ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2008Jüdische Ärzte: Ergänzung
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In Ergänzung zum Beitrag von Dr. phil. Rebecca Schwoch möchte ich auf das letzte psychiatrische Krankenhaus für jüdische Patienten zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland hinweisen. Es war die 1869 von Meyer Jacoby gegründete „Jacobysche Heil- und Pflegeanstalt“ in Bendorf-Sayn am Rhein. Die Anstalt genoss einen guten Ruf und wurde von Patienten aus ganz Europa aufgesucht. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Dr. Paul Jacoby, ein Enkel des Gründers und Mitbesitzer, die ärztliche Leitung der Anstalt. Diese versorgte zu dieser Zeit etwa 200 Kranke. Als Paul Jacoby 1939 wegen der zunehmenden Boykottmaßnahmen auswandern wollte, wurde vom Regierungspräsidenten bestimmt, dass die jüdische Irrenanstalt für Juden unter der Leitung von Paul Jacoby erhalten bleiben solle. Die Auswanderung war nicht mehr möglich. Alle christlichen Mitarbeiter mussten mit einer Abfindung entlassen werden. Die Arbeit ging mit ungelernten Kräften notdürftig weiter. Die Anstalt musste an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland verpachtet werden. Ein Verkauf war nicht zu verwirklichen. Ende Juni 1940 gelang aber doch die Auswanderung der Familie Jacoby nach Uruguay. Die Nationalsozialisten verfügten nun, dass alle krankenhausbedürftigen jüdischen Geisteskranken aus ganz Deutschland in die jüdische Anstalt nach Bendorf-Sayn zu verlegen seien. Die Patienten – es waren inzwischen etwa 500 – wurden von dem jüdischen Arzt Dr. Wilhelm Rosenau (1898–1968) betreut. Er wurde 1933 aufgrund des Rassengesetzes aus dem Staatsdienst entlassen, ließ sich als Landarzt nieder und durfte ab 1938 den Titel „Arzt“ nicht mehr führen. Per Gesetz wurde ihm die Behandlung von Nichtjuden verboten. In Bendorf-Sayn fand er im Jüdischen Krankenhaus eine Stelle als „Leitender Krankenbehandler“. Alle Patienten wurden 1942 in die Vernichtungslager des Ostens deportiert und getötet. Das Krankenhaus wurde Ausweichlazarett und später Ausweichkrankenhaus von Koblenz. Dr. Rosenau konnte als Hilfsarbeiter im Krankenhaus bleiben. Er wurde von der Deportation verschont und überlebte. Nach dem Krieg war er als Medizinaldezernent im Regierungsbezirk Montabaur tätig.
Dr. med. Horst Isermann, Leipziger Straße 52 a, 27356 Rotenburg/Wümme
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