ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2008100 Jahre Deutsch-Chinesische Kooperation in der Medizin: Reger Austausch auf vielen Gebieten

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100 Jahre Deutsch-Chinesische Kooperation in der Medizin: Reger Austausch auf vielen Gebieten

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): A-2648 / B-2248 / C-2164

Höpker, Wilhelm-Wolfgang

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Eingangstorzur 1907 errichteten deutschen medizinischen Hochschule in Schanghai Foto: Deutsches Akademisches Zentrum der Tongji-Universität
Eingangstorzur 1907 errichteten deutschen medizinischen Hochschule in Schanghai Foto: Deutsches Akademisches Zentrum der Tongji-Universität
Nach der Kulturrevolution setzten sich die Deutsch-Chinesische und die Chinesisch-Deutsche Gesellschaft für Medizin für die Zusammenarbeit von Ärzten beider Länder ein.

Ganz klein, ja ärmlich fing es damals an. Der von humanistischen Idealen geprägte Arzt Dr. Erich Paulun (1862–1909) gründete im Jahr 1900 in Schanghai – mit den Spenden deutscher, insbesondere Hamburger Kaufleute – eine Ambulanz für chinesische Patienten – zu einer Zeit, in der ein einfacher Chinese im eigenen Land weniger wert war als ein Hund, wie es Paulun in einem Schlüsselerlebnis bei seiner Ankunft erleben musste. Die Ambulanz fand Zuspruch, ein kleines Krankenhaus wurde daraus, und 1907 wurde eine medizinische Hochschule errichtet, die von Dr. Paulun „Tongji“ – das bedeutet „in einem Boot“ und im Schanghai-Dialekt außerdem „deutsch“ – genannt wurde. Zwei Jahre später starb Paulun an Typhus.

Ein beispielloser langer Marsch
Außer der Medizin wurden bald noch ein wirtschafts- und ein ingenieurwissenschaftlicher Ausbildungsgang sowie ein Sprachinstitut eingerichtet. Die Universitätsneugründung wurde materiell und vor allem personell aus Berlin und von zahlreichen Universitäten des Deutschen Reichs unterstützt. Eigenartigerweise konnte die Tongji-Universität die schrecklichen Bürgerkriege in China überstehen. In Schanghai wurde der Unterricht teilweise unter Beschuss abgehalten. Als japanische Truppen 1937 Schanghai und in der Folge ganz Südchina besetzten, floh das gesamte Lehrpersonal unter Mitnahme von Labor- und OP-Einrichtungen, Bibliotheken und Archiven und dem noch vorhandenen Verbrauchsmaterial. Ein beispielloser, 10 000 Kilometer langer Marsch folgte, der bis nach Hanoi führte. 1946 kehrte die Universität nach Schanghai zurück. Während der gesamten Zeitspanne waren Ausbildungs- und Prüfungsbetrieb (nach der deutschen Bestallungsordnung) sowie die zusätzliche Krankenversorgung an den jeweiligen Standorten voll funktionsfähig. Unterwegs wurden Krankenhäuser und medizinische Fakultäten neu gegründet oder wieder aufgebaut – eine in dieser Form wohl einmalige Leistung.

Im Jahr 1949 rief Mao (1893– 1976) die Volksrepublik China aus. 1952 gab er den Befehl, die Medizinische Fakultät mit dem von Dr. Paulun gegründeten Tongji-Hospital nach Wuhan in Mittelchina umzusiedeln – dort gab es keine medizinische Versorgung. In Wuhan konnte Tongji die Wirren und Kampagnen (1955: Lasst 100 Blumen blühen; 1958: Der große Sprung nach vorn; 1959–1962: Große Hungersnot in China; 1966– 1976: Kulturrevolution) der Mao-Zeit überstehen. Unmittelbar nach der Kulturrevolution (1978) wurden wieder Kontakte zu Deutschland aufgenommen. Seitdem hat sich ein reger Austausch entwickelt.

