ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Kosten und Nutzen: Psychotherapie ist sinnvoll

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Kosten und Nutzen: Psychotherapie ist sinnvoll

PP 7, Ausgabe Dezember 2008, Seite 554

Gieseke, Sunna

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Immer noch wird mehr Geld für Medikamente ausgegeben als für Psychotherapie. Dabei könnte gerade diese häufig besser helfen – und es wäre auch noch deutlich günstiger, meint die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung.

Psychische Erkrankungen sind die Hauptgründe für längere Arbeitsunfähigkeitszeiten und Frühberentungen. Dies betonte Hans-Jochen Weidhaas, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) Ende November in Berlin. Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Entwicklung übertreffe bei Weitem die Kosten für die erforderliche Psychotherapie – aber diese finde längst nicht in dem notwendigen Umfang statt.

Als Beispiel nannte Weidhaas die – allerdings sinkende Zahl – von Suiziden in Deutschland. 9 402 Menschen starben 2007 durch Suizid. Das entspreche einer Rate von 17,4 bei Männern und 5,7 bei Frauen, bezogen auf 100 000 Einwohner. Menschen mit psychischen Erkrankungen hätten ein generell erhöhtes Suizidrisiko, sagte Weidhaas. Besonders Depressionen, Alkoholabhängigkeit und Medikamentenmissbrauch stünden in diesem Zusammenhang an vorderster Stelle. „Könnten wir diesen Menschen rechtzeitig und im notwendigen Umfang Psychotherapien anbieten, würde ihnen und ihren Angehörigen viel Leid erspart werden“, erklärte der DiplomPsychologe.

Die Wartezeiten können bis zu neun Monate betragen
Die Realität sehe aber anders aus: Wenn ein Patient einen Therapieplatz suche, werde er mit Wartezeiten von bis zu neun Monaten vertröstet. „Wirtschaftliche Behandlungsmethoden wie die Gruppenpsychotherapie, werden zudem kaum noch angeboten“, betonte er. Ein weiteres Problem sei die Sicherstellung der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Diese sei schon lange nicht mehr gewährleistet. Allerdings habe der Gesetzgeber nun endlich gehandelt. Die Lage (in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) werde sich in den kommenden Jahren deutlich verbessern. Eine Ausnahme seien die neuen Bundesländer. „Mit Blick auf die Einführung des Gesundheitsfonds und die weiteren Sparmaßnahmen ist es völlig unverständlich und volkswirtschaftlich unsinnig, dass der Zugang zu Psychotherapien nicht vereinfacht und die Honorierung angepasst wird“. Die Psychotherapeuten hätten weiterhin keine Möglichkeit, schnell und flexibel zu reagieren, da sie an die Richtlinien gebunden seien.

Die Psychotherapie sei aber ein effektives und zielführendes Verfahren zur Behandlung psychischer Störungen, und sie sei daher auch aus Kostengründen vernünftig. Dies bewiesen die Studien, die Prof. Jürgen Margraf, Universität Basel, in seinem Buch „Kosten und Nutzen der Psychotherapie“ analysiert habe. Margraf wertete die Originalarbeiten der letzten zehn Jahre zu Kosten und Nutzen ambulanter Psychotherapie aus. Dabei untersuchte der Psychotherapeut für seine Analyse 54 Studien mit mehr als 13 000 Patienten aus den wichtigsten Indikationsfeldern. Margraf stellte in 95 Prozent der Studien eine deutliche Kostenreduktion durch Psychotherapie fest. In 76 Prozent der ausgewerteten Untersuchungen habe es sich gezeigt, so Margraf, dass die Psychotherapie medikamentösen Strategien überlegen war oder zumindest einen deutlichen Zusatznutzen brachte.

„Die Gesundheit gilt für die meisten Menschen als höchstes Gut. Dennoch hat die Diskussion zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen das öffentliche Interesse verstärkt auf die Frage nach dem Verhältnis von Kosten und Nutzen ausgerichtet“, erklärte Margraf. Noch immer gebe es die Befürchtung, dass durch eine stärkere Inanspruchnahme der Psychotherapie die Kosten steigen würden.

„Psychotherapie ist wirksam und spart deutlich Kosten“, unterstrich der Psychotherapeut. Allerdings können nicht alle psychotherapeutischen Verfahren gleichgesetzt werden. Die genannten positiven Ergebnisse betrafen besonders kognitiv-behaviorale Therapien, in geringerem Umfang aber auch andere störungsspezifische Kurzinterventionen und psychodynamische Kurztherapien.
Sunna Gieseke
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