ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2008Medizinstudium: Einbahnstraße ins Ausland

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Medizinstudium: Einbahnstraße ins Ausland

Dtsch Arztebl 2008; 105(48): A-2547 / B-2163 / C-2083

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Das Medizinstudium in Deutschland droht zur Einbahnstraße zu werden: „Studium zu Ende bringen und schnell weg – mehr kann man dazu nicht sagen“, äußert sich ein Medizinstudent im Rahmen einer bislang unveröffentlichten Onlineumfrage der Abteilung Allgemeinmedizin der Ruhr-Universität Bochum (Prof. Dr. med. Herbert Rusche). „Medizin studieren ist Masochismus“, meint ein anderer. „Das deutsche Gesundheitssystem ist ernüchternd. Hier bleibe ich sicher nicht nach dem Studium“, sagt der Nächste.

Diese Zitate sind keine Einzelfälle: Nur neun Prozent der 4 000 befragten Medizinstudierenden in Deutschland planen, definitiv in Deutschland zu bleiben. Knapp 73 Prozent sehen es als „mögliche individuelle Folge“ der Veränderungen im Gesundheitssystem, nach dem Studium ins Ausland auszuwandern, um dort als Ärztin oder Arzt zu arbeiten. Bevorzugte Ziele sind Skandinavien, die Schweiz, Großbritannien und Österreich. Als Gründe für ihre Auswanderungsgedanken nennen die Nachwuchsmediziner ungünstige Arbeitszeiten, die Budgetierung der Leistungen, die schlechte Vergütung der ärztlichen Tätigkeit sowie eine eingeschränkte ärztliche Handlungsfreiheit.

„Ein solch ernüchterndes Ergebnis hatte ich nicht erwartet“, räumt die Leiterin der Studie, Dr. med. Dorothea Osenberg, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt ein. Ihre Umfrage startete sie zunächst nur unter den Medizinstudierenden der Ruhr-Universität Bochum. „Ich unterhalte mich viel mit meinen Studenten und wollte genau wissen, was ihnen Sorgen macht, wie zufrieden sie mit ihrem Studium sind, was sie planen und wie sich nach ihrer Meinung das Gesundheitssystem in Deutschland auf ihren Werdegang auswirkt.“ Aufgrund der erschreckenden Ergebnisse erweiterte sie schließlich 2007 die Umfrage, die in den nächsten Wochen abgeschlossen werden soll, auf ganz Deutschland.

„Ganz gleich, welche Etappe der Umfrage man betrachtet, die Ergebnisse sind über alle Jahre gleichbleibend fatal“, sagt Osenberg. Etwa drei Viertel der Studierenden sähen die Auswirkungen der Gesundheitspolitik auf die eigene Zukunft mit Sorge. 15 Prozent befürchteten zudem persönliche Probleme, beispielsweise Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Auch das Fach Allgemeinmedizin komme in der Umfrage schlecht weg. Lediglich 22 Prozent der Studierenden überlegten, Allgemeinmediziner zu werden. Die meisten wollten sich zudem nicht niederlassen.

Die Sorgen der Medizinstudierenden in Deutschland sollten endlich alarmieren. Denn neu sind weder sie noch die Auswanderungsgedanken der Nachwuchsmediziner. Bereits im Frühjahr 2007 konnten sich fast zwei Drittel von 1 600 befragten Studierenden aller medizinischen Fakultäten in Deutschland vorstellen, für immer auszuwandern. Dies ergab die Umfrage des Deutschen Ärzteblattes Studieren.de, unterstützt von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

Bei näherer Betrachtung der Studienergebnisse ist keineswegs der Wunsch der Studierenden nach fachlichem Austausch über Landesgrenzen hinweg zu kritisieren, im Gegenteil. Er zeugt vielmehr von Weltoffenheit. Fast alle Befragten (89 Prozent) gaben bei der Umfrage dieser Zeitschrift an, gern für eine gewisse Zeit im Ausland tätig werden zu wollen. Zunehmende Mobilität und Flexibilität innerhalb Europas sowie eine Vernetzung der Gesundheitssysteme werden diesen Trend künftig sicherlich noch verstärken. Dies gilt es einerseits zu unterstützen. Andererseits ist es längst an der Zeit, die Bedingungen für junge Ärztinnen und Ärzte hier in Deutschland zu verbessern.

Noch kommen Ärztinnen und Ärzte (vor allem aus Österreich und Osteuropa) zu uns. Den Meldungen der Ärztekammern zufolge wanderten im vergangenen Jahr 1 700 Ärztinnen und Ärzte nach Deutschland ein. Allerdings emigrierten deutlich mehr – und zwar 2 400 – ins Ausland. Die Einbahnstraße ins Ausland ist bereits real.
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