SUPPLEMENT: Reisemagazin

Kenia nach der Krise: Von der Welt vergessen

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [17]

Heubeck, Rainer

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LNSLNS Nach den Wahlen im Dezember 2007 tobten blutige Unruhen in dem als stabil geltenden ostafrikanischen Land. Die Tourismusbranche, wichtige Einnahmequelle, erholt sich nur langsam.

Bis Dezember vergangenen Jahres freute sich Frank Kraft über expandierende Geschäfte. „Ich war Monate im Voraus ausgebucht und hatte geplant, zwei weitere Landcruiser zu kaufen, um meine Gäste weiterhin bedienen zu können“, sagt der ehemalige Handelsvertreter, der seit Jahren in Kenia ein Safariunternehmen betreibt.

Doch dann kam alles anders: Nach den Wahlen im Dezember 2007 tobten in Kenia blutige Unruhen, vorwiegend im Westen des Landes. Diese sind mittlerweile Geschichte, die beiden Hauptkontrahenten, Mwai Kibaki vom Volk der Kikuyu und Raila Odinga, ein Luo, führen gemeinsam eine Koalitionsregierung. Doch der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen Kenias, liegt nach wie vor am Boden. Auch Kraft hat darauf reagiert: Statt zwei zusätzliche Landcruiser zu kaufen, hat er zwei seiner Safarifahrzeuge verkauft. Im Sommer wurde es zwar etwas besser, doch verängstigte Safarigäste buchen noch immer lieber das Nachbarland Tansania. „Die Tourismusindustrie erholt sich nur sehr langsam von den Machtkämpfen, die Anfang des Jahres dem Besucheransturm ein jähes Ende bereitet haben“, berichtet Kraft. Dabei, so der Reiseunternehmer, lohne es sich durchaus, gerade jetzt nach Kenia zu fahren: „Wo sonst mehr als 60 Safarifahrzeuge durch die Savanne brausen, darf man sich jetzt auf eine exklusive Fahrt und auf ungestörte Tierbeobachtung freuen.“

Foto: dpa
Foto: dpa
Natur- und Safarifreunden bietet Kenia die Qual der Wahl: Soll es in den Aberdare-Nationalpark in Kenias Westen gehen, wo – in einem geschützten Waldgebiet und mit Blick auf den Mount Kenya – unter anderem Büffelherden, Warzenschweine, Elefanten, Waldböcke und Gazellen beobachtet werden können. Oder in die Masai Mara, einen an die Serengeti angrenzenden Nationalpark, der vor allem zur großen Tierwanderung in der Zeit von Juli bis September unvergessliche Erlebnisse bietet. „Gäste, die in diesem Sommer mit unserem Fahrer Cyrus unterwegs waren, konnten 72 Löwen, 13 Geparden und fünf Leoparden in ihre Checkliste eintragen“, erzählt Kraft.

Viele Kenia-Besucher, die einen Badeurlaub mit einer Safari kombinieren, fahren zur Tierbeobachtung in den relativ küstennah gelegenen Tsavo-Park, den größten Nationalpark Ostafrikas. Er bietet die Chance, die Big Five – Nashörner, Leoparden, Elefanten, Löwen und Büffel – mit recht geringem Abstand zu beobachten. Doch auch Giraffen und Zebras, Perlhühner und Strauße laufen passionierten Tierfotografen regelmäßig vor die Linse. Je nach Jahreszeit zeigt sich der abwechslungsreiche und hüglige Park, der durch die Straße von Nairobi nach Mombasa in einen Ost- und einen Westteil getrennt wird, entweder üppig grün oder rötlich und staubig.

Auf dem Weg zurück nach Mombasa und in die Küstenorte machen viele der Safarigäste Halt in der Region Maungu, um den Alltag in einem Massaidorf kennenzulernen. Die Massai sind zwar nur eine von insgesamt 42 ethnischen Gruppen, aus denen sich die rund 31 Millionen Einwohner Kenias zusammensetzen. Doch obwohl sie nicht einmal zwei Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung haben, gelten sie vielen als ein Symbol für Kenia schlechthin.

Als Nomaden bauten sie ihre wallartigen Dörfer immer an den Stellen, an denen es für ihre Rinder genug Futter gab. Heute, so versichert der 22-jährige Moses, sei das bäuerliche Leben längst kein Muss mehr. Die meisten Kinder hätten inzwischen die Wahl, ob sie zur Schule gehen oder als Viehhirten arbeiten wollten. Denn Orte, wie das Massaidorf bei Maungu, lebten normalerweise eher von den Einnahmen durch Touristen, die sich dort von Führern wie Moses durchs Dorf führen und traditionelle Tänze vorführen lassen.

