ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2008Pathologensprechstunde an der Charité: „Sind Sie sicher?“

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Pathologensprechstunde an der Charité: „Sind Sie sicher?“

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): A-2636 / B-2241 / C-2157

Hempel, Ulrike

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Präzise Gewebeanalysen sind für Pathologen selbstverständlich. Ganz genau wollen es auch manche Patienten wissen. Fotos: Susanne Hartung
Präzise Gewebeanalysen sind für Pathologen selbstverständlich. Ganz genau wollen es auch manche Patienten wissen. Fotos: Susanne Hartung
Das Institut für Pathologie bietet Krebspatienten seit Kurzem Sprechstunden an. Sie kommen manchen Patienten entgegen – und tragen der Entwicklung in der molekularen Tumoranalyse Rechnung.

Bei der Berlinerin Brigitte Walther wurde im Sommer 2007 ein Ovarialkarzinom operiert. Selbst wenn die 45-Jährige damals vom Angebot einer Pathologensprechstunde am Berliner Universitätsklinikum Charité gewusst hätte, wäre sie nicht hingegangen. Walther findet es besser, wenn ihr behandelnder Arzt sich von dem Pathologen die neuen molekularpathologischen Diagnosemethoden und die darauf abgestimmten Behandlungsarten darlegen lässt: „Mein Arzt kann mir das doch dann auch erklären.“

Einige Patienten der Charité waren anderer Meinung: Rund 20 Betroffene haben nach Angaben von Prof. Dr. med. Manfred Dietel, Leiter des Pathologischen Instituts der Charité, in den letzten Monaten mit ihm oder einem seiner Kollegen ein Gespräch geführt. Die Patienten seien im Brustzentrum beim Aufklärungsgespräch auf den Service hingewiesen oder im Rahmen einer Prostata- oder Darmkrebsbehandlung informiert worden, erläutert Dietel.

Seine Sprechstunde besuchten Patienten, „die genau wissen wollen, wie wir Pathologen anhand ihrer Gewebeprobe Krebs diagnostizieren und warum diese und keine andere Therapieentscheidung getroffen worden ist“, sagt Dietel. Einen Termin bekomme man innerhalb einer Woche. Dietel liegen zur Sitzung, die eine halbe Stunde dauert, die Patientenunterlagen vor. Auf Wunsch zeigt er auch die histologischen Präparate unter dem Mikroskop, das in seinem Büro steht.

„Sind Sie sicher, dass es Krebs ist?“ „Woran erkennen Sie das?“ „Warum muss ich noch mal operiert werden?“ Diese Fragen bekommt Dietel am häufigsten gestellt. Manchmal ziehen Patienten gleich ihren Befund aus der Tasche. Dann versucht der Pathologe im Detail Auskunft zu geben. „Jetzt habe ich es endlich verstanden und bin ruhiger“, höre er oft nach diesem Arzt-Patienten-Gespräch. Die Patienten fragten ebenfalls nach der Prognose, „aber da halten wir uns zurück“.
„Auf Wunsch zeigen wir die histologischen Präparate unterm Mikroskop.“ Prof. Manfred Dietel, Leiter des Pathologischen Instituts der Charité
„Auf Wunsch zeigen wir die histologischen Präparate unterm Mikroskop.“ Prof. Manfred Dietel, Leiter des Pathologischen Instituts der Charité

Ob ein solches Beratungsangebot wie das der Charité auch anderswo besteht, weiß man beim Berufsverband Deutscher Pathologen nicht. Vereinzelt suchten Krebspatientinnen und -patienten das Gespräch, heißt es. Auch manche Eltern, die ein Kind durch eine Tot- oder Fehlgeburt verloren hätten, wendeten sich an einen Pathologen.

Der Gesprächsbedarf könnte zunehmen. „Im Moment erleben wir in der Pathologie eine ganz neue Entwicklung“, meint Prof. Dr. med. Werner Schlake, Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Pathologen. Sie kann unter dem Begriff „individualisierte Therapie“ zusammengefasst werden. In der Krebstherapie spielt die Prädiktion des Ansprechens maligner Tumoren auf zielgerichtete Medikamente eine immer größere Rolle.

Zum Beispiel beim Mammakarzinom: Bei 25 bis 30 Prozent aller Patientinnen weisen die Tumorzellen eine übermäßige Expression des HER2-Proteins auf, die meist auf eine Genamplifikation des HER2-Gens zurückgeht. Molekularpathologische Methoden decken die Vervielfachung dieses Gens auf. Für diese Patientinnen steht mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab, der nur mit den Krebszellen reagiert, die vermehrt HER2-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche tragen, eine wertvolle Therapieoption zur Verfügung.

Analysen der Pathologen haben somit direkten Einfluss auf die individuelle Therapieentscheidung. In diesem Zusammenhang werde, so Schlake, von der „neuen Macht“ der Pathologen gesprochen: „Die Pathologen erkennen, dass sie nicht mehr einsam in einem Keller an ihren Mikroskopen sitzen.“ Er begrüßt es, dass sie vermehrt mit ärztlichen Kollegen sprechen und den Dialog mit Patienten suchen: „Was spricht dagegen, dass der Pathologe dem Patienten den Befund in ruhiger Atmosphäre erklärt, den er selbst erhoben hat?“
Ulrike Hempel
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