ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Naturkatastrophen: Gefahr lang anhaltender psychischer Folgen

WISSENSCHAFT

Naturkatastrophen: Gefahr lang anhaltender psychischer Folgen

PP 7, Ausgabe Dezember 2008, Seite 571

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Menschen sind Naturkatastrophen teilweise hilflos ausgeliefert. Bei Erfahrungen wie dem Verlust der Familie oder des Zuhauses bleiben posttraumatische Belastungsstörungen häufig nicht aus. Gezielte Therapien können helfen.

Erdbeben, Flutwellen, Überschwemmungen, Tornados und andere Naturkatastrophen hinterlassen nicht nur immense materielle Verluste, sondern führen auch zu psychischen Schädigungen. Traumata stehen hierbei an erster Stelle. Verschiedene Studien, bei denen das Ausmaß der Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Überlebenden ermittelt wurde, nennen Prävalenzen von 14 bis 56 Prozent.

Frauen und junge Menschen sind besonders gefährdet
Die Symptome sind direkt nach der Katastrophe am stärksten, ebben aber bei vielen Betroffenen im Laufe der Zeit ab. Besonders ausgeprägte Symptome zeigen Überlebende, die direkt mit Feuer, Wasser oder Sturm konfrontiert waren. Auch der Verlust von Angehörigen, des Zuhauses oder der Existenzgrundlage ist stark belastend. Darüber hinaus leiden Frauen, junge Menschen und Personen mit geringem Einkommen besonders unter den Auswirkungen von Naturkatastrophen. Sie sind sehr gefährdet, eine lang anhaltende PTBS oder andere psychische Störungen zu entwickeln. Eine Studie, die thailändische und US-amerikanische Psychologen mit 400 jugendlichen Überlebenden des Tsunami (2004) in Thailand durchgeführt haben, zeigt zum Beispiel, dass bei jungen Menschen zahlreiche mentale und psychische Beschwerden infolge stark traumatisierender Erfahrungen auftraten. Die Jugendlichen berichteten von Konzentrationsproblemen, Zwangsgedanken, Einsamkeit, Albträumen und Verwirrung. Ihre Probleme wurden zusätzlich verstärkt, wenn ihre Familien durch den Tsunami auseinandergerissen worden waren oder nicht mehr in den Alltag zurückfinden konnten. Naturkatastrophen sind darüber hinaus prägende Erlebnisse, die oft ein Leben lang nicht vergessen werden. Zu diesem Ergebnis kommen griechische Psychologen, die 121 Überlebende eines starken Erdbebens auf der Insel Cephalonia (1953) befragt hatten. Zum Befragungszeitpunkt lag das Ereignis 50 Jahre zurück, viele Befragte hatten aber die Geschehnisse noch ganz genau vor Augen. Vor allem zum Jahrestag des Ereignisses kamen die alten Erinnerungen wieder hoch. „Etwa ein Drittel der Überlebenden von Naturkatastrophen leidet noch ein bis drei Jahrzehnte danach unter PTBS-Symptomen“, sagt Thomas Paparrigopoulos von der Universität Athen. Von einer lang anhaltenden PTBS waren vor allem Frauen und Personen betroffen, die sich während des Erdbebens in einem Gebäude befanden und dabei Todesangst empfanden. 78 Prozent der Überlebenden erklärten, dass das Erdbeben ihr gesamtes Leben beeinflusst hatte.

Soziale Unterstützung stärkt Resilienz
Ein Teil der Opfer von Naturkatastrophen wird aus eigener Kraft mit dem Erlebnis fertig. Dazu tragen Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Resilienz (innere Widerstandsfähigkeit), der Glaube an eine gerechte Welt oder Selbstwirksamkeit bei. Wie ein Team US-amerikanischer Wissenschaftler herausfand, verkrafteten Einwohner der Stadt New Orleans die Folgen des Hurrikans Katrina (2005) wesentlich besser, wenn sie überzeugt waren, dass sie selbst an ihrer Lage nach der Katastrophe etwas ändern und verbessern konnten. Außerdem spielt die soziale Unterstützung eine Rolle. Thailändische Kinder und Jugendliche, die fest in ihre Familien integriert waren und zusätzlich Unterstützung durch Lehrer, Klassenkameraden und professionelle Helfer erhielten, wiesen ein Jahr nach dem Tsunami wesentlich weniger PTBS-Symptome als Gleichaltrige auf, die isoliert waren. Darüber hinaus hat die Lebenssituation nach einer Katastrophe Einfluss auf die Bewältigung. Verschiedene Studien berichten, dass Menschen, die wochen- oder monatelang in Zelten oder Lagern leben mussten, schlechter mit dem Ereignis fertig wurden als Betroffene, die schon bald wieder in ein eigenes Haus einziehen konnten.

