ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Gruppenpsychotherapie: Trends aus Nordamerika

WISSENSCHAFT

Gruppenpsychotherapie: Trends aus Nordamerika

PP 7, Ausgabe Dezember 2008, Seite 572

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bisher gilt die Gruppenpsychotherapie als Herausforderung: Neue Methoden sollen nun nützliches Handwerkszeug für jedes Stadium dieser Therapieform liefern.

Gruppenpsychotherapien sind für Psychotherapeuten immer wieder Herausforderungen: Jede Gruppe ist anders, und ihre Eigendynamik ist kaum abzusehen. Selbst erfahrene Gruppenpsychotherapeuten erleben es daher, dass einzelne Patienten frühzeitig die Gruppe verlassen oder nicht davon profitieren. Oft können sie jedoch nicht die Gründe in Erfahrung bringen und müssen sich auf ihre subjektive Einschätzung verlassen. Unter diesen Bedingungen sind Änderungen oder rechtzeitiges Eingreifen kaum möglich. Damit Therapeuten künftig sowohl positive und als auch negative Entwicklungen von Einzelpersonen oder Gruppen objektiv und kontinuierlich beobachten können, haben deutsche und US-amerikanische Wissenschaftler ein Instrument namens CORE-R (Clinical Outcome Results Standardized Measures – Revised) im Auftrag der American Group Psychotherapy Association (AGPA) entwickelt und verbessert. Maßgeblich daran beteiligt waren Prof. Dr. Bernhard Strauss von der Universität Jena und Gary Burlingame von der Brigham Young University in Utah. CORE-R kann als Werkzeugkasten verstanden werden, in dem Therapeuten für jedes Stadium der Gruppenpsychotherapie nützliches Handwerkszeug finden. Es besteht hauptsächlich aus Handzetteln, Tests und Fragebögen, mit denen die Patienten informiert und befragt werden können.

Zur Vorbereitung der Patienten auf die Gruppenpsychotherapie dienen verschiedene Handzettel, die die Patienten über Therapieform und -ziele, Besonderheiten und richtiges Verhalten in psychotherapeutischen Gruppen informieren. Außerdem erhalten die Patienten Tipps, wie sie am meisten von einer Gruppenpsychotherapie profitieren können, beispielsweise indem sie offen über ihre Gefühle und Erfahrungen berichten. Darüber hinaus enthält CORE-R einen standardisierten Vordruck einer Patientenerklärung, womit sich die Patienten verpflichten, mit Außenstehenden nicht über das Gehörte zu sprechen.

Zwei weitere Instrumente helfen Therapeuten dabei, die Patienten auszuwählen und die Gruppen bestmöglichst zusammenzustellen. Mit dem Group Therapy Questionnaire (GTQ) können verschiedene Patientenvariablen erfragt werden, zum Beispiel Therapieerfahrungen, Erwartungen, Symptome, Krisen, Ziele, Ängste und Barrieren der Patienten. Anhand der gewonnenen Daten lässt sich bereits im Vorfeld abschätzen, ob Gruppenpsychotherapie für den jeweiligen Patienten eine geeignete Therapieform darstellt. Der Group Selection Questionnaire (GSQ), der auch als deutsche Version vorliegt, erfasst unter anderem Erwartungen, die Fähigkeit zur Teilnahme an Gruppensitzungen sowie soziale Kompetenzen. Er erlaubt eine relativ zuverlässige Prognose, welche Patienten möglicherweise nicht von Gruppenpsychotherapie profitieren werden.

Therapieerfolg mithilfe von Fragebögen überprüfen
Zur Beobachtung und Beurteilung des Therapieprozesses gibt CORE-R Therapeuten gleich mehrere Instrumente an die Hand. Sie dienen dazu, die Qualität des therapeutischen Bündnisses, die Atmosphäre innerhalb der Gruppe und die Bindung der Gruppenmitglieder aus Sicht der Patienten zu erfassen. Ein weiterer Fragebogen gibt dem Therapeuten Auskunft, ob die Patienten ihn als einfühlsam und fürsorglich wahrnehmen.

Auch der Therapieerfolg kann mithilfe mehrerer Fragebögen überprüft werden. Durch mehrfachen Einsatz während und nach der Gruppenpsychotherapie erfährt der Therapeut, wie sich Symptome, Selbstwertgefühl und zwischen-menschliche Probleme der Patienten im Laufe der Therapie entwickeln. Darüber hinaus kann er in Erfahrungen bringen, wie die Patienten die Gruppenpsychotherapie rückwirkend beurteilen. Die meisten Tests und Fragebögen sind relativ kurz. Für das Ausfüllen und Auswerten werden jeweils circa fünf bis 20 Minuten benötigt.

Guidelines stellen eine praxisorientierte Hilfe dar
Zusätzlich zu CORE-R hat die AGPA kürzlich Leitlinien veröffentlicht, die Gruppenpsychotherapeuten in jeder Phase des Therapieprozesses Rat und Anregungen bieten sollen. Die „Practice guidelines for group psychotherapy“ (im Weiteren kurz: Guidelines) sind im Internet in Form eines 85-seitigen pdf-Dokuments zu finden und können kostenlos heruntergeladen werden (www. agpa.org). Sie sind in elf Hauptkapitel und zahlreiche Unterkapitel unterteilt, die sich hauptsächlich auf einzelne Therapiephasen beziehen. Zwei Kapitel befassen sich darüber hinaus mit ethischen Überlegungen sowie mit der Kombination von Gruppenpsychotherapie und anderen Behandlungsformen. Die einzelnen Kapitel sind klar strukturiert und informieren relativ umfassend sowohl über allgemeine als auch spezielle Fragen. Am Ende jedes Kapitels findet man eine Zusammenfassung. Die Guidelines sind in leicht verständlichem Englisch verfasst und orientieren sich hauptsächlich an praktischen Fällen und Fragestellungen. Im Hinblick auf die Beendigung von Gruppenpsychotherapie gehen sie beispielsweise auf die Besonderheiten der letzten Therapiephase ein und befassen sich mit unterschiedlich zeitlich befristeten Gruppen. Sie beschreiben sowohl mögliche Prozesse und Schwierigkeiten als auch Rollen und Aufgaben des Gruppenpsychotherapeuten in dieser Phase. Darüber hinaus wird auf Sonderfälle eingegangen, zum Beispiel, wenn eine Gruppenpsychotherapie vorzeitig beendet werden oder der Therapeut die Gruppe unerwartet verlassen muss.

