ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/200813. Deutscher Psychotherapeutentag: Einige gute Nachrichten

POLITIK

13. Deutscher Psychotherapeutentag: Einige gute Nachrichten

PP 7, Ausgabe Dezember 2008, Seite 551

Gerst, Thomas; Gieseke, Sunna

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LNSLNS Die Mindestquote für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und das Entgeltsystem für das Krankenhaus finden Zustimmung. Nur nicht mit allen gesetzlichen Neuregelungen ist der Psychotherapeutentag zufrieden.

Prof. Dr. Rainer Richter hatte einige gute Nachrichten zu verkünden. Zum Thema Altersgrenze zeigte er sich zurückhaltend: „Wir bauen auf die generationenübergreifende Solidarität.“ Fotos: Jörg Hermann
Prof. Dr. Rainer Richter hatte einige gute Nachrichten zu verkünden. Zum Thema Altersgrenze zeigte er sich zurückhaltend: „Wir bauen auf die generationenübergreifende Solidarität.“ Fotos: Jörg Hermann
Kein Tagesordnungspunkt musste wegen Zeitnot auf das nächste Zusammentreffen verschoben, keine Diskussion abgebrochen werden. Pünktlich um 17 Uhr gingen die Veranstaltungsteilnehmer auseinander, und größere Kontroversen unter den Delegierten blieben aus. Der 13. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT), der am 15. November in Leipzig stattfand, kann in dieser Hinsicht als durchaus ungewöhnlich im Vergleich zu den vorangegangenen bezeichnet werden. Die Präsidentin der gastgebenden Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), Andrea Mrazek, deutete in ihrer Eröffnungsansprache zwar gewisse Disharmonien in der Zusammenarbeit mit den Gremien der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) an; von einer ausführlicheren Erörterung dieses Sachverhalts sah man jedoch ab.

Es waren auch durchaus positive Dinge, die der BPtK-Präsident, Prof. Dr. Rainer Richter, über die Vorstandsarbeit im vergangenen Halbjahr zu berichten hatte. Die Verabschiedung des GKV-Organisationsweiterentwicklungsgesetzes (GKV-OrgWG) im Oktober sei für die Psychotherapeutenschaft „ein großer Erfolg nach vier Jahren intensiver Arbeit“ gewesen. Im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens habe man durchsetzen können, dass die Mindestquote für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie von den ursprünglich vorgesehenen zehn Prozent auf 20 Prozent angehoben worden sei. Künftig könnten deshalb mehrere Hundert Psychotherapeuten zusätzlich an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen.

Mit dem GKV-OrgWG sei auch klargestellt worden, dass Zulassungsausschüsse halbe Praxissitze nach der Reduzierung eines vollen Versorgungsauftrags ausschreiben müssen. Richter betonte, dass eine restriktivere Auslegung durch die Zulassungsausschüsse auf der Grundlage des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes nun nicht mehr möglich sei. Mit Blick auf die Aufhebung der Altersgrenze für Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten in der vertragsärztlichen Versorgung komme der Ausschreibung halber Praxissitze große Bedeutung zu. „Wir sehen natürlich das Problem der neu approbierten Psychotherapeuten, die auf der Suche nach einer Niederlassungsmöglichkeit sind. Die Kombination – Abgabe halber Versorgungsaufträge und Aufhebung der Altersgrenze – könnte zu sinnvollen Lösungen führen. Wir bauen auf die generationenübergreifende Solidarität in unserer Profession“, betonte Richter.

Die Präsidentin der gastgebenden ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, Andrea Mrazek, forderte eine angemessene Bezahlung der Psychotherapeuten in Ausbildung.
Die Präsidentin der gastgebenden ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, Andrea Mrazek, forderte eine angemessene Bezahlung der Psychotherapeuten in Ausbildung.
Bedauerlich findet es der Kammerpräsident, dass die Forderung, die Mindestquote für psychotherapeutisch tätige Ärzte zu streichen, nicht umgesetzt wurde. Die Absenkung von 40 Prozent auf 25 Prozent gelte bis zum Ende des Jahres 2013. „Damit trägt die Mindestquote weiterhin zur Unterversorgung psychisch kranker Menschen, insbesondere in den Ostländern, bei“, kritisierte Richter. „Wir sind mit unserer Argumentation politisch nicht durchgedrungen.“

Erfolgreicher agiert habe die BPtK bei der Festlegung der psychischen Erkrankungen, die im morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich (Morbi-RSA) berücksichtigt werden. „Die BPtK hat sich von Beginn an intensiv in die Debatte eingemischt, und wir denken, dass es auch ein wenig unserem Engagement zu verdanken ist, dass nun ein relativ breites Spektrum psychischer Krankheiten im Morbi-RSA berücksichtigt wird.“ Zudem habe verhindert werden können, dass der Morbi-RSA gezielte finanzielle Anreize für vornehmlich pharmakotherapeutische Behandlungen von psychischen Störungen setze.

