SUPPLEMENT: Reisemagazin

Antarktis: Im Palast der gläsernen Schwäne

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [4]

Motz, Roland

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LNSLNS Eine Begegnung mit der lebensfeindlichen, aber umso faszinierenderen Welt des Eises

Eine Kathedrale in Weiß, auf deren Vorderschiff einige Dutzend Nonnen ehrfürchtig dem Wort Gottes lauschen . . . Foto: mauritius
Eine Kathedrale in Weiß, auf deren Vorderschiff einige Dutzend Nonnen ehrfürchtig dem Wort Gottes lauschen . . . Foto: mauritius
Ein ruhiges, dunkles, fast schwarzes Meer unter grauem Himmel, dazu flach über den Wellen segelnde Albatrosse. So harmlos begegnen uns anfangs die berüchtigten Gewässer vor Kap Hoorn, nachdem wir in der südlichsten Stadt der Welt das norwegische Schiff bestiegen haben. „Fin del Mundo“ steht auf den Poststempeln in Ushuaia; für uns 250 Touristen fängt die Welt südlich davon erst an. „Die Antarktis kostet keinen Eintritt, der Preis ist die Drake-Passage“, lauten die seltsamen Begrüßungsworte unseres kanadischen Expeditionsleiters Ean. Zwei wilde Seetage später verstehen wir ihn nur allzu gut. Gigantische Wellenberge schlagen über dem Vordeck zusammen, die Kabinenfenster bis Deck drei verschwinden vollständig in den Wellen. Nirgendwo sonst auf der Welt tosen heftigere Stürme, ist das Wetter so unbeständig wie zwischen Kap Hoorn und der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel.

„Er bläst – er bläst“, ruft Kjell Skjoldvaer im Stil von Käpt’n Ahab den ersten Wal persönlich aus, und auch den „Eisberg elf Uhr Backbord voraus“, lässt sich der Kapitän der „Nordnorge“ nicht nehmen. Die frühe Begegnung mit der lebensfeindlichen, umso faszinierenderen Welt des Eises lockt alle Passagiere an die Reling. Surreal, wie ein an Dalí erinnerndes Fantasiegebilde der Natur, taucht der aus dem Jenseits geschickte gläserne Palast vor uns auf.

„Land in Sicht“ – es ist ein erhebender Moment, als wir die Südshetlandinseln erreichen. 20 Inseln sind der Antarktischen Halbinsel vorgelagert. Auf Elephant Island, der nördlichsten, hat Shackleton seine Männer zurückgelassen, bevor er mit fünf Begleitern auf einem winzigen Walfangboot die ungeheuerliche Rettungsreise durch die Drake-Passage zur 1 300 Kilometer entfernten Insel Südgeorgien antrat.

Da haben wir es schon gemütlicher. Das „Anhosen und Aushosen“, wie es eine ältere Mitreisende so schön ausdrückt, ist unsere schwerste Arbeit während der „Expeditionen“. Betreutes Wohnen auf See mit gelegentlichen Landgängen, abhängig von den Witterungsbedingungen, beschreibt ehrlich gesagt viel eher unsere Aktivitäten. Auf King George Island gehen wir erstmals an Land. Keine fünf Minuten braucht das Zodiac-Schlauchboot von der „Nordnorge“ bis zur Anlegestelle im Eis. Mit bordeigenen Gummistiefeln, Rettungswesten und Parkas ausgestattet, waten wir die letzten Schritte an Land; beobachtet von ungezählten Pinguinen und den fünf Bewohnern der kleinen polnischen Polarstation Arctowski. Nach einer Stunde mit den Pinguinen im Eis werden wir zu Kaffee und Kuchen in die Container eingeladen. Doch selbst mit abschließendem Wodka und einem fantasievollen Stempel in den Pass gelingt es der gastfreundlichen Besatzung nicht so recht, einige Zweifler unter uns von ihrer seriösen Forschungsarbeit zu überzeugen. „Sie suchen Nahrung“, witzelt ein chilenischer Journalist über den wahren Daseinsgrund der Polen im ewigen Eis.

„Viele bemühen sich um den Job im Eis, wir haben Glück gehabt.“ – In Base Esperanza leben 67 Menschen, darunter auch Familien mit Kindern. Foto: Roland Motz
„Viele bemühen sich um den Job im Eis, wir haben Glück gehabt.“ – In Base Esperanza leben 67 Menschen, darunter auch Familien mit Kindern. Foto: Roland Motz
Ein herrlicher Tag auf Cuverville Island, einem winzigen Eiland nur wenige Meilen vom antarktischen Festland entfernt. Seeelefanten dösen auf einem Felsen in der matten Sonne. Tausende von Eselspinguinen brüten dicht an dicht und bringen uns zum Staunen. Da gibt es die Bergsteiger, die unbeholfen, aber zielstrebig und mit erstaunlicher Ausdauer zu einer 80 Meter hohen Felskuppe über das Eis klettern. Die Faulen, die ihr steinernes Nest direkt am Ufer in die Böschung gesetzt haben und sich gegenseitig auch noch die Steine klauen. Die Pfeilschnellen, die im flachen, ufernahen Wasser delfinartig zwischen dem Trümmereis umherspringen oder wie Torpedos in wilden Achterbahnen durch das klare Polarwasser zischen. Am meisten beeindruckt jedoch Mischa, so nennen wir den artistischen Pinguin, der ohne zu zögern mit angelegten Flügeln von seinem hochgelegenen Nest übers Eis zum Ufer hinunterrutscht, sich dort kurz schüttelt, als ob er fröre, um dann unbeirrt den weiteren Weg ins Meer zu watscheln. Eine Prachtnummer aus dem antarktischen Staatszirkus. Wieder zurück an Bord, versucht Expeditionsleiter Ean, uns Pinguinfans zu schocken: „Ich mag Pinguine – am liebsten mit Reis.“ Pinguine seien auch wunderbar zum Heizen. Allein Shackleton steckte 1 400 in den Ofen, bis sie Elephant Island erreichten.

