ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 5/2008Telemedizin zur Brustkrebsfrüherkennung und Notfallversorgung: Intersektorale Vernetzung in der Praxis

SUPPLEMENT: PRAXiS

Telemedizin zur Brustkrebsfrüherkennung und Notfallversorgung: Intersektorale Vernetzung in der Praxis

Dtsch Arztebl 2008; 105(50): [6]

Lüddeke, Andreas

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Das Evangelische Krankenhaus in Unna ist Mitglied der Mammografie-Screening-Einheit Unna/Märkischer Kreis/Hamm, die sich auf acht Standorte der Region verteilt. Fotos: PR-Partner Köln
Das Evangelische Krankenhaus in Unna ist Mitglied der Mammografie-Screening-Einheit Unna/Märkischer Kreis/Hamm, die sich auf acht Standorte der Region verteilt. Fotos: PR-Partner Köln
Die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit von Kliniken, Fachärzten und anderen Beteiligten funktioniert. Dies zeigt das Beispiel der größten Screening-Einheit des bundesweiten MammografieProjekts zur Brustkrebsvorsorge in Nordrhein-Westfalen.

Um bis zu 30 Prozent lässt sich die Sterblichkeitsrate durch ein Mammografie-Screening senken, wie Reihenuntersuchungen in Großbritannien, Frankreich, Schweden und den Niederlanden ergeben haben. Deshalb startete 2006 in Deutschland ein bundesweites Screening-Programm, nach dem jede Frau im Alter zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf eine Vorsorgeuntersuchung hat. Im Mittelpunkt steht dabei die radiologische Untersuchung der Brust mittels Mammografie. Die organisatorische Federführung des Programms liegt bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Ein Beispiel dafür ist die Screening-Einheit Unna/Märkischer Kreis/Hamm, die mit ihren insgesamt acht Mammografie-Standorten in Unna, Werne, Lüdenscheid, Lünen, Iserlohn, Schwerte und Hamm (zweimal) die größte Screening-Einheit in Nordrhein-Westfalen (NRW) darstellt.

Sämtliche beteiligten Kliniken und Fachpraxen für Radiologie kommunizieren über ein Netzwerk (Pironet NDH, Köln, www.pironet-ndh.com), das die strengen Sicherheitsvorgaben der KVen für ein KV-Safenet sowie die Datenschutzrichtlinien des Landes NRW erfüllt. Alle Daten werden gemäß Internet Protocol Secure (IP sec) sicher verschlüsselt, bevor sie über das MPLS-Netz (Multiprotocol Label Switching) verschickt werden.

Sicher und schnell Bilder übertragen
Vier Kliniken in Unna, Kamen, Werne und Witten sowie eine Screening-Einheit in Gevelsberg sind dabei über hochsichere Datenleitungen des IT-Providers vernetzt. Außerdem bilden die Radiologiepraxen in Unna und Werne zusammen mit Partnern ein Praxisverbundnetz, über das zusätzlich zur Mammografie-Zusammenarbeit weitere datenintensive medizinische Dienste abgewickelt werden. Für die Befundung der Röntgenaufnahmen sind alle acht KV-Safenet-Standorte zuständig: „Bei der Diagnose gilt das Vier-Augen-Prinzip. Jeweils zwei Ärzte befunden im wöchentlichen Wechsel sämtliche Mammografie-Aufnahmen, die im Rahmen des Screening-Programms erstellt werden. Wenn also beispielsweise laut Dienstplan Unna und Hamm befunden, schicken alle anderen Standorte in dieser Woche ihre Bilder über die Leitungen an diese beiden Standorte“, erklärt André Behrendt, IT-Leiter des KV-Safenet-Projekts Unna/Märkischer Kreis/Hamm. „Damit ist sichergestellt, dass alle teilnehmenden Ärzte die jährlich vorgeschriebene Zahl an Befundungen durchführen können, die das Screening-Programm verlangt.“

Um den geordneten Versand der Mammografie-Bilder zu vereinfachen, hat Behrendt an jedem der Standorte eine Art lokalen „Zwischenspeicher“ eingerichtet, der rund um die Uhr in Betrieb ist. Hier werden die Aufnahmen abgelegt und automatisiert an die beiden jeweils diensthabenden Praxen weitergeleitet. „So ist gewährleistet, dass die Aufnahmen spätestens am folgenden Werktag den beiden Ärzten vorliegen“, erläutert der IT-Leiter. In der Befunderpraxis empfängt der „Zwischenspeicher“ im lokalen Netz die Bilddaten und leitet sie auf den Arbeitsplatz-PC beziehungsweise den Viewer (Bildbetrachter) des Radiologen weiter. Nachdem der Arzt die Aufnahmen begutachtet hat, legt er seinen Befund in der Software „MaSc“ ab, die eigens für dieses Screening-Programm von den KVen Westfalen-Lippe und Nordrhein entwickelt wurde. Sie ermöglicht eine elektronische Patientenverwaltung, in der von der Befundung über die eventuelle Weiterbehandlung bis hin zur Leistungsabrechnung sämtliche Schritte abgebildet werden.

Ist das Untersuchungsergebnis bei beiden Ärzten negativ, wird ein entsprechendes Schreiben an die Frau sowie die von ihr genannten Ärzte (Haus- und/oder Facharzt) verschickt. Ihre nächste Einladung erhält sie turnusgemäß zwei Jahre später. Kommt es zu unterschiedlichen Befunden oder sind beide Ergebnisse positiv, beruft der programmverantwortliche Arzt der Screening-Einheit eine Konsensuskonferenz zur Abklärung und Beratung über weitere Maßnahmen ein.

