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Brief an den Chefarzt eines Krankenhauses: Bitte um die Würde eines Schnitzels

Dtsch Arztebl 2008; 105(47): A-2545 / B-2161 / C-2081

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Ein authentischer und anonymisierter Brief einer Patientin, die – bereits entkleidet – eine Stunde lang in einem Durchgangszimmer auf ihre Behandlung wartete

Sehr geehrter Herr Dr. Wichtig,

ich möchte Ihnen kurz meine Eindrücke zur gestrigen ambulanten Konsultation Ihrer Abteilung VOR Ihrem Erscheinen mitteilen:
Nach den Anmeldeformalitäten wurde ich um 10.40 Uhr in den kleinen, abgedunkelten Raum gebeten, in dem dann später - v i e l später - die Sonografie stattfand. Dort wurde ich fachgerecht präpariert, das heißt, ich hatte mich halbnackt mit Hose runter, bauchfrei und allerlei Lätzchen behängt auf dem Tisch zu platzieren. Bis dahin hatte ich noch mit keinem Arzt gesprochen.

Ab 10.45 Uhr lag ich also fertig präpariert parat. Da ich ja nun nichts anderes zu tun hatte, verlegte ich mich darauf, den extremen Durchgangsverkehr durch diesen kleinen Raum einmal statistisch zu bearbeiten. Nachdem mehr als zehn verschiedene Personen 45-mal durch das Räumchen mit der entwürdigt daliegenden Patientin huschten, wurde ich des Zählens müde und überlegte schon, ob ich nicht ganz gehen sollte. Stattdessen richtete ich mich eigenmächtig auf und holte mir meinen Pullover, weil mir inzwischen auch derb kalt geworden war. Nach einer weiteren Viertelstunde war mir auch das zu blöd, ich stand auf und setzte mich mit meinem Buch in die Umkleidekabine, um dort – inzwischen schon recht gespannt – den weiteren Verlauf dieser denkwürdigen Konsultation zu erwarten.

Vom Zählen befreit, wandte ich mich nun den Gesprächen der Mitarbeiter untereinander zu. Faszinierend: Gut 95 Prozent der Inhalte zentrierten um den Begriff „der Chef“ – wann dieser nun komme, was dieser wohl meine und überhaupt, wie man die Abläufe noch effizienter zum Wohlgefallen des Chefs gestalten könne. Der Ton dabei war mehr als ehrfurchtsvoll. Was aber war die Botschaft für mich (nicht für mich persönlich, sondern eher für mich als anonymisiertes Patientenmuster)? Es geht um den Chef – und nicht um den Patienten! Wie sonst kann es auch sein, dass keiner der mehr als zehn durch den Raum hetzenden Personen irgendeine Form von Interesse, Zuwendung oder Vertröstung der „präparierten Leber“ spendeten. Eine derartige Hose-runter-Bauch-frei-Präsentation für einen De-facto-Zeitraum von einer Stunde scheint Standard zu sein.

Der Vormittag strebte dem Höhepunkt zu: Der sooo sehnsüchtig erwartete „Chef“ betrat die Bühne beziehungsweise den Halbdunkelraum. Inzwischen wieder brav liegend, Bauch frei, Hose runter, die Oberkörperscham gerade noch durch einen BH verhüllt, war ich begierig, einen Blick auf IHN, den so innig Erwarteten, zu erhaschen – was mir zugegebenermaßen in der horizontalen Position, kopfseits hinter dem Sonografiegerät liegend, schwerfiel.

Erwartungshaltungen aus dem Bereich gängiger Umgangsformen, wie die, zunächst per Handschlag und Face-to-face-Kommunikation begrüßt zu werden, hatte ich nach den Erfahrungen der vorausgegangenen Stunde ohnehin schon kremiert. Richtig! Und es kam noch noch besser: In einem halben Meter Entfernung von mir, ich bei vollem Bewusstsein mit intaktem Sprachzentrum, fragt „der Chef“ die Schwester: „Wie alt ist die Patientin?“ – Sagenhaft!!! Ab diesem Zeitpunkt war ich eigentlich nur noch auf den Pluralis Majestatis und das Reden von mir in der dritten Person eingestellt. Dass der Rest der Veranstaltung, die eigentliche Untersuchung und das bikinikurze Gespräch zwischen uns, dann im Großen und Ganzen formkorrekt verlief, ehrlich, Chef, das war die totale Überraschung für mich! Und weil Ihre fachliche Kompetenz und die entlastende Diagnose mein Leben etwas schöner machen, gewichten Anlass und Inhalt dieses Schreibens ganz besonders schwer.

Ich hoffe, dass man in Ihrem Hause, Ihrer Abteilung vielleicht doch einen Weg finden wird, die Abläufe dergestalt umzuformen, dass Patienten mindestens die Würde eines Schnitzels zugemessen wird. Diese Metapher aus dem hauswirtschaftlichen Bereich zumindest biete ich Ihnen zur Motivation Ihrer Mitarbeiterinnen an, die sicherlich zu Hause ein zu panierendes Schnitzel auch nicht eine Stunde lang bar und nackt auf dem Tresen liegen lassen, bevor das Fleisch weiter bearbeitet wird.

Mit freundlichen Grüßen
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