Der Psychotherapeutentag sprach sich in einer Resolution gegen das Gesetz zur Abwehr des internationalen Terrorismus aus (BKA-Gesetz). „Das Gesetz in der vorliegenden Form ist ein Angriff auf das in jeder therapeutischen Beziehung absolut notwendige Vertrauen, das alle therapeutischen Berufe ethisch verpflichtet sind zu schützen“, heißt es in der Resolution. Das vorerst im Bundesrat gescheiterte Gesetz war trotz deutlicher Proteste der Heilberufe vom Bundestag beschlossen worden. Danach könnten staatliche Institutionen im Verdachtsfall in die Vertrauensbeziehung zwischen Patienten und Ärzten sowie Psychotherapeuten eindringen.

Abhängigkeit ist als Krankheit anzusehen
In einer weiteren Resolution forderten die Delegierten den Gesetzgeber auf, die seit zwei Jahren überfällige Aufnahme der Diamorphinbehandlung für schwerstabhängige Opiatsüchtige in das Betäubungsmittelgesetz zu vollziehen. Die Gabe von Diamorphin an Opiatsüchtige, die ansonsten nicht erfolgreich behandelt werden könnten, habe sich als eine wirkungsvolle Behandlungsmethode mit hoher Haltequote erwiesen. Kritisiert wird eine „fundamentale ideologische“ Argumentation, wonach den Süchtigen die Schuld an ihrer Sucht gegeben werde. Die Resolution hält dagegen, dass Abhängigkeit als Krankheit anzusehen ist „und die Behandlung zu den Aufgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung gehört“.

Die Gesundheitspolitik sei auch bei der Wortschöpfung „Krankenhausfinanzierungsreformgesetz“ (KHRG) wieder sehr kreativ gewesen, sagte Mrazek in ihren Ausführungen zur Vorstandsarbeit. „Aber die bisherigen Probleme in der psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhausversorgung lassen sich leicht zusammenfassen: Zu wenig Leute, zu wenig Geld.“ Das neue Gesetz werde Teile dieses Problems lösen, da nun ein neues Entgeltsystem beschlossen werden soll. Es ist am 12. November in ersten Lesung im Deutschen Bundestag beraten worden. „Der Zeitrahmen ist sehr eng: Bereits am 24. November wird die Anhörung sein, 2009 soll die Grundstruktur stehen.“ Auch hier zeigte sich die BPtK versöhnt mit der Gesundheitspolitik. „Wir sehen die positiven Weichenstellungen des Gesetzentwurfs darin, dass ein pauschalisierendes, tagesbezogenes Entgeltsystem für psychiatrische und psychosomatische Krankenhäuser eingeführt werden soll“, sagte Mrazek für die BPtK. Das KHRG habe daher weitgehende Konsequenzen für die Versorgung psychisch kranker Menschen, erklärte Mrazek. Darüber hinaus begrüßt die BPtK den Prüfantrag, für bestimmte Bereiche, wie zum Beispiel sektorübergreifende Leistungen, andere Abrechnungsmodelle als tagesbezogene Entgelte zu erwägen. Besonders erfreut zeigte sich Mrazek darüber, dass sich die BPtK an der Entwicklung des Entgeltsystems beteiligen könne. „Zu der Anhörung am 24. November sind wir geladen und werden die Position der BPtK vertreten“, so Mrazek. „Wir sind überzeugt, dass sich der Weg lohnen kann. Das neue Vergütungssystem wird die Qualität der Krankenhausversorgung hilfreich beeinflussen.“

Es gehe allerdings nicht darum, Diagnosis Related Groups (DRGs) einzurichten. „Selbst dem Gesetzgeber ist klar geworden, dass DRGs in der Psychiatrie nicht funktionieren.“ Stattdessen sei geplant, bei der Tagespauschale nach Minuten abzurechnen.

