SUPPLEMENT: Reisemagazin

Meißen: Weißes Gold

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [12]

Buhr, Uta

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LNSLNS Eigentlich war die Erfindung des kostbaren Porzellans vor 300 Jahren ein genialer Irrtum.

Foto: Klaus Tänzer
Foto: Klaus Tänzer
Wollte Gold machen und schuf Porzellan: Johann Friedrich Böttger
Wollte Gold machen und schuf Porzellan: Johann Friedrich Böttger
Meißen! Welche Magie geht von diesem Namen aus. Wenn auch viele Ausländer häufig nicht einmal wissen, wo diese von der mächtigen Albrechtsburg und dem spätgotischen Rathaus beherrschte Stadt liegt, so ist ihnen eines bekannt: Hier wird das schönste und kostbarste Porzellan der Welt hergestellt. Doch das ist nicht alles. Meißen – oder genauer gesagt die hoch über der Elbe thronende Albrechtsburg ist die Geburtsstätte des europäischen Porzellans. Hinter ihren dicken Mauern wurde 1708 – also vor 300 Jahren – das erste Porzellan auf dem alten Kontinent erfunden. Zuvor war Europa auf die teuren Importe aus China angewiesen. Die Europäer versuchten zwar, an das Rezept seiner Herstellung heranzukommen, aber die Herren im Reich der Mitte hüteten das Geheimnis wie ihren Augapfel.

Eigentlich war die Erfindung des „weißen Golds“ in Meißen ein genialer Irrtum. Denn August der Starke, der mächtige Kurfürst von Sachsen, hatte den selbsternannten, etwas großmäuligen Alchimisten Johann Friedrich Böttger aus dem Vogtland vor den Häschern des preußischen Königs Friedrich I. gerettet, damit er ihm Gold mache. Der prunkliebende Monarch benötigte für seine ehrgeizigen Bauprojekte jede Menge davon. Und damit der Bursche ihm nicht entkam, setzte er ihn kurzerhand auf der Albrechtsburg fest. Unter der Aufsicht martialischer Wachen gab es kein Entkommen.

Die Albrechtsburg: Geburtsstätte des europäischen Porzellans. Foto: Fotolia
Die Albrechtsburg: Geburtsstätte des europäischen Porzellans. Foto: Fotolia
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Die ständige Ausstellung auf der Albrechtsburg „Schaff Gold, Böttger“ demonstriert, unter welchen Bedingungen dieser unter Anleitung des Naturforschers und Philosophen Ehrenfried von Tschirnhaus seine Versuche durchführen musste. Eine Reihe von Gerätschaften sind auf der „Bühne“ ausgestellt – Kolben, Zangen, Tiegel sowie ein großer Blasebalg. Mit diesen einfachen Mitteln wollte man seinerzeit der Herstellung des Edelmetalls näherkommen. Ein Fanfarenstoß verkündet den Beginn der Schau. Das Licht erlischt, Funken sprühen, Rauchschwaden steigen auf. Der staunende Besucher nimmt teil an einer faszinierenden Versuchsreihe und an Brennprozessen, die schließlich im Jahr 1708 per Zufall in der Produktion des ersten strahlend weißen Porzellans auf europäischem Boden endeten.

Staatliche Porzellanmanufaktur mit Kostbarkeiten aus 300 Jahren. Fotos (3): ddp
Staatliche Porzellanmanufaktur mit Kostbarkeiten aus 300 Jahren. Fotos (3): ddp
Für den Monarchen erwies sich die Erfindung des „weißen Golds“ als noch einträglicher, als es das blanke Metall gewesen wäre. Denn was in Europa Rang und Namen hatte, riss sich von Stund’ an um das Porzellan aus Meißen. Die Manufaktur konnte der Nachfrage kaum Herr werden. August der Starke hielt übrigens sein Versprechen, Johann Friedrich Böttger nach getaner Arbeit aus der „Haft“ zu entlassen. Durch die ungesunden chemischen Dünste, die er in seinem Laboratorium jahrelang einatmen musste, war der geniale Erfinder gesundheitlich schwer angeschlagen. Dennoch leitete er die im Jahr 1710 qua königliches Dekret offiziell gegründete Meißner Porzellanmanufaktur bis zu seinem Tod mit großer Umsicht.

Ob klassisch oder modern – auch heute noch wird jedes Stück . . .
Ob klassisch oder modern – auch heute noch wird jedes Stück . . .
Wer die schönsten Objekte der Meißner Porzellanmanufaktur in der Ausstellung vermutet, wird enttäuscht. Stattdessen klären den Besucher in Vitrinen ausgestellte Objekte über verschiedene Besonderheiten der Herstellung des kostbaren Materials auf. Wer weiß schon, dass beim Brennvorgang 16 Prozent der Masse verloren gehen? Für den „Glattbrand“ wird die Temperatur auf 1 450 Grad Celsius hochgefahren. Früher nannte man die mit Holz befeuerten Brennöfen „Glückstöpfe“, weil man nie sicher sein konnte, was bei dem Brennprozess herauskommen würde. Das Holz gelangte bequem von Böhmen über die Elbe nach Meißen. Das für die Herstellung notwendige Kaolin (Porzellanerde) wurde aus dem 80 Kilometer entfernten Aue herangeschafft. Später fand man eine wesentlich bessere Qualität beim Bau eines Hauses ganz in der Nähe.

Wenn auch die modernen Öfen mit Gas beheizt werden, ergeben sich dennoch gelegentlich „Missbildungen“. Da kleben etwa mehrere Porzellanlöffel zusammen, ein Teller weist eine bizarre durchgebogene Form auf, und eine anmutige chinesische Vase in strahlendem Mingblau ist so schief wie der Turm von Pisa. Wie es zu diesen Fehlern kommen konnte, verraten Schilder neben den Vitrinen.

. . . Meißner Porzellan sorgfältig von Hand gefertigt.
. . . Meißner Porzellan sorgfältig von Hand gefertigt.
Den Zauber einer intakten Porzellanwelt erlebt der Besucher in den Schauräumen der Meißner Porzellanmanufaktur an der Talstraße 9. Hier sind die kostbarsten Produkte aus 300 Jahren ausgestellt: Die filigranen, elegant bemalten und reich mit Gold verzierten Teller und Tassen sowie Tafelaufsätze und anmutige Figurinen, Chinoiserien und „indische“ Muster aus dem 18. Jahrhundert begeistern jeden Besucher. Doch Meißen stellt auch erlesenes modernes Geschirr her, entworfen von bekannten Designern. Jedes Stück wird wie eh und je von Hand gefertigt und mit den gekreuzten Klingen des berühmten kobaltblauen Schwerts versehen. Die Staatliche Porzellanmanufaktur Meißen erhielt jüngst den Kulturpreis Europa 2008. Eine ideelle Auszeichnung, mit der hervorragende kulturelle Leistungen geehrt werden. Uta Buhr

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