ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Prävalenz und Einflussfaktoren von Übergewicht und Adipositas bei Einschulungskindern

MEDIZIN: Originalarbeit

Prävalenz und Einflussfaktoren von Übergewicht und Adipositas bei Einschulungskindern

Eine Untersuchung in Augsburg

Overweight and Obesity in Children Starting School in Augsburg – Prevalence and Influencing Factors

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): 883; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0883

Weber, Elisabeth; Hiebl, Alexandra; Storr, Ulrich

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Einleitung: Zur Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas müssen im Sinne eines umfassenden Präventionsansatzes die sozioökonomischen und kulturellen Einflüsse identifiziert werden. Ziel dieser Untersuchung in Augsburg war es, die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Einschulungskindern zu bestimmen. Ein weiteres Ziel galt der Erkennung bestimmter Einflussfaktoren und des Zusammenhangs der Ergebnisse mit der Muttersprache.
Methoden: Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung für das Schuljahr 2006/2007 wurden die Eltern von 2 306 Kindern mittels anonymer Fragebögen befragt. Das Untersuchungsteam dokumentierte das Geschlecht, das Alter, das Gewicht, die Größe, die Muttersprache der Kinder und den besuchten Kindergarten. Die Daten wurden mittels SPSS 14.0 deskriptiv ausgewertet.
Ergebnisse: Insgesamt 13,1 % (n = 302) der Kinder waren übergewichtig, davon waren 4,9 % (n = 113) adipös. Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas war bei den Kindern, deren Muttersprache nicht deutsch ist, fast doppelt so hoch. Die Hälfte aller Kinder nahm nicht an einer Sport- oder Tanzgruppe teil. Über die Hälfte der übergewichtigen Kinder sahen täglich ein bis drei Stunden fern.
Diskussion: Die Prävalenz unterscheidet sich nach ethnischer Herkunft. Kinder mit Migrationshintergrund gelten als Risikogruppe. Gezielte Präventionsstrategien im Vorschul- und Grundschulbereich sind notwendig. Anhand der erhobenen Daten lassen sich stadtteilbezogene Interventionsmaßnahmen entwickeln.
Dtsch Arztebl 2008; 105(51–52): 883–9
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0883
Schlüsselwörter: Schulanfänger, Übergewicht, Prävention, Kindergesundheit, körperliche Aktivität
LNSLNS Auf die Bedeutung von Fehlernährung und Bewegung weisen Koletzko und Mitarbeiter in einer Übersicht hin (1). Oft werden aus übergewichtigen Kindern und Jugendlichen übergewichtige Erwachsene mit einem erhöhten Risiko für Folgekrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, orthopädischen Problemen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine dänische Studie untersuchte die langfristigen Auswirkungen von Übergewicht bei Kindern auf das Auftreten von koronarer Herzkrankheit (KHK) im Erwachsenenalter. Danach steigt das Risiko, als Erwachsener an einer KHK zu erkranken, linear mit der Höhe des Body-Mass-Index (BMI) in der Kindheit (2). Die Bogalusa Heart Study befasste sich mit dem Verhältnis von Übergewicht und kardiovaskulären Risikofaktoren bei Kindern und Jugendlichen (3). Es zeigte sich eine verschieden starke Assoziation von Übergewicht und Insulinspiegel, Gesamtcholesterin, Triglyceriden, LDL und systolischem beziehungsweise diastolischem Blutdruck. Auch das Anhäufen von Risikofaktoren bei schwergewichtigen Kindern und Jugendlichen wurde sichtbar.

Die ersten Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS) veröffentlichte das Robert-Koch-Institut bereits. Sie identifizieren Übergewicht und Adipositas als die am häufigsten auftretenden gesundheitlichen Risiken für Kinder und Jugendliche (4).

Bei der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen. Neben sozioökonomischen Einflüssen (5) sind eine gesunde Ernährung und körperliche Bewegung Schlüsselfaktoren bei der Prävention von Übergewicht. Um der Evidenz aus Beobachtungsstudien zu folgen, sollen Leitlinien für gesunde Bewegung mehr auf die Akkumulation von körperlicher Aktivität abzielen, als auf spezifische, Fitness-orientierte Übungen. Spontane, dafür häufigere Bewegungseinheiten wirken bei Kindern effektiver, als ein auf Erwachsene zugeschnittenes Training und entsprechen eher dem natürlichen Bewegungsmuster von Kindern (6).