Foto: picture alliance/Huber
Foto: picture alliance/Huber
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Was ist Tradition, was ist Show? Beim kurzen Touristenrundgang durch den Ort ist dies schwierig zu erkennen. Etwa eintausend kenianische Schilling, das sind etwa zehn Euro, nehmen die Massai pro Besucher. Für Ausländer ein kleiner Betrag – doch viele Arbeiter oder Servicekräfte in Hotels arbeiten für diese Summe eine ganze Woche lang. Für das Massaidorf bei Maungu waren die regelmäßigen Stopps der Safarigäste lange Zeit eine gute Einkommensquelle. Doch auch hier sind im Jahr 2008 die Besucherzahlen drastisch eingebrochen. Umso dringlicher scheint es den Dorfbewohnern zu sein, ihr Kunsthandwerk an die Touristen zu bringen. Nachdem Moses die Gruppe durch den Ort geführt hat, haben die Massai auf dem staubigen rotbraunen Sandboden kleine Holztische aufgestellt und damit eine Art Souvenirmarkt aufgebaut, auf dem sie Halsketten, Armbänder, Feuerhölzer und verschiedenen Krimskrams feilbieten. Vermeintlich typische Afrika-Souvenirs wie Trommeln und Masken sucht man hier vergeblich, denn sie gehören nicht zur Massaikultur.

Kenia, so scheint ist, ist von der Welt vergessen worden – auch wenn die Reisewarnungen längst wieder gemildert oder aufgehoben wurden. Die Urlauberzahlen gingen im ersten Halbjahr 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 61 Prozent zurück: Statt knapp 300 000 Besucher wurden in diesem Jahr nur 113 000 Ankünfte gezählt. Auch die Zahl der Urlauber aus Deutschland ist dabei massiv zurückgegangen: von 40 800 auf 16 800.

Selbst am Diani Beach herrschte in diesem Jahr zum Teil gähnende Leere. Dabei zählt der Strand, 45 Kilometer südlich von Mombasa am Indischen Ozean gelegen, zu den schönsten der Welt. Im Diani-Reef-Hotel, in dem vor drei Jahren noch Brad Pitt und Angelina Jolie zu Gast waren, und das stolz darauf ist, seine Gäste im ersten Spa Ostafrikas verwöhnen zu können, sind viele Zimmer nicht belegt.

Rund 600 000 Menschen aus der Hotelindustrie, so schätzt Safariveranstalter Kraft, haben zu Beginn des Jahres ihre Arbeit verloren. Im Nationalpark Tsavo standen mehrere Camps zum Verkauf. Doch trotz der zum Teil dramatischen Einbrüche will Aman Bhandari, der indisch-britische Manager des Diani-Reef-Hotels, vorerst nichts von Preisnachlässen wissen: „Das machen wir nicht, auch nicht in der Nebensaison, denn Niedrigpreise entwerten eine Destination.“ Auch der Safariurlaub in Kenia ist trotz des Besuchereinbruchs nicht billiger geworden. „Der Safarimarkt entwickelt sich stetig in Richtung obere Mittel- und Oberschicht. Höhere Parkeintrittspreise sowie steigende Energie- und Logistikkosten“, berichtet Frank Kraft, „machen das Safarievent zu einem Erlebnis, das nicht für jedermann erschwinglich sein wird.“ Rainer Heubeck


Informationen:
Unterkunft: An der Südküste: Diani Reef Beach Resort & Spa, Diani Beach Road, Ukunda, E-Mail: info@dianireef.com; www.dianireef.com.
An der Nordküste: Severin Sea Lodge in Bamburi, E-Mail: severin@severin-kenya.com, www.severin-kenya.com.
Aberdare National Park: The Ark, E-Mail: ark@form-net.com.
Tsavo-West: Severin Safari Camp Tsavo West, E-Mail: online.reservations@severin-kenya.com, www.severin-kenya.com.
Safarianbieter: Empfehlenswert ist XCellent Safaris in Nyali, ein erfahrenes Unternehmen mit deutscher Leitung, E-Mail: kraft@xcellentsafaris.de, www.xcellentsafaris.de.
Auskunft: Kenya Tourist Board Deutschland & Schweiz, c/o TravelMarketing Romberg GmbH, Schwarzbachstraße 32, 40822 Mettmann, Telefon: 0 21 04/83 29 19, E-Mail: kenia@travelmarketing.de, www.magicalkenya.de; Informationen zu den Nationalparks: Kenia Wildlife Service, E-Mail: kws@kws.org, www.kws.org.

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