Grundsätzlich begrüßte Mrazek in ihrem Bericht, dass Psychiatrie und Psychosomatik mit dem KHRG die Option erhalten sollten, mit den Krankenkassen über eine bessere Umsetzung der Psychiatriepersonalverordnung (Psych-PV) zu verhandeln. Allerdings sei es nicht nachvollziehbar, dass der Erfüllungsgrad der Psych-PV nur auf 90 Prozent angehoben werden soll. „Wir fordern vor der Einführung des neuen Entgeltsystems eine 100-prozentige Berücksichtigung der Stellen nach Psych-PV.“ Die Krankenhausversorgung sei davon abhängig, wie viel Personal vorhanden sei. Das müsse finanziert werden.

Ein weiteres zentrales Anliegen der Krankenhausfinanzierung sei es, dass auch die Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) eine gesicherte Vergütung erhielten: Mehr als 50 Prozent erhielten in ihrem praktischen Jahr gar keine Vergütung. Nur etwa zehn Prozent erhielten bis 1 000 Euro. Mehr als 1 500 Euro bekämen lediglich 9,4 Prozent der PiAs. „Das ist nicht das, was wir uns unter ‚angemessen‘ vorstellen“, so Mrazek. Eine angemessene Vergütung der PiAs werde regelmäßig mit dem Argument abgelehnt, die Ausgaben seien nicht pflegesatzfähig. Das KHRG biete jetzt aber die Chance, endlich eine solche gesetzliche Regelung zu schaffen, betonte Mrazek. Hierfür wolle man sich einsetzen. In der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung sei es zudem unabdingbar, die Studienabschlüsse anzupassen, ergänzte BPtK-Präsident Richter. Die Ausbildung setze derzeit einen Masterabschluss in Psychologie, die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten einen Masterabschluss in Psychologie oder einen Bachelorabschluss in Pädagogik oder Sozialpädagogik voraus. Daher sei eine Reform des Psychotherapeutengesetzes sehr dringend.

Nach der Aus- wurde auch die Zukunft der Weiterbildung diskutiert. Bereits nach dem 12. DPT hatte die Bundes- die Landespsychotherapeutenkammern sowie die Berufs- und Fachverbände befragt, welche Bereiche für eine Weiterentwicklung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung „diskussionswürdig seien“, erläuterte Richter. Dabei sei kein eindeutiges Bild entstanden, aber dies sei auch nicht zu erwarten gewesen. Die Rückmeldungen seien sehr heterogen gewesen: Die Klinische Somatopsychologie werde nicht eindeutig bevorzugt, stattdessen zeigten sich Schwerpunkte für einzelne Bereiche, wie zum Beispiel Psychodiabetologie, Psychoonkologie oder Schmerztherapie.

Richter schlug dem DPT vor, Spezialkommissionen einzurichten. Diese hätten dann den Auftrag, zu prüfen, inwieweit zu den Themen Qualitätsmanagement, Psychoonkologie und Psychotraumatologie eine Weiterentwicklung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung sinnvoll sei. „Diese drei Themen wurden nicht zufällig ausgewählt“, betonte Richter. „Es handelt sich um paradigmatische Bereiche, hinter denen eine ganze Reihe anderer Bereiche stehen könnten.“ Für Qualitätsmanagement habe man sich entschieden, um eine Weiterbildung in einem Bereich zu prüfen, der sich nicht unmittelbar auf die eigentliche psychotherapeutische Tätigkeit beziehe. Die Psychoonkologie habe man ausgewählt, da sie der klinischen Somatopsychologie zuzuordnen sei. Sie beziehe sich auf Patienten mit einer körperlichen Erkrankung. Und schließlich solle mit der Psychotraumatologie die Weiterbildung für einen Kernbereich der F-Diagnosen geprüft werden.