Zur Vorbeugung des Problems muss man im Sinne eines umfassenden Präventionsansatzes nicht nur individuelle Ursachen erkennen, sondern auch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Einflüsse identifizieren, die zu der steigenden Prävalenz beitragen. Die KOPS-Studie (Kieler Adipositas-Präventionsstudie) zeigt, dass sich übergewichtige Kinder von normalgewichtigen Kindern mehr im Bewegungsverhalten als im Ernährungsverhalten unterscheiden. Die Gewichtsunterschiede konnten im Wesentlichen durch unterschiedliche körperliche Aktivität und Fernsehkonsum vor dem Hintergrund sozialer Faktoren (Schulbildung der Eltern) und eines möglichen genetischen Risikos (Gewicht der Eltern) erklärt werden (7).

In den vergangenen Schuljahren lagen die Augsburger Daten für Übergewicht und Adipositas deutlich über dem bayerischen Durchschnitt (8). Im Schuljahr 2005/2006 waren insgesamt 11,6 % der Einschulungskinder in Augsburg übergewichtig, von ihnen waren 5,5 % adipös. Im Bayerischen Durchschnitt waren insgesamt 8,8 % übergewichtig, davon 3,4 % adipös (Grafik 1).

Ziel der vorliegenden Untersuchung war eine Prävalenzanalyse zur Feststellung der Einflussfaktoren und zur Entwicklung eines kommunalen Präventionskonzeptes.

Methoden
Zur Analyse der Ist-Situation entwickelte das Gesundheitsamt der Stadt Augsburg für die Schuleingangsuntersuchung einen anonymen Fragebogen, der sich an die Eltern richtete. Dieser beinhaltete elf Fragen zum Ernährungsverhalten, zu den Bewegungsgewohnheiten und zum Fernsehkonsum der Kinder. Daneben wurden auch die Muttersprache und der besuchte Kindergarten dokumentiert.

Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen wurden am Gesundheitsamt der Stadt Augsburg auch Körpergewicht und Körpergröße der Kinder erfasst. Daraus errechnete man den Body-Mass-Index nach der Formel BMI = Körpergewicht in kg/Körpergröße in m². Anhand von Referenzdaten wird Übergewicht als BMI-Wert oberhalb der 90. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentile definiert; Adipositas liegt vor bei einem Body-Mass-Index oberhalb der 97. Perzentile.

Weitere sozioökonomische Daten wie Einkommen oder Schulbildung der Eltern wurden von den Untersuchern nicht erhoben.

Die Eltern von insgesamt 2 306 Kindern (93,2 % der Einschulungskinder) nahmen an der Befragung teil, wobei jeweils ein Elternteil pro Kind zu insgesamt elf Fragen verwertbare Angaben machte. Traten beim Ausfüllen des Fragebogens Sprach- oder Verständnisprobleme auf, standen medizinische Fachangestellte den Eltern zur Seite. Das Untersuchungsteam dokumentierte das Geschlecht, das Alter, das Gewicht, die Größe und die Muttersprache der Kinder. Die Daten wurden mittels SPSS 14.0 deskriptiv ausgewertet.

Ergebnisse
Prävalenz
Nach dem Referenzsystem von Kromeyer-Hauschild et al. (9) waren von den 2 306 Einschulungskindern insgesamt 13,1 % (n = 302) übergewichtig, davon 4,9 % (n = 113) adipös.
Nach Geschlecht unterschieden, ergaben sich Differenzen zwischen Mädchen und Jungen. Von den untersuchten Kindern waren 1 125 (48,8 %) Mädchen und 1 172 (50,8 %) Jungen. Bei neun Fragebögen (0,4 %) fehlte die Angabe zum Geschlecht des Kindes. Von den Mädchen waren 8,7 % übergewichtig und 4,4 % adipös, von den Jungen waren 7,7 % übergewichtig und 5,5 % adipös. Die Augsburger Mädchen waren häufiger übergewichtig als die Jungen, während die Jungen häufiger zu Adipositas neigten. Allerdings sind diese Unterschiede auf dem 5-%-Signifikanzniveau nicht signifikant.

