ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2008Börsebius: Es gibt doch noch Gewinner

GELDANLAGE

Börsebius: Es gibt doch noch Gewinner

Dtsch Arztebl 2008; 105(47): A-2544 / B-2160 / C-2080

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Selbst in seriösen Talkshows werden derzeit reihum Vorzeigeanleger präsentiert, denen Banken übel mitgespielt haben; einem Familienvater mit drei Kindern und 3 000 Euro Brutto Monatseinkommen wurden ebenso krumme Finanzprodukte verkauft wie dem risikoscheuen Rentner – Umsatz um jeden Preis ohne jedes Ansehen der Personen, deren Einkommen und ihrer Risikoprofile. Den Betrachter gruselt es dann so richtig schön. Siehe da, es gibt neben mir noch Leute, die auch über den Tisch gezogen wurden, denen es überdies noch richtig dreckig geht.

Das ist alles nichts im Vergleich zu einem Fax, das mir gestern auf den Tisch flatterte, genauer zum dahinterstehenden Schicksal. Es handelte sich um einen Depotauszug einer deutschen Bank, den Namen schreibe ich aber lieber nicht, mit aufgelaufenen Verlusten zwischen 40 und 60 Prozent bei manchen Werten. Sie werden es schon ahnen: Das Portfolio ist nahezu komplett bestückt mit Zertifikaten. Als schamhaftes Feigenblatt, oder was weiß ich, als ein seriöses professionelles Aufbäumen, sind dann noch für fünf Prozent des gesamten Depotwerts solide Aktien in dem ausgebombten Vermögenstatus auszumachen. Das wirklich Erschreckende an der Geschichte ist aber damit noch nicht erzählt, längst nicht. Ich weiß ja nicht, wie alt der Anlageberater in dem Fall war, möglicherweise ein blutjunger Bursche, ist auch nahezu egal, weil die Verkaufsvorgaben eh für alle gleich sind. Aber die Kundin: Mit stolzen 97 Lenzen dürfte sie für Zertifikate mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genau die Falsche gewesen sein.

Bei alledem darf nicht vergessen werden, dass es auch in diesen düsteren Zeiten Leute gibt, die von der Finanzmarktkrise profitieren, und dabei sind beileibe nicht nur die Sparbuchinhaber, denen Sicherheit vor Rendite ging und die sich heute keinen traurigen Blicken in ihr Depot hingeben müssen.

Vor allem profitieren Häuslebauer, die Käufer von Eigentumswohnungen und Leute, bei denen eine Verlängerung ihres Hypothekenkredits ansteht. Der Zwang der Notenbanken, mit Zinssenkungen der Finanzmarktkrise zu entrinnen, aber auch der lahmenden Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen, führt derzeit zu historisch niedrigen Finanzierungskosten. Es gibt, allen Unkenrufen zum Trotz, bei den Immobilienkrediten auch keine Engpässe, aber es werden – was ja auch richtig ist – keine Hundertprozentfinanzierungen mehr gewährt.

Der schlaue Kunde schließt also sein Immobiliendarlehen baldmöglichst mit langen Laufzeiten (zum Beispiel 15 Jahre um fünf Prozent effektiv) ab und vergisst bei alledem nicht, Sonderkündigungen zu vereinbaren, um möglichst flexibel agieren zu können.

Es gibt also doch noch Gewinner in der Finanzkrise, oder ihr zum Trotz. Alles eine Frage des Standpunkts.
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