ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2008Reizdarm durch veränderte Darmflora bedingt?

MEDIZIN: Referiert

Reizdarm durch veränderte Darmflora bedingt?

Rösch, Wolfgang

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Foto: picture-alliance/medicalpicture
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Die Darmflora, neuerdings Mikrobiota genannt, besteht aus 1014 Bakterien, also zehnmal mehr Zellen als der menschliche Körper hat. Inzwischen sind über 600 Bakterienstämme isoliert worden, die je nach Lebensalter, Ernährungsgewohnheiten und dem Einfluss von Antibiotika variieren. Eine veränderte Darmflora findet man zum Beispiel bei der Adipositas. Actinomyceten und Bifidobakterien gelten als probiotisch (gesundheitsfördernd), Coriobakterium aerofaciens, früher Eubacterium aerofaciens, soll vor Darmkrebs schützen.

Die finnischen Autoren untersuchten in gepoolten Stuhlproben von 24 Patienten mit Reizdarmsyndrom ( RDS ) und 23 Kontrollpersonen die mikrobielle DNA nach ihrem prozentuellen Gehalt an Guanosin und Cytosin fraktioniert und anschließend mittels Massensequenzierung auf 3 753 spezifische bakterielle Sequenzen. Für viele physiologische Darmkeime existiert nämlich kein Nährmedium, sodass eine kulturelle Anzüchtung nicht gelingt. Auf die genannte Weise wurde ein genetischer Fingerabdruck erstellt und in einem zweiten Schritt quantitative DNA-Analysen für 9 Bakterienstämme angefertigt.

Patienten mit einem Reizdarmsyndrom boten im qualitativen genetischen Test einen signifikant verschiedenen Bakterienbesatz im Stuhl im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Patienten wiesen einen verminderten Gehalt an Laktobazillen und Colinsella auf, quantitative Unterschiede fanden sich bei den Spezies Coprococcus und Coprobacillus.

Schon seit längerem ist bekannt, dass bei etwa einem Drittel der Reizdarmpatienten ein gastrointestinaler Infekt vorausgegangen ist (postinfektiöses RDS). Auch die Einnahme von Antibiotika kann eine Reizdarmsymptomatik für einen längeren Zeitraum auslösen. Schließlich profitieren Patienten mit einem RDS von einer antibakteriellen oder einer probiotischen Therapie. Hypothetisch bleibt derzeit noch die Kausalität der gefundenen Veränderungen der Darmflora für die Pathogenese des RDS. w

Kassinen A et al.: The fecal microbiota of irritable bowel syndrome patients differs significantly from that of healthy subjects. Gastroenterology 2007; 133: 24–33.
E-Mail: airi.Palva@helsinki.fi

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