Nach Muttersprache differenziert, ergibt sich eine deutliche Verteilung. Von den Einschulungskindern waren 61 % (n = 1 398) deutsch sprechend, während 39 % (n = 997) eine andere Muttersprache hatten. Türkisch ist unter den Einschulungskindern mit 17 % (n = 395) die zweithäufigste und russisch mit 8 % (n = 183) die dritthäufigste Muttersprache (Grafik 2). Insgesamt waren die Kinder mit der Angabe „nicht deutsch“ als Muttersprache etwa doppelt so häufig übergewichtig als die deutsch sprechenden Kinder. Kinder aus türkisch sprechenden Familien waren etwa 2,25-mal häufiger übergewichtig und 2,53-mal häufiger adipös als deutsch sprechende Kinder.

Diese Unterschiede sind signifikant (a = 0,05). Innerhalb der russisch sprechenden Gruppe waren 7,6 % (n = 14) der Kinder übergewichtig, davon 1,6 % (n = 3) adipös (Grafik 3). Somit trat Übergewicht bei russischen sprechenden Kindern am seltensten auf. 13 % (n = 300) der Kinder haben eine andere Muttersprache, wie zum Beispiel kroatisch, italienisch oder vietnamesisch. Griechisch als Muttersprache haben 1 % (n = 19) der Kinder (Grafik 2). Die Fallzahlen in diesen Sprachgruppen sind niedrig; deswegen haben die Untersucher keine Signifikanzberechnung durchgeführt. Zusammengenommen leiden beide Gruppen zu 10,7 % an Übergewicht und 8,8 % an Adipositas (Grafik 3).

Zur besseren Bündelung von Kompetenzen der sozialen Versorgung ist die Stadt Augsburg in vier Sozialregionen gegliedert. Nach der regionalen Verteilung gab es nur geringe Unterschiede bezüglich des Auftretens von Übergewicht oder Adipositas innerhalb der untersuchten Regionen.

Bewegungsverhalten
Die Eltern befragte man nach der Teilnahme ihrer Kinder an einer Sport- oder Tanzgruppe. 50,2 % (n = 1 157) aller Kinder waren nicht in einer Sportgruppe aktiv. Von den adipösen Kindern nahmen 67,3 % (n = 76) an keiner Sportgruppe teil. Dementsprechend geringer war der Anteil an wöchentlichen Trainingseinheiten bei übergewichtigen und adipösen Kindern.

Betrachtet man die Ergebnisse gruppiert nach der Muttersprache, fällt auf, dass über 65 % der türkisch sprechenden Kinder in keiner Sportgruppe aktiv waren, ebenso wie 59 % der russisch sprechenden Kinder und 63,6 % der Kinder mit anderen Muttersprachen (Tabelle 1).

Ernährungsverhalten
In der vorliegenden Untersuchung nahmen knapp 60 % aller Kinder nach den Angaben ihrer Eltern täglich drei Mahlzeiten ein. Ein weiteres Drittel aller Kinder nahm fünf Mahlzeiten ein. Von den übergewichtigen und adipösen Kindern wurden von etwa zwei Dritteln drei Mahlzeiten täglich angegeben und nur knapp ein Viertel aß fünfmal am Tag. Auf die Muttersprache bezogen, nahmen die türkisch sprechenden Kinder am seltensten (12,4 %) fünf Mahlzeiten ein (Tabelle 2).

Diese Ergebnisse spiegeln sich auch in der Frage nach der Häufigkeit eines gemeinsamen Familientisches wieder. Die übergewichtigen und adipösen Kinder nahmen durchschnittlich weniger Mahlzeiten über den Tag verteilt ein. In diesen Familien wurde auch weniger häufig gemeinsam gegessen. 55,3 % der normalgewichtigen Kinder aßen zweimal am Tag mit der Familie. Von den übergewichtigen beziehungsweise adipösen Kindern waren es 43,4 % beziehungsweise 45,1 %. Im Bezug auf die Muttersprache aß die Mehrheit (59,4 %) der deutsch sprechenden Kinder zweimal am Tag gemeinsam mit der Familie. Bei den Kindern mit türkisch als Muttersprache wurde in nur 40 % der Familien zweimal gemeinsam gegessen. Insgesamt nahmen 92 % aller Erstklässler mindestens einmal am Tag an einem Familientisch teil (Tabelle 3).