An das von Paulun begonnene medizinische Engagement in China wurde Mitte der 80er-Jahre wieder angeknüpft. Auf Initiative der von der Bundes­ärzte­kammer gegründeten Hans-Neuffer-Stiftung lud der damalige Vorsitzende und Berliner Ärztekammerpräsident, Prof. Wilhelm Heim, am 26. Juni 1984 hochrangige Vertreter der Ärzteschaft zur Gründungsversammlung der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin (DCGM) nach Köln ein. Die Teilnehmerliste liest sich wie ein „Who’s who“ der deutschen medizinischen Wissenschaft.

In seiner Ansprache an die 37 Teilnehmer der Gründungsveranstaltung umriss Heim das Ziel: „Angeregt durch Einzelbesuche herausragender deutscher Ärzte in China, die interessante Neuigkeiten aus dem großen Land berichteten, wird eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit der VR China auch von der Bundesrepublik Deutschland gewünscht.“ Verwiesen wurde auf das Bulletin, das anlässlich eines Deutschlandbesuchs des stellvertretenden Ministerpräsidenten Chinas, Li Peng, im Mai 1984 herausgegeben worden war: „Der Austausch von Wissenschaftlern und Studenten hat ein beträchtliches Ausmaß angenommen. Auch unsere kulturellen Kontakte tragen dazu bei, dass sich unsere beiden Länder besser kennenlernen.“ Das seit 1978 bestehende deutsch-chinesische Abkommen sollte weiter mit Leben gefüllt und die Zusammenarbeit mit der VR China auch in der Medizin wieder intensiviert werden.

Bei der Gründungsversammlung in Köln war Prof. Wu Zhongbi, Direktor des Instituts für Pathologie der Universität Wuhan, anwesend. Er wurde einer der Gründungspräsidenten der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft für Medizin (CDGM), die im selben Jahr, im November 1984, in Wuhan aus der Taufe gehoben wurde. Beide Gesellschaften feiern 2009 ihr 25-jähriges Jubiläum.

Verpflichtung zur Fortführung der Erfolgsgeschichte
Zwei chinesische Ärzte und Wissenschaftler haben die deutsch-chinesische Zusammenarbeit seit 1984 maßgeblich geprägt und zu ihrem persönlichen Anliegen gemacht. Prof. Qiu Fazu, Chirurg, und Prof. Wu Zhongbi, Pathologe – die beiden „Alten“ aus Wuhan/Volksrepublik China (siehe Kästen). Seit der Kulturrevolution haben sie sich unermüdlich für die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit von Ärzten in China und Deutschland eingesetzt.

Unter dem Leitmotiv „Tongji“ und dem Motto „Lernen, Wissen, Helfen“ im Emblem beider Gesellschaften kam es seit 1984 zu einem hervorragenden wissenschaftlichen Austausch. Es entstand eine Vielzahl von Kontakten und Freundschaften zwischen den Ärzten beider Länder.

Entwürfe für ein gemeinsam von der Tongji-Universität Schanghai, Siemens und den Asklepios-Kliniken betriebenes Krankenhausprojekt, das rechtzeitig zur Weltausstellung Expo 2010 fertiggestellt sein soll. Foto: Siemens
Entwürfe für ein gemeinsam von der Tongji-Universität Schanghai, Siemens und den Asklepios-Kliniken betriebenes Krankenhausprojekt, das rechtzeitig zur Weltausstellung Expo 2010 fertiggestellt sein soll. Foto: Siemens
Im Jahr 2007 wurde mit einer gewaltigen „Performance“ das 100jährige Jubiläum von Tongji gefeiert – anwesend waren zahlreiche Vertreter deutscher Universitäten, der deutsche Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Dr. Klaus Theo Schröder, und Vertreter des chinesischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums. Auch die beiden chinesischen Gründungspräsidenten, Qiu Fazu und Wu Zhongbi, konnten die Feier noch miterleben. Zeitgleich feierte die Tongji-Universität Schanghai – jetzt eine der führenden ingenieurwissenschaftlichen Universitäten Chinas – ihr Jubiläum. Vor einiger Zeit hatte sie mit der Eisenbahnuniversität fusioniert, zu der ein eigenes Krankenhaus in Schanghai gehörte. Dieses wurde in Tongji-Hospital umbenannt. Das eigentliche Tongji-Hospital war 1952 mit der Medizinischen Fakultät nach Wuhan umgesiedelt worden. Heute wird in Schanghai eine neue Medizinische Fakultät aufgebaut, Tongji-Schanghai hat als Partner die Charité – Universitätsmedizin Berlin und den Asklepios-Konzern, Königstein, gewonnen. Ab 2009 soll der Lehrbetrieb schrittweise beginnen; damit wäre Tongji-Schanghai wieder eine „vollständige“ Universität.