Die Guidelines stellen eine praxisorientierte Hilfe für Gruppenpsychotherapeuten dar. Ein Vorteil der Guidelines besteht darin, dass sie aktuelle gruppenpsychotherapeutische Erkenntnisse berücksichtigen und auf empirischen Studien basieren. Darüber hinaus sind sie schulenübergreifend verfasst. Eine Tendenz, lediglich US-amerikanische Verhältnisse abzubilden, ist kaum festzustellen. Daher können die Guidelines auch Gruppenpsychotherapeuten im deutschsprachigen Raum von Nutzen sein.

Im Hinblick auf Gruppenpsychotherapie gibt es in Deutschland verhältnismäßig wenig Forschung im Vergleich zur Einzelpsychotherapie. Im Gegensatz dazu wurden in angloamerikanischen Ländern in den letzten Jahren viele Studien zur Wirkung und zum Prozess von Gruppenbehandlungen veröffentlicht. Allerdings hat sich der Fokus verschoben. Standen anfangs noch die allgemeine Wirksamkeit und der Vergleich zwischen Einzel- und Gruppentherapie im Mittelpunkt des Interesses, sind es heute vermehrt die Effekte in störungsspezifischen Gruppen. Auch hinsichtlich der Dauer und der Methode unterscheidet sich die nordamerikanische von der europäischen Vorgehensweise: Während in den USA vorrangig empirische gestützte, kognitiv-behaviorale Kurzzeittherapien eingesetzt werden, herrschen im europäischen Raum noch naturalistische Studien vor. „Gruppenpsychotherapie findet in Europa hauptsächlich in stationären Einrichtungen statt, ist überwiegend psychodynamisch orientiert und dauert deutlich länger“, berichtet Prof. Dr. Bernhard Strauss vom Universitätsklinikum Jena. Während Gruppenpsychotherapie in Deutschland in der stationären Behandlung einen festen Platz hat, wird sie ambulant immer seltener eingesetzt, da sie offenbar zu schlecht honoriert wird und mit zu viel Verwaltungsaufwand verbunden ist. Auch einige US-amerikanische Autoren vermelden einen gewissen Rückgang der Gruppenbehandlung. Allerdings wird dieser in den USA durch eine Ausweitung des Verständnisses von Gruppenarbeit kompensiert. Die professionelle Arbeit und Leitung von Gruppen ist längst nicht mehr die alleinige Domäne von Psychotherapeuten, sondern wird mittlerweile auch von Beratern, Supervisoren und Trainern im außerklinischen, insbesondere im sozialen und wirtschaftlichen Bereich angeboten. Ob sich die pragmatische und evidenzorientierte Ausrichtung, die zurzeit in den USA vorzufinden ist, unter dem Druck von Globalisierung und Öko­nomi­sierung im Gesundheitswesen auch bald in Europa durchsetzt, bleibt abzuwarten.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Prof. Dr. Bernhard Strauss, Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Jena, Stoystraße 3, 07740 Jena, E-Mail: bernhard.strauss@med.uni-jena.de

Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG): www.dagg.de

American Group Psychotherapy Association (AGPA): www.agpa.org
Anzeige
1.
American Group Psychotherapy Association: Practice guidelines for group psychotherapy. New York: American Group Psychotherapy Association 2007.
2.
Burlingame GM, Strauss B, Joyce A, MacNair-Semands R, MacKenzie KR, Ogrodniczuk J, Taylor S: CORE Battery – revised. An assessment tool kit for promoting optimal group selection, process and outcome. New York: American Group Psychotherapy Association 2006.
3.
Joost Kokai, Dankwart Mattke: Entwicklungen in der klinischen Gruppenpsychotherapie. Opladen: Budrich 2008.
4.
Strauss B: Spannungsfelder um die klinische Gruppenpsychotherapie – zwischen Spezialisierung und Integration. Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik 2007; 43: 201–17.
5.
Strauss B, Burlingame G, Bormann B: Using the CORE-R battery in group psychotherapy. Journal of Clinical Psychology 2008; 64(11): 1225–37.
1. American Group Psychotherapy Association: Practice guidelines for group psychotherapy. New York: American Group Psychotherapy Association 2007.
2. Burlingame GM, Strauss B, Joyce A, MacNair-Semands R, MacKenzie KR, Ogrodniczuk J, Taylor S: CORE Battery – revised. An assessment tool kit for promoting optimal group selection, process and outcome. New York: American Group Psychotherapy Association 2006.
3. Joost Kokai, Dankwart Mattke: Entwicklungen in der klinischen Gruppenpsychotherapie. Opladen: Budrich 2008.
4. Strauss B: Spannungsfelder um die klinische Gruppenpsychotherapie – zwischen Spezialisierung und Integration. Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik 2007; 43: 201–17.
5. Strauss B, Burlingame G, Bormann B: Using the CORE-R battery in group psychotherapy. Journal of Clinical Psychology 2008; 64(11): 1225–37.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema