ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2008Organspenden: Kriminell
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Die Diskussion über Pro und Kontra wird innerklinisch durchaus auch auf anderem Niveau geführt: Wer darf eigentlich entscheiden, ob zur Organspende freigegeben wird oder nicht? Hat der Verstorbene keine Angehörigen oder haben Angehörige keine klare Meinung, die der Verstorbene zu Lebzeiten geäußert hat, sind uns schon gewissermaßen die Hände gebunden. Was eigentlich spräche dagegen, einem nicht geäußerten „Nein“ zu Lebzeiten ein mutmaßliches „Ja“ im Sinne des christlich/humanistisch/philanthropisch lebensbejahenden Ansatzes entgegenzustellen? Unsere Gesetzgebung kann es uns in Zukunft nahezu verbieten, energieverschwendende Leuchtmittel zu erwerben, ganz über unseren eigenen Willen hinweg; eine sinnvolle, die verschiedenen Überzeugungen tolerierende Lösung zu weitaus wichtigeren Themen, wie Organspende, findet sie jedoch nicht. Wenn erst einmal die Organspende beim – eher seltenen – Hirntod zum alltäglichen Prozedere gehörte, würden wir auch nicht mehr von einem Tabu sprechen, da im Sinne einer ganz natürlichen Multiplikation immer mehr Menschen Berührungspunkte zu diesem dunklen Thema hätten. Die wichtigen Organe nicht entnehmen zu können, weil kein eindeutiges „Ja“ geäußert werden will . . . oder kann . . ., ist eine therapeutische Vollbremsung, die nicht im Sinn des ärztlichen Berufsethos ausgelegt werden kann. Eine postmortale Organspende ex ante zu regeln und monetär zu belohnen, halte ich nicht nur für zweifelhaft, sondern schlichtweg für kriminell (ausgenommen mögen Spenden innerhalb einer Familie sein), wird doch durch finanzielle Köder letztlich der guten Sache das moralische Gewicht genommen. Der in dem Pro-Plädoyer genannte Vorschlag, einen Buchgutschein für das Ausfüllen des Spendeausweises zu offerieren, trägt aus meiner Sicht allenfalls das Attribut „drollig“. Zum Egoismus musste bislang noch niemand gezwungen werden, der Altruismus hingegen beginnt in den seltensten Fällen von selbst.
Roland Bachert, Holzerhof 1a, 42799 Leichlingen
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