Fernsehkonsum
Die normalgewichtigen Kinder sahen größtenteils bis zu einer Stunde täglich fern beziehungsweise saßen vor dem Computer. Von den übergewichtigen Kindern verbrachte die Hälfte zwischen einer und drei Stunden vor dem Bildschirm, bei den adipösen Kindern traf dies für die Mehrheit zu (61,9 %). Bei der Frage nach dem Fernsehkonsum in Bezug zur Muttersprache sahen etwa zwei Drittel der türkisch und russisch sprechenden Kinder täglich ein bis drei Stunden fern, doppelt so viele wie bei den deutsch sprechenden Kindern (Tabelle 4).

Diskussion
Die hier vorgestellte Untersuchung zeigte entgegen dem allgemeinen Trend einer gewissen Stagnation der Entwicklung von Übergewicht im Vorschulalter (10) einen deutlichen Anstieg der Prävalenzrate bei den Einschulungskindern in Augsburg. Auch in den Vorjahren wurden deren Größe und Gewicht erhoben. Die Prävalenz von Übergewicht inklusive Adipositas stieg von 11,6 % (Schuljahr 2005/2006) auf 13,1 % (Schuljahr 2006/2007).

Es ist bekannt, dass die Prävalenz von Übergewicht bei bestimmten sozialen Schichten größer ist (11). Bei der vorliegenden Untersuchung wurden keine sozioökonomischen Daten wie Bildungsstand oder Einkommen der Eltern erhoben. Über die Abfrage der Muttersprache wurde indirekt die Ethnie als Einflussfaktor auf die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten miteinbezogen.

Körperliche Bewegung und Ernährung sind nur schwer valide messbar. Die Anwendung eines Fragebogens schränkt allgemein die Interpretation von Daten ein. Selbstreport und „recall“ sind nur bedingt geeignete Methoden zur Erfassung von Bewegungs- oder Ernährungsverhalten. Auch wenn die Ergebnisse teilweise auf der Einschätzung der Eltern beruhen und die Fallzahl in einzelnen untersuchten Gruppen klein ist, lassen sich bei der Betrachtung der verschiedenen Bereiche durchgängig eindeutige Verteilungen ablesen. Die Prävalenzraten spiegeln auf hohem Niveau die Lage in Bayern (8) und Deutschland (4) wieder.

Die vorliegende Untersuchung zeigt klar, dass in Augsburg eine ähnliche Tendenz wie bei den Ergebnissen der KIGGS-Studie vorliegt. Danach treiben Kinder mit Migrationshintergrund und niedrigem Sozialstatus etwa zwei- bis dreimal seltener Sport, als Kinder ohne Migrationshintergrund und mit hohem Sozialstatus (12).

Aus den Ergebnissen des Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts geht hervor, dass sozial unterprivilegierte Kinder in Sportvereinen zahlenmäßig unterrepräsentiert sind (13).

Internationale Surveys weisen auf das insgesamt niedrige Maß von körperlicher Bewegung sowohl bei Grundschülern als auch bei älteren Schülern und Jugendlichen hin. Dem Bewegungsmuster von Kindern entsprechen spontane, kurz dauernde dafür häufigere Bewegungseinheiten (6). Damit ist die natürliche Form der Bewegung bei Kindern beschrieben – das Spielen. Kinder mit einer positiven Erfahrung von körperlicher Aktivität werden im Erwachsenenalter eher einen aktiven Lebensstil führen.

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund (FKE) arbeitet seit vielen Jahren daran, wissenschaftlich begründete Empfehlungen für Heranwachsende herauszugeben (14). Es entwickelte die optimierte Mischkost für Kinder, kurz „optimiX“. Danach liegt die empfohlene Mahlzeitenfrequenz bei fünf über den Tag verteilten Mahlzeiten. Neben der Kalorienaufnahme sind die Nahrungszusammensetzung, das heißt der Fett- und Kohlenhydratanteil mit entscheidend. Die kindgerechte Lebensmittelauswahl verdeutlicht eine Pyramide. Die Ernährungsgewohnheiten werden oft von Eltern oder Geschwistern übernommen, indem Rituale und Normen meist unbewusst während des gemeinsamen Essens vermittelt werden. Somit ist der gemeinsame Familientisch der beste Weg zur Vermittlung von Esskultur, sowie der Aufgeschlossenheit gegenüber unbekannten Lebensmitteln. Die Untersuchung zeigt aber auch, dass der gemeinsame Familientisch noch sehr häufig praktiziert wird. Die Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass Kinder ohne Familientisch häufiger und unkontrollierter essen und somit zu Übergewicht neigen.

