ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Von schräg unten: Geschenke

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Geschenke

Böhmeke, Thomas

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Die Blätter der Bäume fallen ab, der Mantel aus dem Schrank fällt mich an, die Diagnose ist klar: Das alte Jahr dünnt sich aus wie die Personaldecke an Deutschlands Kliniken. Manch treuer Patient denkt an mich und beschenkt mich mit Preziosen, deren tiefere Botschaften mich über die anstehenden frohen Feiertage zu verfolgen pflegen. Da ist der billige, mit Sicherheit aus der Grabbelkiste stammende Wein von der von mir seit Jahren liebevoll betreuten alten Dame – ein stiller Protest gegen die Praxisgebühr oder ein offener Aufschrei gegen die vielen Schreiben von der Krankenkasse, die sie mit ihren schlechten Augen gar nicht mehr lesen kann? Hmmm . . . da ist das gustatorisch zweifelhafte Konfekt aus der aktuellen 1-Euro-Werbung – hier lässt mich der Absender im Ungewissen, ob ihm die ständig wechselnden Medikamente infolge der Rabattverträge oder die geplante Erhöhung der Krankenkassenbeiträge nicht mehr schmecken. Aber bitte: Für beides kann ich nichts, die Absender mögen doch ihre subtilen kulinarischen Protestnoten nach Berlin schicken. Damit wären Ätiologie und Pathogenese schließlich korrekt gewürdigt. Wenig Raum für Deutungen lässt mir die letzte Weihnachtskarte: FR.WEIHN.! Welch ein Fanal gegen die Auswüchse der Minutenmedizin, der Turboanamnesen, der Sekundensprechstunde! Was für eine Auflehnung gegen die akronyme Kommunikation in den Praxen! Welchen armen Menschen habe ich über Gebühr mit NSTEMI, AVNRT, DMP, ValHeFT traktiert?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich hoffe, dass Sie wunderschöne und glückliche Tage verbringen und mit frischer Kraft in das neue Jahr starten. Und wenn meine Patienten ihre Weihnachtsgrüße im kommenden Jahr wieder vollständig ausschreiben, sind auch meine bescheidenen Wünsche in Erfüllung gegangen.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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