ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2008Sektorenübergreifende Qualitätssicherung: Die Weichen sind gestellt

POLITIK

Sektorenübergreifende Qualitätssicherung: Die Weichen sind gestellt

Dtsch Arztebl 2008; 105(50): A-2682 / B-2278 / C-2194

Rieser, Sabine

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Nicht alles ist im grünen Bereich: Dem aktuellen BQSReport zufolge besteht bei 20 von 194 Indikatoren noch „besonderer Handlungsbedarf“, um die Versorgungsqualität zu verbessern.
Nicht alles ist im grünen Bereich: Dem aktuellen BQSReport zufolge besteht bei 20 von 194 Indikatoren noch „besonderer Handlungsbedarf“, um die Versorgungsqualität zu verbessern.
Am Sinn sektorenübergreifender Qualitätssicherung zweifelt öffentlich keiner – schon deshalb nicht, weil Patienten immer kürzer in Krankenhäusern versorgt werden. Doch wie gut und wie schnell sich ein gemeinsamer Weg finden wird, ist noch offen.

Patientenversorgung findet sowohl im Krankenhaus als auch in der Praxis des niedergelassenen Arztes statt. Deshalb müssen auch die Qualitätsanforderungen für beide Bereiche gleich sein.“ Darauf verwies Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Anfang Dezember. Besonders an den Schnittstellen der Sektoren entstünden häufig Reibungsverluste: „Wir möchten daher sowohl gleiche Bedingungen für die Qualitätssicherung schaffen als auch übergreifende Versorgungs- und Qualitätsförderungskonzepte entwickeln.“

„Bisher fehlte die Möglichkeit, eine Langzeitbeobachtung von Behandlungsverläufen auch über den Kranken­haus­auf­enthalt hinaus durchzuführen“, erläuterte Dr. Josef Siebig, Vorsitzender des Unterausschusses Qualitätssicherung im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA). „Um die Ergebnisqualität ermitteln und dokumentieren zu können, müssen Daten auch sektorenübergreifend erfassbar sein“, betonte Siebig bei der diesjährigen Ergebniskonferenz „Externe stationäre Qualitätssicherung“ der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) Ende November. Beispielhaft verwies er auf die Bereiche Neonatologie und Mammachirurgie.

Was Köhler und Siebig für sinnvoll halten, ist bereits auf die Schiene gesetzt: die sektorenübergreifende Qualitätssicherung. Der G-BA hat im Auftrag des Gesetzgebers sowohl für die vertragsärztliche Versorgung als auch für zugelassene Krankenhäuser in Form von Richtlinien festzulegen, welche verpflichtenden Maßnahmen der Qualitätssicherung zu treffen sind. Die Richtlinien sind sektorenübergreifend zu erlassen, es sei denn, dies wäre nicht angemessen.

Derzeit läuft die Ausschreibung für ein unabhängiges Qualitätsinstitut. Es soll im Auftrag des G-BA die Entwicklung von Methoden zur Qualitätssicherung, von Qualitätsindikatoren und deren Bewertung übernehmen. Seine Arbeitsergebnisse werden dann in die sektorenübergreifenden Qualitätssicherungsrichtlinien des G-BA einfließen.

Doch ohne Auseinandersetzungen wird das nicht gehen. „Es gibt im stationären Bereich zwar bereits Indikatoren, aber kaum echte Sanktionen“, betonte KBV-Vorstand Köhler. Ärzte hingegen, die im ambulanten Bereich bei bestimmten Leistungen die Qualitätsziele nicht erreichten, könnten sogar die Genehmigung dafür verlieren. „Hier wird in beiden Sektoren mit zweierlei Maß gemessen“, kritisierte Köhler.

Der stationäre Bereich habe eben eine „ganz andere Kultur der Qualitätsförderung“ entwickelt, stellte Köhler fest. Dort werden Anreize zu Qualität durch die Datenerhebungen der BQS, darauf basierende Vergleiche zwischen den Häusern und entsprechende Rückkoppelungen zwischen Kliniken und BQS gesetzt. Und zwar die richtigen, befand bei der BQS-Tagung Dr. med. Bernd Metzinger, Geschäftsführer Personal und Krankenhausorganisation der Deutschen Krankenhausgesellschaft: „Die Krankenhäuser sind die Führer der Qualität.“ Für die BQS-Analysen lieferten 98 Prozent der Häuser Daten, und zwar nahezu vollständige. Dies belege, dass längst „eine selbst lernende Struktur“ verankert sei.

Umfangreiche Datensammlungen allein bürgen aber noch nicht für Qualität. „Wir haben viele relevante Ergebnisse und Erfahrungen gesammelt“, berichtete Dr. med. Axel Meeßen. Für den Abteilungsleiter Medizin des GKV-Spitzenverbands reicht das noch nicht aus. „Werden sie auch richtig eingesetzt, sodass wir möglichst viel daraus lernen und dass die Patienten sich flächendeckend auf eine hohe Qualität der Versorgung verlassen können?“, fragte Meeßen.

Ein Stolperstein auf dem Weg zur sektorenübergreifenden Qualitätssicherung sind zudem Strukturfragen, die die Landesebene betreffen. Das BQS hat für die stationäre Qualitätssicherung Landesgeschäftsstellen etabliert, die KVen sind zuständig für die ambulante Qualitätssicherung. In Zukunft soll das neue Institut für die Vorgaben zuständig sein und sich an der einrichtungsübergreifenden Qualitätssicherung beteiligen. Doch wie die Aufgaben auf Landesebene verteilt werden, ist nicht Bestandteil der Ausschreibung. Vorgegeben ist im SGB V nur, dass bereits bestehende Einrichtungen genutzt werden sollen.

Die KBV hat nun vorgeschlagen, Vorhandenes zu vernetzen: Die KVen sollten weiter für die Qualitätssicherung der ambulanten Leistungserbringer zuständig sein, die Landesgeschäftsstellen Qualitätssicherung für die der stationären. Zur Abstimmung solle man ein neues Gremium namens „Landesarbeitsgemeinschaft sektorenübergreifende Qualitätssicherung“ gründen. Dieser Ansatz sei auch mit der Bundes­ärzte­kammer abgestimmt.
Sabine Rieser
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