Der Zusammenhang von Fernsehkonsum und der Neigung zu Übergewicht wurde bereits in mehreren Veröffentlichungen diskutiert. So ergab ein systematischer Review, dass als Intervention zur Vermeidung von Übergewicht die Reduzierung von sitzendem Verhalten wirksam scheint (15).

Bereits vor zwanzig Jahren wurde eine signifikante Assoziation von Fernsehen und Übergewicht bei Kindern beschrieben (16). Dazu dienten die Daten des National Health Examination Survey aus den USA (17). Man stellte einen dosisabhängigen Effekt der vor dem Fernseher verbrachten Zeit auf die Prävalenz von Übergewicht fest. Beim Fernsehen werden oft Snacks konsumiert, die wiederum das Fernsehen bewirbt. Der vermehrte Verzehr dieser energiedichten Nahrungsmittel addiert sich im Effekt zu dem durch das passive Verhalten reduzierten Energieverbrauch (18). Daher sind die Angaben der Eltern zum täglichen Fernsehen des Kindes beziehungsweise zur Computernutzung aufschlussreich, auch wenn sie wenig objektivierbar und damit nur mit Einschränkungen verwertbar sind. Als Trend ist erkennbar, dass die Verweildauer vor dem Bildschirm und das Körpergewicht positiv korrelieren.

Prävention sollte möglichst früh ansetzen, da man gesundheitsbezogenes Verhalten bei Kindern leichter beeinflussen kann als bei Erwachsenen und die Manifestation von Folgeerkrankungen besser vermeiden kann. Die Gruppen von Kindern sind nicht nur nach Alter und Geschlecht sondern auch nach dem sozioökonomischen und ethnischen Hintergrund differenziert zu betrachten.

Familien mit Migrationshintergrund gelten als Risikogruppe (4). Die sprachliche Kompetenz hat für die Nutzung von Einrichtungen und für die Erreichbarkeit durch Präventionsprogramme eine große Bedeutung. Schlechte Sprachkenntnisse wirken oft als Barriere für einen aktiveren Lebensstil. Die Information der Eltern über ein altersadäquates Ernährungs-, Bewegungs- und Fernsehverhalten sollte in der jeweiligen Muttersprache erfolgen. Die Veränderungsbereitschaft wird gesteigert, wenn man die ethnischen Faktoren, wie kulturell und biografisch geprägte Verhaltensweisen berücksichtigt.

Stadtteilbezogene Interventionsmaßnahmen setzen eine gute verkehrs- und kostengünstige Zugänglichkeit der Sport- und Spielangebote im Stadtviertel voraus. Ein besonderer Fokus sollte auf dem Elternhaus der Kinder liegen. Gerade bei den drei- bis sechsjährigen Kindern spielt die Vorbildfunktion eine große Rolle (19).

