ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Selbsterfahrung: Wenig Raum für differenzierte Würdigung
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LNSLNS Die besonderen Schwierigkeiten eines ausbildungsbegleitenden Selbsterfahrungsprozesses haben Dr. phil. Marion Sonnenmoser zu ihrer Forderung nach mehr Qualitätssicherung der Selbsterfahrung in der Ausbildung veranlasst. Dabei beruft sie sich auf eine sechs Jahre alte Untersuchung Laireiters, der in einer Befragung von 100 österreichischen Psychotherapeuten eine höhere Belastung durch Selbsterfahrung während der Ausbildung als durch Selbsterfahrung davor oder danach berichtet hatte. Hier wirkten sich Belastungen durch die Ausbildungssituation in besonderem Maße aus und stellten die positiven Selbsterfahrungsprozesse an sich infrage.

Eine Klarstellung vorweg: Keinesfalls bestreite ich, dass es misslungene, schädigende und missbräuchliche Beziehungen in der ausbildungsbegleitenden Selbsterfahrung gibt, deren Bedeutung umso schwerer wiegt, als diese geschädigten „Kandidaten“ ohne eine korrigierende Erfahrung ihre Patientenbehandlungen nur schwer erfolgreich handhaben können.

Angesichts der durch das Forschungsgutachten angestoßenen Diskussion um die Zukunft der Psychotherapieausbildung sind Stellenwert, Umfang und Bedeutung der ausbildungsbegleitenden Selbsterfahrung derzeit von besonderem Interesse. Umso wichtiger wäre es gewesen, die Diskussion um die Bedeutung ausbildungsbegleitender Selbsterfahrung umfassender zu beleuchten. Aber die pauschalen Schlussfolgerungen Sonnenmosers aus einer unausgelesenen Therapeutenstichprobe überwiegend psychodynamischer und humanistischer Therapieverfahren lässt wenig Raum für eine differenzierte inhaltliche und strukturelle Würdigung ausbildungsbegleitender Selbsterfahrung.

Ebenso wundert es, dass sich Sonnenmoser vorwiegend auf die kritischen Aspekte Laireiters bezieht und die Untersuchungen und Stellung-nahmen der anderen Fachgesellschaften nicht aufnimmt. So haben die analytischen Fachgesellschaften bereits seit Jahrzehnten ein „non-reporting system“ der Lehranalysen eingeführt, das heißt, nach der Zulassung des Kandidaten darf über die Lehranalyse im Ausbildungsverlauf nicht berichtet werden, sie unterliegt strengster Vertraulichkeit. Ebenso kann ein Lehranalytiker in den analytischen Verfahren nicht gleichzeitig Supervisor oder Dozent eines Kandidaten sein. Hier ist eine klare Trennung der Sphären vereinbart. Die von Sonnenmoser kritisierte „ständige Eignungsbeurteilung“ findet in der Selbsterfahrung gerade nicht statt. Ebenso gibt es zwar Empfehlungen der Fachgesellschaften und des PsychTG über die nachzuweisende Mindestdauer der Selbsterfahrung, sie kann aber in ihrer Gesamtdauer nicht von außen festgelegt werden. Bei einem zerrütteten Vertrauensverhältnis muss die Lehranalyse beendet werden, ebenso wie andere therapeutische Beziehungen auch.

Laireiter hat an verschiedenen Stellen auf die Polarisierung und bisher völlig unzureichende Forschungslage innerhalb der kognitiv-behavioralen Verfahren beim Thema Selbsterfahrung hingewiesen und verschiedene Modelle (personen-, berufsbezogen, kombiniert) möglicher Einzel- und Gruppensettings diskutiert. Schade ist, dass sein Fazit von Sonnenmoser unterschlagen wird: „Selbsterfahrung kann wesentlich dazu beitragen, theoretisches und praktisches Wissen und Kompetenz mit persönlicher Erfahrung und der Person des Therapeuten (…) zu einem ganzheitlichen und gelebten Konzept personaler therapeutischer Kompetenz zu verbinden.“1 In diesem Sinne ist ihre Sicherung für die Ausbildung auch in Zukunft von hoher Bedeutung.
Susanne Walz-Pawlita, Dipl.Psych., PP, Saarlandstraße 29, 35398 Gießen

1 Laireiter AR: Zur Bedeutung der Selbsterfahrung. In: Kuhr A, Ruggaber G: Psychotherapieausbildung. Der Stand der Dinge; Tübingen: dgvt 2003: 98.
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