ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2008Künstler und ihre Krankheitsbilder: Schmerzhaft genial

KULTUR

Künstler und ihre Krankheitsbilder: Schmerzhaft genial

Dtsch Arztebl 2008; 105(48): A-2594 / C-2120

Klinkhammer, Gisela

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Albrecht Dürer: „Der kranke Dürer“ (Selbstbildnis mit gelbem Fleck), 1510, 11,8 × 10,8 cm, Bremen, Kunsthalle Abbildung: Katalog
Albrecht Dürer: „Der kranke Dürer“ (Selbstbildnis mit gelbem Fleck), 1510, 11,8 × 10,8 cm, Bremen, Kunsthalle Abbildung: Katalog
Eine Ausstellung, die zurzeit in Düsseldorf zu sehen ist, zeigt Werke vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, in denen sich Künstler mit ihrer eigenen Krankheit, aber auch dem Leiden an der Welt beschäftigen.

Im Dezember 1911 hatte ich einen Krankheitsanfall auszuhalten, der mich dem Tode nahe brachte. Oft in der Nacht erschienen meine Verstorbenen und schienen mir zuzuwinken, während von oben herab eine Gewalt auf mich niederdrückte, immer tiefer“, schrieb Lovis Corinth über seinen rechtshemisphärischen Schlaganfall, den er in seinem 54. Lebensjahr erlitten hatte. Dieses einschneidende Ereignis führte bei ihm jedoch nicht zu nachlassender Schaffenskraft, sondern er produzierte nach wie vor großartige Kunst. Im Katalog zu der Ausstellung „Schmerzhaft genial – Künstler und ihre Krankheitsbilder“, die zurzeit in der WGZ-Bank in Düsseldorf zu sehen ist, heißt es: „Mit den Augen des Neurologen erschließt sich eine erstaunliche Vielfalt von teilweise subtilen Auswirkungen des Schlaganfalls, die eindeutig über rein psychologische Prozesse hinausgehen und im Wesentlichen mit einem linksseitigen Neglect zu erklären sind.“ Von Corinth sind in Düsseldorf unter anderem mehrere Selbstporträts zu sehen.

Die Ausstellung solle, so Thomas Ullrich, Vorstandsmitglied der WGZ-Bank, nicht die „Schreckensbilder der Krankheit zeigen, sondern den kreativen Umgang damit. Die Kunst verbindet sich mit den Wissenschaften, nicht in einer akademischen Form, sondern im assoziativen Spiel. Vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart treffen wir auf Werke, Biografien, literarische Zeugnisse und Selbstzeugnisse, die ein thematisches Zentrum haben: das Leiden an sich selbst und der Welt, kurz gesagt, das Kranksein“. Durch die Darstellung der Krankheit werde ein Umgang mit der Krankheit nahegelegt, der neue Wege öffne.

In der Ausstellung sind Kunstwerke aus sechs Jahrhunderten versammelt. Sie beginnt mit Werken Dürers, der Naturdinge so darstellen wollte, wie sie „wirklich“ sind. So schickte er beispielsweise im Jahr 1510 seinem Arzt ein Selbstporträt mit der Anmerkung: „Da, wo der gelbe Fleck ist und worauf ich mit dem Finger deute, da tut es mir weh.“ Mit Francisco de Goya macht die Ausstellung einen Schritt ins 19. Jahrhundert. Der Künstler zeigt, so der Katalog, „in den Selbstbildnissen durchaus den an sich selbst, an der Krankheit, an seiner Zeit leidenden Menschen“. Mit Corinth ist die Ausstellung dann bei der „wirkenden Gegenwart“ angelangt. Es werden Werke von Ernst Ludwig Kirchner und von Anton Räderscheidt gezeigt. Horst Janssens Werk „Auge, Gedicht und Märchen“ aus dem Jahr 1990 entstand, nachdem er sich bei einem Unfall die Augen so stark verätzt hatte, dass er den größten Teil seiner Sehkraft einbüßte. Besonders schonungslos zeigt Katarzyna Kozyra die Wirkungen der Chemotherapie auf den eigenen Körper auf, und Giovanni Manfredini „vom Feuer fast vernichtet, leitet seine Kunst und auch seine Maltechnik von dieser Erfahrung ab. Es entstehen eindrucksvolle Bilder, die so stark sind, dass sie einen Kommentar provozieren. Ein aufklärerischer Akt“, heißt es im Katalog.

Beim Gang entlang der Ausstellungswände werden die Besucher aufgefordert, sich der künstlerischen Reflexion zum individuellen körperlichen Zustand am Beispiel von neun Künstlern zu stellen.
Gisela Klinkhammer

Die Ausstellung „Schmerzhaft genial – Künstler und ihre Krankheitsbilder“ ist bis zum 12. Dezember in der Veranstaltungshalle der WGZ-Bank, Ludwig-Erhard-Allee 20 in Düsseldorf zu sehen. Zur Ausstellung ist im Damm-und-Lindlar-Verlag ein Katalog erschienen (Preis: 28 Euro). Öffnungszeiten: montags bis freitags von neun bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.
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