ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 3/2008Les Portes du Soleil: Schmerzhafte Erinnerungen

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Les Portes du Soleil: Schmerzhafte Erinnerungen

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [7]

Hahne, Dorothee

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LNSLNS Wenn das Kind auf der Piste mit einem Snowboarder kollidiert

Foto: Office de Tourisme - Chatel
Foto: Office de Tourisme - Chatel
Der 16. März 2008 war ein Tag, der schon am frühen Morgen nach Lichtschutzfaktor 50 roch. Die schneebedeckten Dächer von Châtel glitzerten in der Sonne, und wir schaukelten mit einer der ersten Gondeln über die Baumwipfel. Nach zwei Nebeltagen hielten die „Portes du Soleil“ endlich, was ihr Name verspricht. Die Pforten der Sonne: Zwischen den Dents du Midi im Osten und dem Montblanc im Westen schlängeln sich jede Menge Pisten – steile und flache, schmale und weite, manche führen mitten durch die Wälder, andere nehmen breite Bergrücken in Beschlag.

Wir wollten mit unseren Kindern Leonard (12) und Vincent (9) eine Tour nach Avoriaz machen und mäanderten gemütlich von Lift zu Lift. Genial, am Rand der Pisten durch den unberührten, wadenhohen Tiefschnee zu pflügen und eigene Spuren zu ziehen! Die schwarzen Pisten hatten es den Kindern besonders angetan; mit ihren kurzen Skiern fuhren sie über die steilen Buckel, zogen unbeirrt einen Bogen nach dem anderen und blickten, unten angekommen, mächtig stolz zurück. Bei einer ausgiebigen Mittagpause tankten wir neue Energie – ein kleines Nickerchen im Liegestuhl in der Sonne, Kakao mit Sahne und Pistenbrote. Es sollte die letzte gemeinsame Mittagspause in diesem Urlaub sein.

Oben: Noch ist dieWelt in Ordnung. Unten: Endlich wieder zu Hause! Die Ambulanz hat Vincent aus Frankreich zurücktransportiert. Fotos: Eberhard Hahne
Oben: Noch ist dieWelt in Ordnung. Unten: Endlich wieder zu Hause! Die Ambulanz hat Vincent aus Frankreich zurücktransportiert. Fotos: Eberhard Hahne
Direkt danach passierte es: Vincent kollidierte im schweren Sulzschnee mit einem Snowboarder. Der rappelte sich sofort wieder auf, während Vincent weinend im Schnee liegen blieb, und keine Anstalten machte aufzustehen. Beim Versuch, die Skier abzuschnallen, brüllte er vor Schmerzen. Das linke Bein war ernstlich verletzt. Was tun? Zum Glück fanden wir die Notrufnummer auf dem Skiplan. Ein Anruf per Handy, und Minuten später war ein Mitarbeiter der Pistenrettung bei uns, der sofort Verstärkung mit einem Akia anforderte. Die Männer legten eine aufblasbare Manschette um das verletzte Bein und brachten Vincent sicher ins Tal, wo der Krankenwagen wartete. Der Verdacht auf eine Fraktur bestätigte sich: Es hatte sowohl das Schien- als auch das Wadenbein erwischt. Weil der Skischuh nur unter Narkose vom Fuß gelöst werden konnte, wurde Vincent in die Klinik nach Thonon-les-Bains am Genfer See transportiert. Ein Horrortrip der Schmerzen – 45 Minuten lang rumpelte der Krankenwagen über mit Schlaglöchern gespickte Bergsträßchen. Seit dem Unfall waren zwei Stunden vergangen, das gebrochene Bein steckte noch immer im Skischuh, und die Tablette vom Arzt wirkte längst nicht mehr.

Der Klinikarzt plädierte gegen Gips und für eine Operation: Durch kleine Öffnungen links und rechts unterhalb der Kniescheibe schob er zwei Titannägel durch das Knochenmark der Tibia, die den Knochen stabilisierten. Seiner Erfahrung nach besonders für entzweite Kinderknochen eine gute Lösung. In den nächsten Tagen färbte sich das Bein dunkel- violett, grün und blau. Und es schmerzte. Wir Eltern wechselten uns mit der Betreuung ab – das bedeutete täglich 90 Kilometer Fahrt, teilweise mit Schneeketten. Nach fünf Tagen Klinikaufenthalt war die Urlaubswoche vorbei, doch an eine Heimfahrt im eigenen Auto war nicht zu denken. Zum Glück funktionierte der Auslandskrankenschutz reibungslos: Die Versicherung übernahm die Behandlungskosten und organisierte den Rücktransport im Ambulanzwagen, ohne dass wir einen Cent vorstrecken mussten.

Auch wenn Vincent nie wieder Ski fahren möchte – wir kommen sicher wieder. Châtel hat die Gemütlichkeit eines Savoyer Bergdorfs und verströmt zugleich das Flair eines lebhaften Skiorts: Im Zentrum säumen Cafés, Bars, Restaurants und Sportgeschäfte die Straßen, rundherum schmiegen sich Holzchalets und alte Bauernhöfe an den Berg. Außer Skifahren kann man hier verrückte Sachen ausprobieren, zum Beispiel Eistauchen oder Skijöring, bei dem sich der Skifahrer von einem Pferd in die Berge ziehen lässt. Eines aber ist klar: Im nächsten Skiurlaub bleiben wir am verflixten dritten Skitag in der Ferienwohnung und spielen Monopoly. Dorothee Hahne

Informationen:
Zwischen dem Genfer See und dem Montblanc liegt Châtel im Herzen des Skigebiets „Les Portes du Soleil“. Es bietet 650 km Pisten und 207 Lifte, die 12 Stationen in Frankreich und der Schweiz miteinander verbinden. Allein in Châtel gibt es 47 Sessel- und Schlepplifte oder Gondeln, die 83 Kilometer Wedelspaß bescheren.
Kontakt: www.chatel.com, E-Mail: touristoffice@chatel.com.
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