Als Behandlungen von Überlebenden haben sich unter anderem Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) und Narrative Exposure Therapy (NET) bewährt. EMDR wurde in den 80er-Jahren von der US-amerikanischen Psychologin Francine Shapiro entwickelt. Bei EMDR regt der Therapeut den Patienten nach strukturierter Vorbereitung zu bestimmten Augenbewegungen an, wodurch es möglich werden soll, unverarbeitete traumatische Inhalte zu verarbeiten. Durch das Folgen der Handbewegungen mit den Augen soll eine bilaterale Synchronisation und abwechselnde Stimulation beider Gehirnhälften erreicht werden. Man geht davon aus, dass die Synchronisation der Gehirnhälften bei Traumaopfern gestört ist, was unter anderem dazu führt, dass das Geschehene nicht in Worte gefasst und daher schlechter verarbeitet werden kann.

NET ist eine Kurzzeittherapie, die von Dr. Maggie Schauer, Prof. Frank Neuner und Prof. Thomas Elbert an der Universität Konstanz entwickelt wurde. Es handelt sich um eine Kombination aus zwei Therapieverfahren (Dokumentation der Lebensgeschichte und Exposition). Die Behandlung kann auch von besonders geschulten Laien durchgeführt werden. Bei NET werden die Betroffenen ermutigt, ihre Lebensgeschichte und belastende Ereignisse in einem chronologischen Ablauf zu beschreiben und sich ihnen auszusetzen. Die Erinnerungen werden dabei auf kognitiver, emotionaler und sensorischer Ebene psychisch und physisch erlebt. Die entstehende Autobiografie wird schriftlich festgehalten und in den nächsten Sitzungen erneut durchgearbeitet, ergänzt und korrigiert. Ziel ist es, das autobiografische Gedächtnis systematisch wieder aufzubauen, und die Gefühle der Betroffenen zu ordnen. Am Ende der Behandlung unterscheiden sich die Gefühle, die mit dem Trauma assoziiert sind, und die Gefühle, die sich auf die heutige Realität beziehen, klar voneinander. Die Therapie wird mit einem Ritual abgeschlossen. Für Kinder gibt es eine eigene Version, die KID-NET.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Thomas Paparrigopoulos, Athens University Medical School, Dep. of Psychiatry, 72–74 Vas. Sofias, 11528 Athen (Griechenland), E-Mail: tpaparrig @med.uoa.gr
Prof. Dr. rer. soz. Thomas Elbert, Universität Konstanz, Universitätsstraße 10, 78464 Konstanz, E-Mail: thomas.elbert@uni-konstanz.de
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1.
Abbasnejad M, Mahani KN, Zamyad A. Efficacy of EMDR in reducing anxiety and unpleasant feelings due to earthquake experience. Psychological Research 2007, 9(3–4): 104–17.
2.
Chen C-H et al: Long-term psychological outcome of 1999 Taiwan earthquake survivors. Comprehensive Psychiatry 2008; 48(3): 269–75.
3.
Lazaratou H et al: The psychological impact of a catastrophic earthquake. Journal of Nervous and Mental Disease 2008; 196(4): 340–4.
4.
Schauer M, Neuner F, Elbert T: Narrative Exposure Therapy (NET). A short-term intervention for traumatic stress disorders after war, terror, or torture. Göttingen: Hogrefe 2005.
5.
Tuicomepee A, Romano J: Thai adolescent survivors 1 year after the 2004 Tsunami. Journal of Counseling Psychology 2008; 55(3): 308–20.
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