Wissenschaft lebt heute von der Vernetzung und von der Präsenz vieler Disziplinen vor Ort, wenn möglich „fußläufig“. Schanghai ist inzwischen ein Zentrum für Güter, Umschlag, Banken, Kultur in einer globalisierten Welt und hat sicherlich die Chance, auch ein globales Wissenschaftszentrum zu werden. Eine derartige Entwicklung wird für Wuhan so nicht gesehen.

Die Ärztegesellschaften beider Länder haben diese Entwicklung der Medizin begleitet – und sind weiter aktiv. Internationaler Austausch in der Medizin bleibt auf der Agenda, gerade weil die Saat beider Gesellschaften durch Multiplizierung des medizinisch-wissenschaftlichen Austauschs über Universitätspartnerschaften und wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaften aufgegangen ist. Aktuelle Themen, wie Katastrophenmedizin, Alterskrankheiten und die Suchtproblematik, aber auch medizin- ethische Fragen stehen an. Hinzugekommen sind gesundheits- und sozialpolitische Fragen – auch hier gibt es gemeinsame Probleme, und der Dialog über Lösungen hat begonnen. Auch auf diesen neuen Feldern werden die Ärztegesellschaften weiter tätig sein. Der ärztliche Nachwuchs in beiden Ländern wird wie in den vergangenen 25 Jahren gefördert. Jährlich werden zehn bis 15 deutsche Famulanten für die Universitäten in Wuhan, Schanghai, Kanton und anderen Teilen Chinas aufgenommen – ein Programm, das der Deutsche Akademische Austauschdienst mitfinanziert. Mehrere Doktoranden-Programme für junge chinesische Ärzte, gefördert von der Stiftung Volkswagenwerk und der Krupp-Stiftung, wurden durchgeführt, und zahlreiche wissenschaftliche Gemeinschaftsprojekte konnten erfolgreich abgeschlossen werden beziehungsweise laufen noch. Die Jahrestagungen – abwechselnd in Deutschland und China – bleiben das Markenzeichen der deutsch-chinesischen Ärztekooperation. Die Abkommen zwischen den Ge­sund­heits­mi­nis­terien beider Länder tragen auch die Handschrift dieser Ärztegesellschaften.

Die Gründungsväter in China und in Deutschland sind inzwischen gestorben – sie hinterlassen ein reich bestelltes Feld, aber zugleich auch eine Verpflichtung für ihre Nachfolger, die bisherige Erfolgsgeschichte fortzuführen.
Prof. Dr. med. Wilhelm-Wolfgang Höpker
Ehrenpräsident der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin (DCGM)

Weitere Informationen zur Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin: Geschäftsstelle der DCGM, Renate Hess, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin


Prof. Qiu Fazu (1914–2008)
Qiu Fazu wurde als Kind einer vornehmen Familie in Hangzhou südlich von Schanghai geboren. Er besuchte die Tongji-Mittelschule bis zum Abitur in Schanghai und begann sein Medizinstudium (1933–1936) an der dortigen Medizinischen Fakultät. Als 23-Jähriger setzte er sein Studium 1937 an der Ludwig-Maximilians-Universität München fort. 1939 bestand Qiu Fazu das Staatsexamen und promovierte bereits Anfang 1940 bei dem Pathologen Max Borst. Der junge Krankenhausarzt Qiu Fazu, in München als der „rote Chinese“ bekannt, erwarb sich Verdienste um die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im Zweiten Weltkrieg und erhielt dafür das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Vor Kriegsende wurde er in das Lazarett in Bad Tölz (Oberbayern) abgeordnet. Hier rettete er Juden und andere Häftlinge auf dem Todesmarsch in das Konzentrationslager Dachau. Verheiratet mit einer Deutschen, Loni Qiu, geborene König aus Bad Tölz, kehrte er 1946 nach Schanghai zurück. Zunächst als Konsiliarius für Chirurgie des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums, übernahm er zugleich die Chirurgische Abteilung der Zweiten Militärmedizinischen Hochschule in Schanghai als Direktor. 1951 nahm er als Chirurg am Koreakrieg teil und wurde 1952 Ordinarius für Chirurgie an der Tongji-Universität Schanghai. Während der nächsten sechs Jahre bekleidete er gleichzeitig die Lehrstühle für Chirurgie in Schanghai und in Wuhan.