Die Base Esperanza liegt am 63. Breitengrad auf der Antarktischen Halbinsel und ist die einzige ständig bewohnte Forschungsstation mit Familien in der Antarktis. Um ihre territorialen Ansprüche zu untermauern, schicken die Argentinier schon seit Langem auch Ehepaare ins ewige Eis. Acht Menschen, die ersten Antarktiker, wurden hier geboren. Ein gefährlicher Unfug, der mittlerweile verboten ist. Immerhin 67 Bewohner verteilen sich auf die wenigen Gebäude von Esperanza. Wenn das Meereis zurückgeht, bringt das Versorgungsschiff die Vorräte für ein ganzes Jahr. Sie werden vom Kommandanten in Tagesportionen eingeteilt und dann eingelagert. „Nichts Frisches, keine Milch, kein Joghurt, kein McDonald’s – nur Pulver und vier Fernsehprogramme via Satellit, dazu alle drei Monate ein Versorgungsflugzeug, das Päckchen aus der Heimat mitbringt“, beklagt sich die 13-jährige Rosario in der Pause. Ansonsten sind die 20 Schüler begeistert von ihrer temporären Heimat im Eis, da sind sich alle einig. Auch das Lehrerpaar Arias, das ursprünglich aus dem heißen Chaco im Norden Argentiniens stammt, ist hochzufrieden: „Viele bemühen sich um den Job im Eis, wir haben Glück gehabt.“

Almirante Brown heißt unsere südlichste Anlandungsstelle am 65. Breitengrad kurz vor dem Polarkreis. Umgeben von mächtigen Gletschern liegt die verlassene argentinische Station eingeschlossen im Eis. Vor einer antarktischen Traumkulisse gleiten wir weiter durch Treibeis, Packeis, aufgetürmte Eisschollen, schwarze Löcher und Rinnen im bleigrauen Wasser auf die „drei Schwestern“ zu. Die imposanten schwarzen Felswände mit den meterdicken Sahnehäubchen auf den spitzen Gipfeln markieren die Einfahrt in den Lemaire-Kanal. Im Schritttempo bewegt Kapitän Skjoldvaer die „Nordnorge“ in die schmale Meeresenge. Der ultimative Höhepunkt unserer Reise ist erreicht. Je weiter wir in den Lemaire-Kanal eintauchen, umso unwirklicher wird die Landschaft. Wie von einem schlechten Landschaftsmaler geschaffen, der viel zu viel kräftige, weiße Farbe über die Leinwand gekippt hat und vergletscherte Steilwände direkt in ein dunkles, mit Eisschollen übersätes Meer fallen lässt, wo hochalpine Gipfel allmählich in grüne Bergmatten übergehen müssten. Im Wasser spiegelt sich das mit bläulich schimmerndem Weiß überladene Werk derart kitschig, dass wir Betrachter uns in einer Disney ähnlichen Traumwelt wähnen.

Stundenlang gleiten wir durch das eisige Märchenland, ohne zu bemerken, dass wir schon auf dem Heimweg sind. Auf 62 Grad Süd taucht im Antarktischen Sund unser Abschiedsgeschenk auf: ein gewaltiger Tafeleisberg, der sich senkrecht, wie mit dem Kuchenmesser geschnitten, aus dem schwarzen Wasser erhebt. Eine Kathedrale in Weiß, auf deren Vorderschiff einige Dutzend Nonnen ehrfürchtig dem Wort Gottes lauschen, das aus der Kälte kommt. Schwarze Kutte, weißer Kittel – dieses Mal Zügelpinguine. Die „Nordnorge“ umrundet den blau angestrahlten Tempel. Dann verlassen wir die antarktischen Gewässer und steuern wieder auf Kap Hoorn zu, der Zivilisation entgegen. Roland Motz

Informationen:
Die 13- bis 21-tägigen Expeditionsreisen in die Antarktis werden von Hurtigruten zwischen November und Februar 2009/2010 an neun Terminen ab 4 740 Euro angeboten und führen alle über Buenos Aires nach Ushuaia zum Einschiffen. Hurtigruten GmbH, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg, Telefon: 0 40/37 69 30, Fax: 0 40/36 41 77, Internet: www.hurtigruten.de.
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