ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2008Menschenbilder: Ohne gemeinsamen Bezugspunkt

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Menschenbilder: Ohne gemeinsamen Bezugspunkt

PP 7, Ausgabe Dezember 2008, Seite 574

Koch, Joachim

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LNSLNS Das Buch ist im Fachbereich Sozialwissenschaften an der Führungsakademie der Bundeswehr entstanden. Es umfasst 16 Aufsätze und bietet der Leserschaft ganz unterschiedliche Zugänge zu verschiedenen Menschenbildern. Einige Aufsätze sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Volker Stümke macht in seinem Aufsatz mit dem Menschenbild in der Ethik vertraut. Alexander Mätzig konzipiert den Menschen als politisches Wesen und nimmt Bezug auf Theorien des Aristoteles und Hannah Arendts. Sabine Jaberg beschäftigt sich mit der Perspektive der Friedensforschung und integriert in ihre Überlegungen die Arbeiten von Johan Galtung. Stefan Bayer macht mit dem Menschenbild in der Ökonomie, Heiko Biehl mit dem in der Soziologie und Maren Tomforde mit dem in der Ethnologie vertraut.

In den letzten Aufsätzen des Buches wird es besonders spannend. Martin Kutz zeichnet in seinem Beitrag „Söldner, Gewalttechnokrat, Bürger in Uniform“ historische Bilder vom deutschen Soldaten. In militärgeschichtlicher Sicht stellt er dar, wie aus bewaffneten Kämpfern Soldaten geworden sind. Im Ersten Weltkrieg wurden die Soldaten durch die Generäle als „Menschenmaterial“ eingesetzt und Hunderttausende sinnlos geopfert. Hier kam es dann zu einer Zäsur im Militär, es entwickelten sich zwei Soldatentypen, die wichtig sind für die weitere Militärgeschichte. Der erste ist ein kalt kalkulierender Gewalttechnokrat, der zweckrational ohne ethischen Begründungszusammenhang handelt. Der zweite Soldatentyp ist als völkisch, nationalistisch und rassistisch-antisemitisch geprägter Menschenschlächter zu charakterisieren; im Jahr 1935 wurde dieser Soldatentyp als Vorbild für die Wehrmacht propagiert. Im Zweiten Weltkrieg wurden Völkermord und Kriegsverbrechen „rationale“ Bestandteile militärischer Praxis in Deutschland. Nach 1945, als das professionelle und moralische Versagen der Militärelite offenkundig war, wurde dann durch Wolf Graf von Baudissin ein grundlegendes Konzept für demokratiekonforme Streitkräfte entwickelt. In diesem Konzept ist dafür der Terminus „Innere Führung“ der Schlüsselbegriff geworden. „Innere Führung“ beschreibt die komplexe Führungskonzeption der Bundeswehr, die mit dem Leitbild des Soldaten in Uniform verbunden ist. Gegen die traditionsorientierten Gewalttechnokraten konnte Baudissin viele positive rechtliche Bestimmungen für die Bundeswehr durchsetzen, seine Vorstellungen vom demokratischen Geist der Truppe mit der dazu notwendigen Ausbildung und Bildung konnte er nicht realisieren. In diese Richtung gelangen Anfang der 70er-Jahre Helmut Schmidts Reformen. In seinen abschließenden Überlegungen macht Martin Kutz deutlich, dass Militär und Politik verfassungsrechtlich an friedensethische Begründungen für den Einsatz der Bundeswehr gebunden sind, was einen Bruch mit der bisherigen deutschen Militärgeschichte bedeutet: Die Bundeswehr darf und kann nicht das Instrument reiner Interessen- und Machtpolitik sein.

Im letzten Aufsatz des Buchs beschäftigt sich Jürgen Franke ausführlich mit dem Konzept der „Inneren Führung“ und dem zugrunde liegenden Menschenbild. Der Autor macht deutlich, dass Ziele und Interessen des Militärs wie Vereinheitlichung, Vergemeinschaftung und die soldatischen Tugenden den freiheitlich-demokratischen Bürgerrechten wie Selbst- und Mitbestimmung, Menschenwürde und Freiheit der Person nicht nur konträr gegenüberstehen, sondern sich kaum aus einer prinzipiellen Sicht mit diesen vereinbaren lassen. Er vertritt die Position, dass die „Innere Führung“ mit ihrem unmittelbaren Bezug auf die demokratischen Grundwerte beim Militär Grund- und Menschenrechte verwirklicht und als unabhängige und eigenständige Kategorie in besonderen Fällen sogar über militärischen Erfordernissen stehen kann.

Obwohl einzelne Autoren gelegentlich Querverweise ziehen, haben die Buchaufsätze keinen gemeinsamen, spezielleren Bezugspunkt außer dem Bundeswehrbezug. So stehen die Aufsätze ziemlich nebeneinander, wie in einem Bauchladen, was jedoch nicht zu dramatisch ist, weil dieser hier über sehr gute Waren verfügt. Dies kann auch den Leser, der sich nicht mit einem Sammelsurium begnügen will, milde stimmen. Joachim Koch

Stefan Bayer, Volker Stümke (Hrsg.): Mensch. Anthropologie in sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Duncker & Humblot, Berlin 2008, 296 Seiten, broschiert, 62 Euro
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