Die vorliegenden Daten zu Übergewicht und Adipositas dienen als Grundlage für örtliche Präventionsmaßnahmen. Sie geben Hinweise auf Einflüsse verschiedener Faktoren, die bei der Vorbeugung von Übergewicht eine Rolle spielen. In Augsburg dienen die erhobenen Daten und die davon abgeleiteten Ergebnisse zur weiteren Konzeption gezielter und praktikabler Interventionsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit den Leitungen der Kindertagesstätten und den Jugendabteilungen der hiesigen Sportvereine. Beispielsweise dient das „1 + 1 = 3-Projekt“ (in Planung) der gezielten Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und mit Behinderung in Sportvereine. Anreize für eine gleichzeitige Aufnahme eines deutschen Kindes und jeweils eines weiteren Kindes mit Migrationshintergrund und Behinderung befinden sich derzeit im politischen Diskussions- und Entscheidungsprozess. Innerhalb der Stadtverwaltung wurde die Gesund­heits­förder­ung über Verhältnis- und Verhaltensprävention in den Handlungsräumen Vorschule und Schule zu einem wichtigen Ziel erklärt. Ein Beispiel der Projekte, die besonders gefördert werden, ist „Klasse2000“, das bundesweit größte Programm zur Gesund­heits­förder­ung in der Grundschule (20). Unter der Koordination des städtischen Gesundheitsamtes sollen künftig Modellschulen an dem Projekt „Unterwegs nach Tutmirgut“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA teilnehmen (21). Das Projekt wurde für die Grundschulen entwickelt und beinhaltet die Themen Ernährung, Bewegung und Stressregulation. Die Gesundheitsverwaltung ist bestrebt, durch Aufklärung und Kampagnen wie zum Beispiel eine Bio-Pausenbrotbox-Aktion eine gesunde Schulverpflegung weiter zu forcieren. Drei Schulen wurden im letzten halben Jahr mit Wasserbrunnen ausgestattet, damit die Kinder in der Schule auch eine kostengünstige Alternative zum zuckerreichen Getränkeangebot haben. Damit sind mittlerweile erfreulich viele Schulen an dem Projekt „Wasser trinken in Augsburger Schulen“ beteiligt.

Fazit
Am Gesundheitsamt der Stadt Augsburg wurden 2006 im Sinne einer erweiterten Schuleingangsuntersuchung auch Daten zu Muttersprache und Lebensgewohnheiten wie Fernsehkonsum, Ernährungsgewohnheiten und körperlicher Bewegung erhoben.

Bereits in den Vorjahren lag die Prävalenz von Übergewicht bei den Augsburger Einschulungskindern über dem bayerischen Durchschnitt.

In der hier diskutierten Schuleingangsuntersuchung unterscheiden sich die Befundhäufigkeiten zu Übergewicht und Adipositas nach der Muttersprache. Kinder mit türkischer Muttersprache weisen die höchste Prävalenz auf.

In Zukunft sind die Erfassung des Körpergewichts eines Jahrgangs und der zeitliche Trend in der Stadt Augsburg in weiteren Erhebungen differenzierter zu betrachten. Zusätzliche mögliche Einflussfaktoren sollen auch in ihrem Zusammenwirken untersucht werden.

Die Gewichtsentwicklung bei Einschulungskindern ist in den einzelnen Sprachgruppen und im Vergleich zueinander zu betrachten.

Damit ergibt sich eine Verbesserung in der Entwicklung und Implementierung von konkreten und an Risikogruppen orientierten Präventionsprogrammen.

Widmung
Der langjährigen Amtsleiterin Dr. med. Traude Löscher gewidmet.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 27. 12. 2007, revidierte Fassung angenommen: 29. 8. 2008

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Ulrich Storr
Kinder- und Jugendarzt, Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen
Gesundheitsamt Stadt Augsburg
Hoher Weg 8
86152 Augsburg
E-Mail: praev.gesundheitsamt@augsburg.de

Summary
Overweight and Obesity in Children Starting School in Augsburg – Prevalence and Influencing Factors
Introduction: A comprehensive approach to the prevention of overweight and obesity requires identifying the socioeconomic and cultural factors involved. This study set out to determine the prevalence of overweight and obesity among children starting school in Augsburg, Germany. Another aim was to examine influencing factors and any associations between the findings and the children's first language.

Methods: In the context of the school entry health examination for the 2006/2007 school year, the parents of 2306 children were surveyed by means of an anonymous questionnaire. The investigators documented each child's sex, age, body weight, height, and first language, as well as the preschool attended. The data were evaluated descriptively using SPSS 14.0.
Results: Overall, 13.1% (n = 302) of the children were overweight, including 4.9% (n = 113) who were obese. The prevalence of overweight and obesity was nearly twice as high among children whose first language was not German. Half of all children did not attend a sports or dance group. More than half of the overweight children watched television for one to three hours each day.

Discussion: The prevalence of overweight and obesity differs depending on ethnic origin. Children from immigrant families are a high-risk group. Targeted prevention strategies are necessary for children of elementary school age. Our data may serve as the basis for developing neighborhood- or district-wide interventions.
Dtsch Arztebl 2008; 105(5152): 883–9
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0883
Key words: children starting school, overweight, prevention, children's health, physical activity

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
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21.www.tutmirgut.net

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