migrieren. Zuwanderer bauen außerdem häufig soziale Netzwerke im Rahmen ihrer „ethnischen Community“ auf, die als Identitätsanker und damit gesundheitsfördernd wirken können. Daher kann der Gesundheitszustand von Menschen mit Migrationshintergrund in manchen Aspekten besser sein als jener der nicht migrierten Mehrheitsbevölkerung.

Die Datenlage zur Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ist bislang unzureichend. Detaillierte Informationen, beispielsweise aufgeschlüsselt nach Herkunftsländern oder Altersgruppen, fehlen für Migranten oft ganz. Oft differenzieren amtliche Statistiken nur zwischen deutscher und nicht deutscher Staatsangehörigkeit. Damit können keine Aussagen über eingebürgerte Migranten und Aussiedler getroffen werden, da beide Gruppen über eine deutsche Staatsangehörigkeit verfügen.

Um dieses Informationsdefizit zumindest teilweise zu beheben, hat ein Team der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld im Auftrag des Robert-Koch-Instituts den ersten umfassenden Bericht zum Thema „Migration und Gesundheit“ in Deutschland erstellt. Daran mitgearbeitet haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Mainz, der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Ethnomedizinischen Zentrums in Hannover und des Robert-Koch-Instituts in Berlin.

Die Auswertungen der Datenquellen zeigen, dass das Krankheitsspektrum der Menschen mit Migrationshintergrund dem der nicht migrierten Bevölkerung weitgehend ähnelt (mit Ausnahme einiger seltener erblicher Stoffwechselerkrankungen bei Migranten). In vielen Bereichen bestehen aber Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes und der relativen Bedeutung bestimmter Gesundheitsrisiken. Beispiele aus den Bereichen Infektionskrankheiten, Mutter-Kind-Gesundheit, Gesundheit am Arbeitsplatz sowie chronische Erkrankungen und deren Risikofaktoren illustrieren die vielschichtige Situation.

Übertragbare Erkrankungen bei Migranten spiegeln zum Zeitpunkt der Zuwanderung die epidemiologische Situation im Herkunftsland wider (zum Beispiel die dortige höhere Inzidenz bestimmter Erkrankungen). Im weiteren zeitlichen Verlauf werden sie zunehmend durch die Lebensbedingungen im Zuzugsland und den Zugang zu medizinischer Versorgung bestimmt. Ausländische Staatsangehörige haben mit 24,4 neuen Fällen je 100 000 Einwohner eine mehr als fünfmal so hohe Tuberkuloseinzidenz wie Deutsche. Die Fälle treten auch in deutlich jüngerem Alter auf (medianes Alter: 34 Jahre gegenüber 56 Jahre; Datenquelle: Robert-Koch-Institut 2006).

Die Müttersterblichkeit ist ein empfindlicher Indikator dafür, ob beim Zugang zu und der Nutzung von Gesundheitsdiensten Ungleichheiten bestehen. Da Todesfälle von Müttern weitestgehend vermeidbar sind, weisen Unterschiede auf gesundheitliche Ungerechtigkeiten hin. Die Müttersterblichkeit unter ausländischen Frauen lag bis Mitte der 90er-Jahre rund 1,5-mal so hoch wie unter deutschen Frauen. Seitdem haben sich die – insgesamt rückläufigen – Werte angeglichen (Datenbasis: Statistisches Bundesamt).

Die Lebensweise der Familie, ihr sozioökonomischer Status sowie möglicherweise genetische Faktoren bestimmen die Häufigkeit bestimmter Erkrankungen und Risikofaktoren. Bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird statistisch signifikant seltener die ärztliche Diagnose einer atopischen Erkrankung gestellt als bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (17,7 Prozent gegenüber 23,9 Prozent, Alter: null bis 17 Jahre. Datenbasis: Kinder- und Jugendgesundheitssurvey 2006). Übergewicht tritt bei Kindern mit Migrationshintergrund deutlich häufiger auf als bei Kindern ohne (19,5 Prozent versus 14,1 Prozent. Alter: drei bis 17 Jahre. Datenbasis: Kinder- und Jugendgesundheitssurvey 2006).

Unfall-, Kranken- und Schwerbehindertenquoten können unter anderem Hinweise auf die Arbeitssituation geben. Bei Vergleichen der Unfallhäufigkeit zwischen Deutschen und Migranten ist zu beachten, dass Migranten häufiger körperliche Tätigkeiten mit einem erhöhten Unfallrisiko ausüben. Deutsche und nicht deutsche Männer weisen ähnliche, insgesamt rückläufige Unfallquoten auf. Arbeitsunfälle sind unter türkischen Staatsangehörigen aber rund 1,5-mal so häufig wie unter deutschen Staatsangehörigen (Datenquellen: Mikrozensus 1995 bis 2003, Statistisches Bundesamt; Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2005).