Qiu Fazu war der Begründer der Abdominalchirurgie in China und führte dort die ersten Lebertransplantationen durch. Die Mehrzahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt sich mit der onkologischen Chirurgie, der Chirurgie der portalen Hypertension und der Organtransplantation. Viele Arbeiten befassten sich mit den Komplikationen bei Infektionskrankheiten (Tuberkulose, Schistosomiase etc.). Qiu Fazu war Herausgeber und Verfasser wichtiger chirurgischer Standardwerke in China. Außerdem war er Vorsitzender der Gesellschaft für Chirurgie der Provinz Hubei und auch von China. Gleichzeitig gab er zahlreiche wissenschaftliche (auch internationale) Zeitschriften heraus.

Qiu Fazu erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg und wurde mehrfach mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt. Er und seine Frau wurden aufgrund ihrer Verdienste um die deutsch-chinesische Zusammenarbeit mit der Paulun-Medaille der DCGM ausgezeichnet. Qiu Fazu starb am 14. Juni 2008.


Prof. Wu Zhongbi (1919–2007)
Wu Zhongbi wurde als ältestes Kind von neun Geschwistern und Sohn eines Fabrikkaufmanns in der chinesischen Provinz Anhui geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach dem Schulbesuch in Schanghai und Nanjing bestand er das Abitur 1939 an der Tongji-Mittelschule bereits auf der Flucht. Sein Medizinstudium (nach der deutschen Bestallungsordnung) absolvierte er ebenfalls während des langen Marschs nach Hanoi. 1946 wurde Wu Zhongbi als Assistenzarzt der Pathologie an der Tongji-Universität in Schanghai eingestellt. Dort wurde er 1950 Dozent, später dann in Wuhan außerordentlicher (1956) und ordentlicher Professor (1976). Im Verlauf der Kulturrevolution musste Wu Zhongbi Schikanen, Demütigungen und mehrfach Gefangenschaften erleiden.

Sein Einsatz für den deutsch-chinesischen Austausch, seine fachliche Kompetenz, seine exzellenten Deutschkenntnisse und sein Humor sind unvergesslich. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten sind das Ergebnis seiner Forschungstätigkeit; bahnbrechend und heute noch zitiert sind seine Forschungsergebnisse über die Schistosomiase, die später in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg zur Entwicklung eines Impfstoffs führte. Wu Zhongbi verfasste mehr als 20 Monografien und Lehrbücher. Viele Hand- und Lehrbücher übersetzte er aus dem Deutschen ins Chinesische. Er wirkte als Herausgeber und Redakteur zahlreicher wissenschaftlicher Zeitschriften. Wu Zhongbi war Vorsitzender der Gesellschaft für Pathologie der Provinz Hubei und von China insgesamt. Fast 40 Jahre lang kam er regelmäßig nach Deutschland; das Ergebnis sind unter anderem mehr als 25 Partnerschaften mit deutschen Universitäten und Krankenhäusern. In China und Deutschland wurde er hoch geehrt, mehrfach erhielt er die Ehrendoktorwürde auch deutscher Universitäten (Heidelberg, Ulm, Essen). Er war Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und Träger der Paulun-Medaille der DCGM. Mit dem Großen Bundesverdienstkreuz wurde er zweimal ausgezeichnet. Wu Zhongbi starb am 14. November 2007.
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