Supplement: Reisemagazin

Den Haag: Schmucke Federn, große Klappe

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [14]

Rainer Heubeck

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Foto: Den Haag Marketing/Arjan de Jager
Foto: Den Haag Marketing/Arjan de Jager
Die niederländische Königsstadt gibt sich kunstsinnig.

Keine Frage, politisch spielt die Musik in den Niederlanden hauptsächlich in Den Haag, touristisch jedoch überwiegend in Amsterdam. Dabei liegen die beiden Städte nur etwa 60 Kilometer auseinander. Eine Kombination bietet sich an, zumal sich die vier wichtigsten niederländischen Städte – Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und Utrecht – ab dem Jahr 2009 gezielt gemeinsam vermarkten. „Holland Art Cities“ heißt das Projekt, an dem sich in Den Haag das Gemeentemuseum und das Mauritshuis beteiligen. Doch für Kunstliebhaber lohnt sich in Den Haag nicht nur der Museumsbesuch. Auch Klassik-, Theater- und Jazzfestivals, wie „The Hague Jazz“ im Mai oder „Pure Jazz“ im September, sind einen Besuch wert. Und Shoppingenthusiasten finden im Zentrum der traditionsreichen Königsstadt nicht nur Dutzende von Galerien und exklusive Boutiquen, sondern auch rund 150 Antiquitätenläden.

Star im Mauritshuis ist die „holländische Mona Lisa“: Jan Vermeers Porträt vom „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“.
Star im Mauritshuis ist die „holländische Mona Lisa“: Jan Vermeers Porträt vom „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“.
Den Haag hat zwar mehr als 500 000 Einwohner, doch das Zentrum der Storchenstadt, in der sich auffallend viele Jugendstilgebäude befinden, lässt sich hervorragend zu Fuß erschließen. Der weiße Klapperstorch, der im Stadtwappen abgebildet ist, hat den Den Haagern allerdings auch manchen Spott eingetragen. Er gelte, so berichtet Stadtführerin Lya Hendriks, als Symbol für die Mentalität der Den Haager: „Hohe Beine, geschmückte Federn und eine große Klappe.“ Doch der Stolz der Den Haager, er war oftmals nicht grundlos. Schließlich wurde hier, erstmals in den Niederlanden, ein Haus mit Zentralheizung gebaut, schließlich lebte hier mehr als ein Jahr lang der Maler Vincent van Gogh, und nicht zuletzt war es der in Den Haag residierende Moritz von Nassau, der von 1636 bis 1644 die brasilianischen Besitztümer der Holländer nicht nur verteidigte und verwaltete, sondern zu einer zeitweiligen Blüte brachte.

Verblüffende Perspektiven im Museum „Escher in het Paleis“. Fotos (2): Rainer Heubeck
Verblüffende Perspektiven im Museum „Escher in het Paleis“. Fotos (2): Rainer Heubeck
Sein ehemaliger Palast, das im holländisch-klassizistischen Stil errichtete Mauritshuis, beherbergt heute die königliche Gemäldegalerie, die eine weltweit einzigartige Sammlung flämischer und holländischer Meisterwerke enthält, darunter auch Kolonialmotive aus Brasilien. Peter Paul Rubens, Rembrandt van Rijn und Frans Hals gehören zweifellos zu den Stars des Museums. Das Aushängeschild des Mauritshauses jedoch ist ein Gemälde von Jan Vermeer. Sein „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“, das vermutlich als eine Art Porträtübung entstand, gilt mittlerweile als die holländische Mona Lisa. Die rätselhafte Schönheit, die auf dem Bild dargestellt wird, beschäftigt bis heute die Fantasie von Romanautoren und Hollywoodregisseuren. Ab Februar 2009 wird das königliche Gemäldekabinett im Rahmen des Art-Cities-Programms zudem eine Sonderausstellung mit Werken des Landschaftsmalers Jacob van Ruisdael zeigen, darunter sechs Motive, in denen die Burg Bentheim dargestellt ist, die sich auf der deutschen Seite der deutsch-niederländischen Grenze befindet.

Moderne Kunst im Gemeentemuseum. Foto: Gemeentemuseum Den Haag
Moderne Kunst im Gemeentemuseum. Foto: Gemeentemuseum Den Haag
Neben dem Mauritshuis beteiligt sich auch das Gemeentemuseum an dem auf mehr als zwei Jahre angelegten Kunstevent, das 25 Ausstellungen in zehn verschiedenen Museen umfasst: Im Den Haager Gemeentemuseum, das 1935 errichtet wurde, ist für das Frühjahr 2009 eine Ausstellung zum Thema „Liebe, Kunst und Leidenschaften“ geplant, bei der Künstlerpaare wie Pablo Picasso und Dora Maar oder Frida Kahlo und Diego Rivera im Mittelpunkt stehen. Doch nicht nur die Sonderausstellung, auch die ständige Ausstellung des Gemeentemuseums sollten sich Den-Haag-Besucher nicht entgehen lassen – von moderner Kunst, darunter Werke von Andy Warhol, Paul Klee und Piet Mondriaan, über Delfter Porzellan bis hin zu Klassikern, wie einem Selbstbildnis von van Gogh, präsentiert das Museum ein umfassendes künstlerisches Spektrum.