Die Radiologiepraxen in Unna und Werne nutzen medizinische Dienste über ein Praxisverbundnetz.
Die Radiologiepraxen in Unna und Werne nutzen medizinische Dienste über ein Praxisverbundnetz.
Diagnostik beschleunigen und verbessern
Dr. med. Klaus Meydam, programmverantwortlicher Arzt der Screening-Einheit, ist vom bisherigen Verlauf des Projekts sehr angetan: „Es bedeutet eine große Erleichterung und Beschleunigung gegenüber der Art und Weise, wie früher Röntgenaufnahmen erstellt und bearbeitet wurden. Versandtüten und CDs als Transportmittel und Datenträger haben endlich ausgedient. Es ist wesentlich einfacher und angenehmer, die Bilder komplett auf dem Rechner vorliegen zu haben.“ Außerdem, so der Facharzt für Radiologie und Neuroradiologie, ließen sich die kontrastreichen digitalen Bilder mit ihrer feineren Abstufung und höheren Auflösung wesentlich besser beurteilen als herkömmliche Röntgenaufnahmen.

Seit dem Projektstart im September 2006 bis Ende 2007 folgten mehr als 18 000 Frauen den Einladungen zur Voruntersuchung in der Screening-Einheit. Dies entspricht einer Teilnahmequote von rund 53 Prozent. „Wir möchten die Teilnahmerate auf über 70 Prozent steigern, damit wir die Früherkennungsquote noch mehr verbessern können. Denn bei Tumoren mit einer Größe von unter zwei Zentimetern besteht eine Heilungschance von rund 90 Prozent“, kommentiert Dr. Meydam die bisherigen Zahlen. Auch seien im Rahmen des Projekts der Austausch mit den Frauenärzten sowie mit den als Brustzentren zertifizierten Kliniken intensiviert und generell die Qualitätskontrolle verbessert worden. „Grundvoraussetzung für solche Fortschritte in der medizinischen Zusammenarbeit ist jedoch eine kompetente IT-technische Begleitung. Ohne diese lässt sich ein solches Projekt nicht erfolgreich durchführen“, betont Meydam.

Virtuelles Schreibbüro im Praxisnetz
Mit der Mammografie-Bildübertragung sind die Möglichkeiten, elektronische Datenwege in der Medizin einzusetzen, längst nicht erschöpft. Die am Screening-Programm beteiligten Radiologie-Fachärzte in Unna, Werne und Kamen bilden in Kooperation mit Praxen in Witten und Gevelsberg ein Praxiskernnetz. Sie nutzen ihren Verbund auch als „virtuelles Schreibbüro“. Dr. med. Bertram Braun, der als Facharzt für diagnostische Radiologie in Werne praktiziert und den Aufbau der IT-Infrastruktur von Anfang an begleitet hat, beschreibt die praktischen Vorteile dieser Arbeitsteilung: „Wenn ich Arztbriefe, Befunde und anderes diktiere, lege ich die jeweiligen Audiodateien auf unserem lokalen Server in Werne ab. Sollten die Mitarbeiter in unserer Praxis überlastet sein, die Kollegen in Unna aber gerade Zeit haben, übernehmen diese die Abschrift des Diktats. Weil das Netz allen Datenschutzbestimmungen und Sicherheitsvorschriften genügt, dürfen sie darauf zugreifen.“

Auch auf die schnelle Befundung von Notfällen ist der Praxisverbund vorbereitet. Für die Versendung von Röntgenbildern nutzen die Praxen hierbei einen gemanagten Server im Rechenzentrum des IT-Dienstleisters in Köln mit einer 100 Mbit-Anbindung. Wenn beispielsweise am Wochenende ein Verletzter nach einem Autounfall in das Evangelische Krankenhaus in Unna eingeliefert wird, kann er in der radiologischen Praxis mittels Computertomografie untersucht werden. Von hier aus lassen sich seine Bilddaten sofort nach der Untersuchung an den Server schicken.

Der Arzt, der an diesem Wochenende Notdienst hat, kann die Röntgenbilder von Zuhause aus sofort abrufen und begutachten. Dadurch entsteht ein entscheidender Zeitgewinn. Sollten mehrere Praxen zur gleichen Zeit Notfallbilder an den Server schicken, können sie dabei ihre volle Bandbreite nutzen. Die Hochleistungsanbindung des Rechenzentrums gewährleistet, dass es zu keinen Verzögerungen kommt, wenn in Unna, Kamen, Werne und Witten parallel gesendet und abgerufen wird. „Dabei macht es sich vorteilhaft bemerkbar, dass sich mit der MPLS-Technologie Daten priorisieren lassen. Im Notfallbetrieb erhält die Übertragung von Notfallbildern durch eine entsprechende Einstellung automatisch Vorfahrt vor allen anderen Aufnahmen", erläutert Behrendt.

Der IT-Verantwortliche ist mit der technischen Lösung insgesamt überaus zufrieden: „Wir haben eine sehr hohe Performance im Netz durch ein intelligentes Bandbreiten-Management. Und wir können alle Dienste über ein einziges Netz laufen lassen.“ Weitere Ausbaustufen des Praxiskernverbunds seien bereits in der Planung, wie Braun erklärt: „Ein Ziel ist es beispielsweise, noch mehr Fachärzte in die Diagnostik einzubinden. Dafür werden wir ein zentrales, geschütztes Zuweiserportal einrichten, über das die Kollegen Bilder und Befunde abrufen können. Damit sparen Patient und behandelnder Arzt wertvolle Zeit.“ Andreas Lüddeke, E-Mail: alueddeke@pironet-ndh.com
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