Kritik bei der Auswahl der Prüfungsbereiche
Die Delegierten zeigten sich angesichts der Auswahl der Prüfbereiche ausgesprochen skeptisch: Dem Vorstand wurde unterstellt, er wolle die Themenbereiche nur prüfen, um am Ende festzustellen, dass man von den Bereichen besser die Finger lassen solle. „Nach meiner Auffassung ist der Bereich der Psychopharmakologie nichts, womit sich unser Heilberuf beschäftigen sollte“, bemängelte ein Delegierter während der Diskussion. Insbesondere stieß aber auch die Auswahl der Psychotraumatologie auf Kritik, da bisher ein Konsens darüber bestanden habe, dass die Weiterbildung keine F-Diagnosen beinhalten solle. So ist es gemäß der Präambel der (Muster-) Weiter­bildungs­ordnung geregelt. Die Delegierten forderten daher, dass man sich in der Prüfung nicht festlege und das Ergebnis offen lasse. Es müsse unbedingt an konkreten Themen geprüft werden, welcher Bedarf an Qualifizierung bestehe und vor allem, welche Abhängigkeiten sich für angestellte oder niedergelassene Kollegen hieraus ergeben könnten. Zum 14. DPT will der Vorstand über die bisherigen Erfahrungen und Prüfungen berichten. In Anbetracht der komplexen Aufgaben beschloss der DPT, eine Weiterbildungskommission einzurichten.

So wurden die Tagesordnungspunkte alles in allem ohne viele Diskussionen abgehandelt. In Anbetracht der zahlreichen guten Nachrichten war dies auch nicht anders zu erwarten. Dennoch bleibt angesichts der gesundheitspolitischen Lage vermutlich genug Diskussionsstoff für den nächsten DPT. Am 9. Mai wird es in Berlin dann ohne Altlasten in die nächste Runde gehen.
Thomas Gerst, Sunna Gieseke


Resolutionen
(in gekürzter Fassung)

Auswirkungen der Telematik auf die psychotherapeutische Tätigkeit

Der Deutsche Psychotherapeutentag hat sich ausführlich mit den Folgen der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beschäftigt. Psychische Erkrankungen sind nicht gleichbedeutend mit körperlichen Erkrankungen. Sie erfahren in der Gesellschaft eine andere Bewertung. Dieser Tatsache muss bei jeder Aufzeichnung von Diagnosen, Krankheitsverläufen und damit zusammenhängenden Daten und deren Weitergabe an Dritte Rechnung getragen werden. Jede reale oder auch nur von der Patientin/von dem Patienten vermutete Unsicherheit bezüglich der Vertraulichkeit kann eine Behandlung erschweren oder sogar unmöglich machen. Die psychotherapeutische Behandlung ist eine Behandlung, die ausschließlich auf der Grundlage des kommunikativen Austauschs zwischen Patient/in und Psychotherapeut/in erfolgt. Ihr Gelingen ist davon abhängig, dass diese Kommunikation auf der Grundlage der besonderen psychotherapeutischen Behandlungsbeziehung erfolgt. Diese Behandlungsbeziehung ist – auch aufgrund der individuellen und diagnoseabhängigen Voraussetzungen der behandelten Patientinnen und Patienten – äußerst störanfällig. Ein regelhaftes Verwenden technischer Hilfsmittel ist für manche Behandlungen hilfreich, jedoch für andere Behandlungen äußerst erschwerend. Der Therapieerfolg kann dadurch gefährdet werden. In diesem Zusammenhang erfolgte auch eine Auseinandersetzung mit der Resolution und den Forderungen des 111. Deutschen Ärztetages. Dem von der Ärzteschaft erhobenen Forderungskatalog ist grundsätzlich zuzustimmen. Darüber hinausgehend bedarf die Besonderheit psychischer Erkrankungen und der psychotherapeutischen Behandlungsbeziehung weiterer Forderungen im Hinblick auf die aktive Wahrnehmung der Selbstbestimmungsrechte der Patientinnen und Patienten.

Entwicklung der Ausbildung

Die Delegierten des DPT beobachten mit großer Sorge, dass bundesweit sehr unterschiedliche BA- und MA-Studiengänge entstehen, die den bisherigen Studiengängen als Voraussetzung für eine psychotherapeutische Ausbildung nachfolgen sollen. Der DPT fordert, der drohenden Dequalifizierung der beiden Heilberufe entgegenzuwirken, darüber hinaus fordert er, die Landeskammern bzw. die BPtK als Vertreterinnen der beiden Berufsgruppen maßgeblich in die Planung und Anerkennung von Studiengängen, die als Eingangsvoraussetzung zur Ausbildung zu PP und KJP qualifizieren sollen, einzubeziehen.
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