Ein Museum, das nicht am Art-Cities-Programm beteiligt ist, aber dennoch einen Besuch lohnt, ist im Palais Lange Voorhout untergebracht, das früher Königin Emma gehörte, der Urgroßmutter von Königin Beatrix. Das Museum „Escher in het Paleis“ zeigt auf drei Stockwerken Werke des 1972 verstorbenen Künstlers und Grafikers Maurits Cornelis Escher, einem Meister der Metamorphosen und der verblüffenden Perspektiven. Seine Bilder zeigen Treppen, die ins Unendliche zu fließen schienen, Vögel, die sich in Fische verwandeln und Salamander, die in einer endlos wirkenden Reihe über Bücher klettern. Paradoxien und Spiegelungen, Verwandlungen und optische Täuschungen: Eschers Werke verblüffen und führen in Grenzbereiche der Wahrnehmung. Im zweiten Obergeschoss des Gebäudes können Verzerrungen und optische Täuschungseffekte sogar praktisch erlebt werden – sei es im Spiegelkabinett oder in einer betretbaren schiefen Ebene, die Größenverhältnisse ins Groteske verzerrt.

Jedes Jahr im August findet im Binnenhof ein Musikfestival mit Künstlern aus aller Welt statt. Foto: The Hague Visitors & Convention Bureau
Jedes Jahr im August findet im Binnenhof ein Musikfestival mit Künstlern aus aller Welt statt. Foto: The Hague Visitors & Convention Bureau
Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint – diesen Eindruck hat man nicht nur im Escher-Palais, sondern auch bei einem Rundgang zu den Kirchen der Stadt. Die aus Backsteinen gebaute „Grote Kerk“, deren sechseckiger Turm 100 Meter hoch in den Himmel ragt, wird mittlerweile vor allem für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Wer hingegen durch die Oude Molstraat flaniert, läuft am Haus Nummer 35 meist achtlos vorbei. Dabei befindet sich im Obergeschoss des Bürgerhauses eine sehr sehenswerte verborgene Kirche, mit kunstvollem Altar und bunten Fenstermosaiken. Von außen ist das Patrizierhaus nicht als Gotteshaus zu erkennen. Ein Musterbeispiel für eine „schuilkerken“, ein katholisches Gotteshaus, das für die Öffentlichkeit nicht sichtbar war – und nur deshalb in den protestantischen Niederlanden geduldet werden konnte.

Nur geduldet war in Den Haag übrigens auch der Maler Vincent van Gogh, der 1881 hierher zog und dessen Selbstporträt heute im Gemeentemuseum bewundert werden kann. Die Aufnahme in den Den Haager Kunstverein wurde van Gogh verwehrt – allerdings nicht aus künstlerischen Gründen, sondern weil es die örtlichen Honoratioren für unstandesgemäß hielten, dass van Gogh mit einer Prostituierten zusammengezogen war, die Alkoholikerin war und mehrere uneheliche Kinder hatte. Rainer Heubeck


Informationen:
Unterkunft: Parkhotel Den Haag (Molenstraat 53, Telefon: 00 31/ 70/3 62 43 71, www.parkhoteldenhaag.nl), Doppelzimmer ab 132 Euro, Viersternehotel, gute Lage in der Innenstadt, von einigen Zimmern aus blickt man direkt auf die Gärten des Königspalasts Noordeinde.
Esquire Hotel (Van Aerssenstraat 652582 JG Den Haag/Scheveningen, Telefon: 00 31/70/3 52 23 41, www.esquire-hotel.com), Dreisternehotel in der Nähe des Gemeentemuseums und des Scheveninger Strandes, Doppelzimmer ab 89 Euro.
Museen in Den Haag: Mauritshuis – Königliche Gemäldegalerie, Korte Vijverberg 8, 2513 AB Den Haag, www.mauritshuis.nl.
Gemeentemuseum, Stadhouderslaan 41, 2517 HV Den Haag, www.gemeentemuseum.nl.
Escher in het paleis, Lange Voorhout 74, 2514 EH Den Haag, www.escherinhetpaleis.nl.
Auskünfte: Niederländisches Büro für Tourismus & Convention, Postfach 27 05 80, 50511 Köln, Telefon: 02 21/9 25 71 70, www.niederlande.de; Den Haag Marketing, Telefon: 00 31/ 70/3 61 88 88, www.denhaag.com.
Informationen zu den Themenjahren „Holland Art Cities“ unter www.hollandartcities.com.
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