ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Systemische Therapie: Für hungrige Satiriker
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LNSLNS Manchmal ist man nach der Lektüre von Publikationen in Fachmedien erleichtert, dass diese nicht von Laien gelesen werden. Was würde ein nicht medizinisch respektive psychologisch fachausgebildeter Mensch beispielsweise über eine Wissenschaft denken, die Sätze von folgender Gedankenschwere und Erkenntnistiefe in die Fachwelt posaunt: „Das Gehirn ist nicht nur Chemie. Es kommt vielmehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen an.“ Aha, nicht nur Chemie. Hat das mal irgendwer angenommen? Ein Wissenschaftler vielleicht, der jetzt überrascht ist, dass er irrte? Und in welcher Hinsicht „kommt“ „es“ „darauf an“? Im Weiteren erfährt man, dass „das Gehirn zunehmend als soziales und kulturelles Ganzes verstanden wird“. Welche Überraschung, welche Neuigkeit! Als was wurde es denn bisher verstanden beziehungsweise nicht verstanden? Und von wem? Der Satz „Bisher sei zwischen Psychotherapeuten und Klienten keine Nähe zugelassen“, und sie sollten daher umdenken, macht mich staunen. Ging und gehe ich doch davon aus, dass in meiner Tätigkeit als Psychotherapeut dieses „Zwischenmenschliche“, die „Beziehung“ das zentrale Agens meiner Arbeit ist. Um es kurz zu machen: Der Artikel vermittelt ein völlig verzerrtes Bild psychotherapeutischen Wissens und Könnens. Er ist geeignet, in der Öffentlichkeit ohnehin bestehende Vorurteile zu bestätigen. Hoffentlich wird er nicht von hungrigen Satirikern gelesen.
Stefan Waldow, Friedensallee 35, 22765 Hamburg
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