ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2008Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Wer kritisiert, wird wahrgenommen

POLITIK

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Wer kritisiert, wird wahrgenommen

Dtsch Arztebl 2008; 105(50): A-2684 / B-2279 / C-2195

Rabbata, Samir

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LNSLNS Die Arznei­mittel­kommission wird Politik und Industrie auch künftig genau auf die Finger schauen. Daran ließ der AkdÄ-Vorsitzende Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig bei der Mitgliederversammlung seiner Organisation keinen Zweifel.

Eine positive Bilanz der Arbeit der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) im Jahr 2008 hat Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig gezogen. „Machen Sie sich unbeliebt, dann werden Sie ernst genommen“, zitierte der Kommissionsvorsitzende den ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer bei der Mitgliederversammlung Ende November in Berlin. „Wir sind in den letzten Monaten von verschiedenen Seiten heftig kritisiert worden. Das zeigt, dass man uns wahrnimmt“, erklärte Ludwig. Auch in Zukunft werde die Kommission die Entwicklungen im Gesundheitswesen genau verfolgen und bei Bedarf kommentieren.

„Die AkdÄ passt sich nicht an und bewahrt sich ihre Unabhängigkeit“, sagte Dr. med. Henning Friebel, Präsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt und Mitglied des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer. Auch KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller lobte: „Für uns Niedergelassene sind ihre Publikationen eine unverzichtbare Hilfe. Wir wissen, dass wir uns darauf verlassen können.“

Werbeverbot für Arzneien nicht lockern
Ludwig bekräftigte zu Beginn der Versammlung seine Kritik an den Bestrebungen der Europäischen Kommission, das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel aufzuheben. Damit bediene man nur die Interessen der Industrie und nicht die der Verbraucher, ist Ludwig überzeugt.

Insgesamt 17 Stellungnahmen hat die AkdÄ 2008 zu Arzneimittelthemen veröffentlicht. Beispielhaft hob der Kommissionschef die Ausführungen der AkdÄ zum Kodex der Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie hervor.

Ziel dieses Kodexes ist es, ethisches Verhalten zwischen Arzneimittelindustrie und Patientenorganisationen zu fördern. Die AkdÄ hatte darauf hingewiesen, dass freiwillige Kontrollinstrumente nach bisherigen Erfahrungen nicht geeignet seien, Fehlverhalten zu beseitigen. Sie schlug deshalb unter anderem vor, Sponsorengelder nicht den Organisationen direkt, sondern einem Fonds oder einer Stiftung zukommen zu lassen.

Unzureichende Kooperation des IQWiG
In einer weiteren Stellungnahme, habe sich die AkdÄ kritisch mit sogenannten Cost-Sharing-Initiativen auseinandergesetzt, so Ludwig. Das sind Modelle der Pharmaindustrie zur Kostenbeteiligung bei besonders teuren Originalpräparaten. Die AkdÄ hält solche Vereinbarungen für intransparent.

Zwar würden die Stellungnahmen der AkdÄ in Fachkreisen große Beachtung finden, so auch die im Frühjahr publizierte Stellungnahme der Kommission zur Methodik der Kosten-Nutzen-Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Zusammenarbeit des Instituts mit der Kommission sei jedoch problematisch, beklagte Ludwig.

Die AkdÄ hatte in ihrer Stellungnahme das zuvor bekannt gewordene Methodenpapier des IQWiG zur Kosten-Nutzen-Bewertung bemängelt. Unter anderem kritisierten die Experten, dass das Institut keine Methoden für die Quantifizierung des Nutzens empfehle. Dadurch fehle eine gemeinsame Grundlage für die Prüfung der Konsistenz einzelner Methoden, die in Zukunft bei den verschiedenen Aufträgen des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses eingesetzt würden. Ob die Kritik etwas nutzt, ist zweifelhaft. „Das IQWiG ist zunehmend beratungsresistent“, konstatierte Prof. Dr. med. Manfred Anlauf, AkdÄ-Experte für Fragen der Methodenbewertung.

Freundlicher ist das Verhältnis der Arznei­mittel­kommission zum französischen Pendant des IQWiG, dem „Haute Autorité de Santé“ (HAS). Deren Vorsitzender, Prof. Dr. Laurent Degos, informierte die Mitglieder der Arznei­mittel­kommission in einem Vortrag über die Bewertung medizinischer Innovationen im Nachbarland. Ins Leben gerufen wurde die HAS 2004 im Zuge einer großen Gesundheitsreform. Die nicht staatliche Organisation soll mit einem Jahresbudget von 60 Millionen Euro den medizinischen Nutzen von Gesundheitsleistungen und -produkten analysieren.

Frankreich: Widerstreitende Interessen berücksichtigen
Degos betonte, in Frankreich werde bei der Bewertung von Innovationen zwischen medizinischem und gesamtgesellschaftlichem Nutzen abgewogen. Dies sei eine komplexe Herangehensweise, die aber die widerstreitenden Interessen innerhalb der Bevölkerung berücksichtige. Patienten hätten ein großes Interesse an immer neuen Behandlungsmethoden und Medikamenten. Solange Bürger jedoch nicht schwer erkrankt seien, würden sie sehr darauf achten, dass die Kosten für das Gesundheitswesen im Rahmen blieben, berichtete Degos. Dies sei in Deutschland vermutlich ähnlich.
Samir Rabbata
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