ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Psychoanalyse: Zahlreiche Anregungen und Einsichten

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Psychoanalyse: Zahlreiche Anregungen und Einsichten

PP 7, Ausgabe Dezember 2008, Seite 574

Kattermann, Vera

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„Der Vater! Nie war er so wertvoll wie heute!“ Dieser etwas ironische Ausruf eines Psychotherapiepatienten in der Auseinandersetzung mit seiner Vaterrolle bringt einen Zwiespalt zum Ausdruck, in dem sich viele Männer heute wiederfinden: Einerseits werden neue Rollenerwartungen an sie herangetragen, andererseits aber bringen wachsende Scheidungsraten und scheiternde Beziehungen häufig mit sich, dass sie in der Erziehung eher eine zweitrangige Rolle einnehmen oder gar zum „Wochenend-Papa“ werden. Dabei wird die der Mutter ebenbürtige Bedeutung des Vaters für die kindliche Identitätsentwicklung inzwischen kaum noch infrage gestellt.

Auch der Aufsatzband, herausgegeben von Hans-Geert Metzger, untermauert die Wichtigkeit der väterlichen Position. Aus klinisch-psychoanalytischer Sicht werden in diesem Sammelband Fallgeschichten vorgestellt und beleuchtet, die bewusste und unbewusste Dimensionen der Vaterschaft in ihrer Auswirkung auf ihre Töchter und Söhne erkunden. Dabei gelingt es den beteiligten Autoren, die Sensibilität des Lesers für die Bedeutung der Beziehung von Kindern zu ihren Vätern zu erhöhen und damit auch das Nachdenken im Rückbezug auf eigene Behandlungsverläufe anzuregen.

Eine Stärke des Buchs ist dabei insbesondere die Zusammenschau von Berichten aus Erwachsenenbehandlungen und aus Behandlungen von Kleinkindern und Kindern; das erlaubt, die Bedeutung des Vaters gleichsam aus einer prospektiven und einer retrospektiven Richtung zu ermessen. Ebenso überzeugt die Untersuchung spezifischer Unteraspekte der väterlichen Rolle, wie zum Beispiel das Kapitel zur Bedeutung des Vaters für Männer in höherem Lebensalter oder zur Dynamik von Vater-Tochter-Beziehungen in Familienunternehmen. Beim Lesen der im Buch geschilderten Fallberichte und Behandlungsverläufe ergeben sich so zahlreiche Anregungen und immer wieder wie „zufällig“ erscheinende Einsichten für die eigene psychotherapeutische Praxis.

So ist es sicherlich auch ein Band, den man eher assoziativ lesen sollte – eine systematische Übersicht oder eine konzeptionelle Zusammenschau der Bedeutung des Vaters aus psychoanalytischer Sicht wird eher in kurzen Passagen am Rand und nur kurz und ansatzweise im Abschlusskapitel von Hans-Geert Metzger versucht. Er resümiert, dass die massive Pathologie durch gescheiterte Vater-Kind-Beziehungen dem Scheitern von Mutter-Kind-Beziehungen in nichts nachsteht. Die Auffassung, belastende Erfahrungen mit dem Vater hätten geringere pathologische Auswirkungen, sei nicht mehr zu halten. Dies ist sicherlich die zentrale Einsicht bei der Auseinandersetzung mit den vorgestellten Beiträgen.

Zu wünschen ist diesem Buch eine große Leserschaft unter psychoanalytisch Tätigen und interessierten Kollegen ebenso wie eine rege Weiterführung und Ausdifferenzierung der zusammengetragenen Einblicke. Vera Kattermann

Hans-Geert Metzger (Hrsg.): Psychoanalyse des Vaters. Klinische Erfahrungen mit realen, symbolischen und phantasierten Vätern. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2008, 280 Seiten, Hardcover, 29 Euro
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