Die Schwerbehindertenquote liegt in der Altersgruppe 18 bis 54 Jahre unter ausländischen Männern und Frauen nur rund halb bis zwei Drittel so hoch wie unter Deutschen. In den jüngeren und älteren Altersgruppen erreicht sie hingegen ähnliche Werte wie bei Deutschen (Datenbasis: Statistisches Bundesamt 2003).

Die Krankenquote ausländischer Männer und Frauen liegt mit 9,7 und 10,2 Prozent niedriger als die deutscher Staatsangehöriger (11,6 und 13,1 Prozent) – mit Ausnahme der wirtschaftlich aktiven mittleren Altersgruppe der 40- bis 64-Jährigen, dort ist sie bei Ausländern höher (Datenquellen: Mikrozensus, Statistisches Bundesamt 2005).

Die Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit ist ein subjektives Maß, das den Gesundheitszustand aber recht gut abbildet. Mit steigendem Alter nimmt die Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit bei Deutschen und Zuwanderern ab. Bei türkischen Zuwanderern ist die Abnahme stärker ausgeprägt als bei Deutschen und Zuwanderern aus anderen Herkunftsländern (Quelle: Sozioökonomisches Panel 2002).

Die Prävalenz von Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen wird durch Gewohnheiten im Herkunftsland, Adaptionsprozesse im Zuzugsland sowie durch psychosoziale Belastungen beeinflusst. Der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) ausländischer Frauen (24,5 kg/m2) unterscheidet sich nur geringfügig von dem deutscher Frauen (24,8 kg/m2). Ein deutlich höherer Anteil ausländischer Frauen im Alter von 65 Jahren und älter ist aber adipös (BMI ³ 30 kg/m2; 28,1 gegenüber 17,6 Prozent. Datenbasis: Mikrozensus 2005). In allen Altersgruppen rauchen mehr ausländische Männer als deutsche (36,3 gegenüber 27,1 Prozent. Datenbasis: Mikrozensus 2005).

Weniger gut dokumentiert und schwer zu quantifizieren sind Erkrankungen durch psychosoziale Belastungen infolge der Trennung von der Familie oder politischer Verfolgung im Herkunftsland. Personen ohne rechtlich gesicherten Aufenthaltsstatus sind besonders vulnerabel, über ihre gesundheitliche Situation sind aber kaum belastbare Daten verfügbar. Von zunehmender Bedeutung sind die gesundheitlichen Probleme und der Pflegebedarf von älteren Menschen mit Migrationshintergrund.

Nicht zuletzt aufgrund der steigenden Zahl älterer Migranten erlangen Menschen mit Migrationshintergrund zunehmende Bedeutung als Nutzer der Gesundheitsdienste in Deutschland. Eine verbesserte Datenlage in der Versorgungsforschung könnte dazu beitragen, diese Zielgruppe beim Erhalt ihrer Gesundheit zu unterstützen und ihnen gleiche Zugangschancen zur Gesundheitsversorgung wie der Mehrheitsbevölkerung zu sichern.

Ein grundlegendes Problem ist das weitgehende Fehlen detaillierter Informationen zum sozioökonomischen Status in Routinedatensätzen. Das erschwert es, mögliche Ursachen gesundheitlicher Benachteiligungen zu analysieren und Strategien zu deren Überwindung aufzuzeigen. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt schlechtere gesundheitliche Befunde aufweisen als die Mehrheitsbevölkerung, könnte dies zumindest teilweise auch auf ihre soziale Benachteiligung zurückzuführen sein, wie das innerhalb der nicht migrierten deutschen Bevölkerung in ähnlicher Weise zu beobachten ist. Inwieweit gesundheitliche Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund kulturell, migrationsbedingt oder sozial zu erklären sind, bedarf weiterer Forschung.
Prof. Dr. med. Oliver Razum
Prof. Dr. med. Hajo Zeeb
Dr. phil. Liane Schenk

Der Bericht
Der Gesundheitsbericht „Migration und Gesundheit“ ist in der Reihe Gesundheitsberichterstattung (GBE) des Bundes erschienen. Die GBE des Bundes liefert daten- und indikatorengestützte Beschreibungen und Analysen zu allen Bereichen des Gesundheitswesens. Der Bericht ist auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts verfügbar (www.rki.de) und kann kostenfrei über das Robert-Koch-Institut bezogen werden: gbe@rki.de.
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