SUPPLEMENT: Reisemagazin

Karibik: Tropischer Schmetterling

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [20]

Sobik, Helge

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Fotos: Guadeloupe Islands Tourist Board
Fotos: Guadeloupe Islands Tourist Board
Guadeloupe – anderswo bräuchte man mehrere Urlaube auf mehreren Inseln, um dieselbe Vielfalt zu erleben.

Ein trauriger Tag für 320 Menschen. Eben ist die Tür hinter ihnen zugefallen, der Duft nach Zuckerrohr und Unbeschwertheit ausgesperrt. Der Liegestuhl im Schatten von Kokospalmen ist Vergangenheit, das Hummer-Barbecue unterm Sternenhimmel am Strand bloß noch Erinnerung. Mit 220 Stundenkilometern donnern 320 Pechvögel über die Piste von Le Raizet, sehen ihre Puderzuckerstrände kurz darauf ein letztes Mal aus der Luft, nehmen Kurs auf Paris und wollen am liebsten gar nicht hin. Die Abreise aus Guadeloupe, das Ende von den Ferien auf den Französischen Antillen ist ein bisschen wie die Vertreibung aus dem Paradies. Aber es gibt ausgleichende Gerechtigkeit: Mit derselben Maschine sind eineinhalb Stunden zuvor etwa gleich viele Neuankömmlinge im karibischen Garten Eden gelandet. Sie werden ihre Erinnerungen erst noch sammeln.

Ob der liebe Gott bei der Erschaffung der Karibik gewusst hat, dass über der schönsten Insel irgendwann die Trikolore wehen würde? Über den Dächern pastellfarbener Holzhäuser in den Vororten der Inselmetropole Pointe-à-Pitre oder in Saint-François, zwischen den Palmen von Sainte-Anne, im Schatten der dschungelüberzogenen Vulkankegel von Basse-Terre? Er hat es gut gemeint mit Guadeloupe, mit der Insel, die als Überseedepartement zu Frankreich gehört.

Anderswo bräuchte man mehrere Urlaube, mehrere Inseln, um dieselbe Vielfalt zu erleben: Guadeloupe hat die Form eines Schmetterlings, und Bindeglied zwischen den zwei völlig unterschiedlichen Flügeln ist an der schmalsten Stelle die Inselmetropole Pointe-à-Pitre. Der östliche Ausläufer Grande-Terre ist flach, voller Zuckerrohrplantagen, hat feine, helle Sandstrände. Der westliche Flügel Basse-Terre ist vulkanischen Ursprungs, gebirgig, von Bananenplantagen und dichtem Urwald bewachsen, der sich die Hänge des Soufrière-Kegels hinaufzieht und die 130 Meter hohen Chutes-du-Carbet-Wasserfälle einrahmt. Die Strände des Westens sind schwarz, bestehen aus zermahlener Lava. Basse-Terre ist die Abenteuerausgabe der Insel.

Foto: picture alliance/Huber
Foto: picture alliance/Huber
Es duftet nach Bougainvillea, nach Frangipani-Blüten, nach gegrilltem Hummer. Ein paar Meter weiter brutzeln kapitale Exemplare auf dem Holzkohlegrill von Joséphine Beaucard – gefangen am selben Morgen, gewürzt mit eingeflogenen Kräutern der Provence, serviert mit selbstgemachter Mango-Mousse und genossen unter freiem Himmel. Die Wellen spülen bis fast an die Tischbeine heran. Eine Steel-Band spielt karibische Rhythmen, und ein jugendlicher Doppelgänger von Harry Belafonte verbiegt sich wie eine Knetgummifigur, um beim Limbo unter brennenden Fackeln hindurchzutanzen: ein Abend am Strand von Saint-François.

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Gelegentlich verdient sich Joséphine Beaucard ein Zubrot mit ihren Krustentier-Kochkünsten. Tagsüber ist sie eingerahmt von zu Pyramiden gestapelten Kokosnüssen, von Türmen aus Bananen, von allem, was im Garten Eden gedeiht. Joséphine arbeitet als Verkäuferin auf dem Markt von Pointe-à-Pitre: „Es gibt keinen karibischeren Winkel auf dieser Insel als meinen Markt. Nirgendwo ist es weniger französisch als hier. Ich liebe Frankreich, und ich finde es herrlich, dass es so weit weg ist.“

Einen Stand weiter verkauft eine Heilerin aus Basse-Terre Wundertees und Genesungskräuter, auf Wunsch zusammen mit der passenden Zauberformel. Zu ihren besten Kunden zählen Kontinental-Französinnen in edlen Designerkleidern. „Meine Mittel wirken über Breitengrade und Klimazonen hinweg. Über Standes- und Einkommensgrenzen. Wunder unterscheiden nicht“, sagt sie und lächelt weise.

Weil die Karibik-Franzosen am liebsten exakt so leben wollen wie ihre Landsleute im entfernten Paris, pflegen sie dieselben Vorlieben: Spätestens morgens um neun inszenieren sie einen hübschen Stau im Zentrum von Pointe-à-Pitre. Dabei wedeln sie ein bisschen lässiger mit der Hand aus dem Fenster als in Europa. Überschaubares Chaos wirkt heimelig, haben die Einheimischen herausgefunden, und allzu großes Durcheinander gibt es auf Guadeloupe nicht.

Und während Pointe-à-Pitre Paris doubelt, spielt Basse-Terre die Provinz: wenig Verkehr auf den Straßen, Picknickplätze sogar im Dschungel, Wasserfälle neben den Pisten, dazu eine Luftfeuchtigkeit wie in einem Thermalhallenbad, dessen Klimaanlage kaputt ist. Aus dem Grün leuchten violette Blüten zwischen riesigen Farnen hervor. Und da jede außergewöhnliche Kulisse mit Musik noch strahlender wirkt, muss der passende Soundtrack her – dargeboten von abertausenden Akteuren, aufgeführt von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang, ständig variiert, Tag für Tag neu inszeniert:
Das Konzert der Papageien, der Frösche und Insekten, der unsichtbaren Musiker, die sich im Grün von Basse-Terre verstecken. Manchmal setzt es urplötzlich für Minuten aus, als wären alle Tiere zeitgleich zu Tisch. Als nähme ihr Dirigent eine karibische Auszeit im Schaukelstuhl. Im Paradies ist das kein Problem – Hauptsache, man darf bleiben. Hauptsache, es ist noch möglichst lange hin bis zum Rückflug. Helge Sobik

Informationen:
Unterkunft:
„La Créole Beach Hotel“ (www.tui.com),
„Village de Sainte Anne“ (www.dertour.de)
Auskünfte:
Fremdenverkehrsbüro
Guadeloupe. Telefon: 07 11/5 05 35 11,
Internet: www.lesilesdeguadeloupe.com.

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