ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Berliner Schloßparktheater: Jubiläum an „kafkaeskem“ Ort

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Berliner Schloßparktheater: Jubiläum an „kafkaeskem“ Ort

Juds, Bernd

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LNSLNSLNSLNS Mit Erinnerung auch ans Prager und Zürcher Theater-Exil nach 1933 feierte das neue Schloßpark-
Theater jetzt seinen 50. Geburtstag – an einem "kafkaesken" Ort, der zu einer "Zeitrevue aus dem NachkriegsBerlin 1945 bis 1948" geradezu einlädt: gleich um die Ecke, in der Grunewaldstraße, wohnte 1923 Franz Kafka. Er genoß "das friedliche Leben hier in Steglitz" und die "stillen Alleen" dieses Vororts der Metropole. Nur ein paar hundert Meter südwestlich wurde – ebenfalls 1923 – der Slogan "Das Dritte Reich" geboren: zunächst als Buchtitel des rechtsextremen Autors Moeller van den Bruck (Adresse: Steglitz, Unter den Eichen Nr. 127).
Mitten im Dörfchen Steglitz liegt das Schlößchen des Großkanzlers von Beyme, welches später in den Besitz des Haudegen-Generals "Papa" Wrangel überging. Dieses "Wrangel-Schlößchen" hatte eine Remise samt Pferde-stall, die 1921 (unter Paul Henckels Regie) zum Theater umfunktioniert wurde. Die Nazis machten aus dem klassizistischen Mini-Bau ein agitierendes Lichtspieltheater. Ab 1945 war es dann erneut ein "Musenstall", wie Starkritiker Friedrich Luft zu sagen pflegte: Boleslaw Barlog eröffnete im November 1945 sein "Schloßparktheater" mit Curt Götz’ "Hokuspokus". Becketts "Godot" erlebte hier seine deutsche Erstaufführung.
Abrupt geschlossen wurde die staatliche Bühne im Zuge der "Abwicklung West" durch Senator Roloff-Momin im Jahr 1993.
Dritte Wiedergeburt – als Privattheater – im März 1995 unter dem österreichischen Schauspieler Heribert Sasse: Ibsens "Nora", viele Erstaufführungen. Und jetzt die kabarettistische Geburtstagsrevue "Hurra, wir singen noch" aus dem "Nachkriegs-Berlin 1945 bis 1948" – von Satire-Fachmann Volker Kühn zusammengestellt und geleitet und vom Pianisten Andrew Hannan glänzend accompagniert. Songs, Couplets, Nachdenk-Sketche und -Poesie aus berühmten Federn: von Friedrich Hollaender, Erich Kästner, Günter Neumann und anderen. Junge Premierenbesucher fanden es exotisch und kicherten nur, wenn sich "Wirtschaftswunder" auf "Räucherflunder" reimt; wenn ein Kriegsheimkehrer nach seiner "Bude" fragt oder ein lockeres Mädchen sich frivol als "Aphrodite der Baracken" vorstellt. Black Market, Schieber, "Alte Kameraden" von der Wehrmacht, Trümmerfrauen und solche, die immer "den Sieger lieben". Viel Zeitloses ist auf jede "Wende" anwendbar. Man hätte sich eine scharfzüngigere NationalsozialismusAnalyse und deutlichere Satiren auf die Phänomene des "real existierenden Sozialismus" gewünscht. Bernd Juds
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