ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2008Kinderschutz: Fehleranalyse benennt häufige Schwachstellen

POLITIK

Kinderschutz: Fehleranalyse benennt häufige Schwachstellen

Dtsch Arztebl 2008; 105(48): A-2564 / B-2178 / C-2097

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Nie trägt nur einer die Schuld: Die Modellprojekte des Aktionsprogramms „Frühe Hilfen“ liefern erste Erkenntnisse.

Etwa 80 bis 120 Kinder unter sechs Jahren werden jährlich in Deutschland von ihren Eltern getötet. Besonders gefährdet sind Kinder im ersten Lebensjahr. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung der ersten Erkenntnisse des Aktionsprogramms „Frühe Hilfen“ des Bundesfamilienministeriums. Rund zehn Prozent aller Kinder würden von ihren Eltern vernachlässigt oder körperlich misshandelt.

Ärztinnen und Ärzte sind oft die erste Anlaufstelle
Den Schlüssel für einen verbesserten Kinderschutz sieht die Ministerin im Gesundheitswesen. Familien in schwierigen Lebenslagen seien bereit, sich zu öffnen und Hilfen anzunehmen, wenn Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen sie nicht nur auf medizinische Fragen rund um die Geburt ansprechen würden, sondern auch auf persönliche Probleme. Dabei spielten Alkohol, Drogen, Armut oder Gewalterfahrungen eine große Rolle. „Wir müssen gleich die erste Chance nutzen. In die Geburtsklinik oder zur Hebamme kommen alle Eltern – die glücklichen und die unglücklicheren. Das ist die richtige Stelle, um Mütter und Väter abzuholen, die ihren Alltag in sozialer Isolation bewältigen müssen, früher selbst vernachlässigt oder misshandelt wurden oder psychisch krank sind“, betonte von der Leyen.

Zwei Jahre nach dem Start des Programms laufen inzwischen in allen Bundesländern Modellprojekte für den frühzeitigen Kinderschutz. Ihre Leitidee ist eine enge und verlässliche Vernetzung von Gesundheitswesen, Kinder- und Jugendhilfe, Schwangerschaftsberatung, Frauenhäusern, Polizei und Gerichten. Um die Strukturen weiter zu verbessern, erarbeitete Prof. Dr. med. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, im Auftrag des Ministeriums die Expertise „Aus problematischen Kinderschutzverläufen lernen“. Dazu wertete er die in Deutschland bekannt gewordenen Fälle von schweren Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen aus und verglich sie mit Erfahrungen aus dem Ausland. In den seltensten Fällen seien die Ursachen der Katastrophen am Versagen einer einzigen Person oder eines Amts festzumachen, erklärte Fegert. Zu den Hauptfehlern gehöre stattdessen, dass Bearbeiterinnen und Bearbeiter sich teilweise nur auf Akten verließen und sich keinen persönlichen Eindruck vom Kind und von der Familie verschafften und Fälle nicht im Team besprochen würden. Ärztinnen und Ärzte fühlten sich leider zum Teil oft zu Unrecht zum Schweigen verpflichtet. Weiterhin blieben häufig wesentliche Risiken aus der Vorgeschichte der Eltern unbekannt oder unberücksichtigt.

Das Bundesfamilienministerium will die Erkenntnisse aus der Expertise nun konkret umsetzen. „Wir haben die Chance, die Arbeitsabläufe auf Schwachstellen hin zu prüfen und Risiken systematisch auszuräumen“, sagte von der Leyen. Für das Aktionsprogramm stellt der Bund bis zum Jahr 2010 insgesamt elf Millionen Euro zur Verfügung.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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