ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Gesundheit und Gerechtigkeit: Die Krise trifft die Schwachen

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Gesundheit und Gerechtigkeit: Die Krise trifft die Schwachen

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): A-2727 / B-2319 / C-2231

Jachertz, Norbert

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Norbert Jachertz freier Journalist
Norbert Jachertz freier Journalist
Am Beginn einer vermutlich starken Rezession stehen die Chancen, Gesundheit durch Abbau von sozialer Ungerechtigkeit zu befördern, nicht sonderlich gut. Optimisten glauben zwar, gerade jetzt sei die Zeit für grundlegende Reformen des Wirtschafts- und Sozialsystems gekommen, hin zu mehr Solidarität und Kooperation, weg von zu viel Wettbewerb und Gewinntrieb, doch danach sieht es nicht aus. Das Krisenmanagement der Bundesregierung verrät wenig Reformehrgeiz. Die (unbeabsichtigte) Nebenfolge dürfte ein weiteres Abdriften der sozial gefährdeten Schichten sein. Und die umfassen nicht nur das übliche Fünftel der Gesellschaft, das arm ist oder nahe der Armutsgrenze lebt, sondern auch als bürgerlich angesehene Gruppierungen. Das wurde auf dem Kongress „Armut und Gesundheit“, der Anfang Dezember in Berlin tagte, deutlich. Sir Michael Marmot, ein namhafter Epidemiologe vom University College London, wies darauf hin, dass Gesundheit eng mit dem sozialen Gefälle (social gradient) einer Gesellschaft zusammenhängt. Marmot forscht seit Jahren über die „sozialen Determinanten von Gesundheit“. Nachgewiesen wird von Marmot und Kolleg(inn)en, dass nicht allein bloße materielle Armut zu Krankheit und frühem Tod führen, sondern soziale Ungerechtigkeit (social injustice), nämlich das Auseinanderklaffen der Einkommen und der Teilhabe am gesamten sozialen Umfeld.

Die soziale Ungerechtigkeit nimmt in Deutschland seit Jahren zu, folgt man einer Untersuchung der OECD vom Oktober dieses Jahres. So sind hierzulande seit der Jahrtausendwende die hohen Einkommen weitaus stärker gestiegen als die niedrigen, Arm und Reich driften schneller auseinander als in anderen Industriestaaten. Die Armutsquote wächst kontinuierlich. Lag sie 1997 noch bei 10,9 Prozent, erreicht sie 2005 13,2 Prozent und jetzt in der Spitze, so der Berliner Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock auf dem Berliner Kongress, 18 Prozent; ohne Sozialtransfers wie Hartz IV läge sie bei 26 Prozent. Besonders gefährdet sind Alleinerziehende, Kinderreiche und Kinder. Immer mehr Einkommen, Vermögen und Bildungschancen häuften sich in den oberen Etagen, immer weniger verblieben in den unteren Segmenten, resümiert Rosenbrock.

Mit der zunehmenden Drift verschlechtern sich auch die Gesundheitschancen. Denn die fatale Folge des social gradient ist es, dass der gestufte soziale Abstieg parallel mit einer gestuften Verschlechterung der Gesundheit verläuft. Soziale Ungerechtigkeit führt somit nicht nur bei den Armen, sondern bei weiten Bevölkerungsschichten zu schlechterer Gesundheit.

Die Rezession wird die Schwachen dieser Gesellschaft zusätzlich treffen. Im Gesundheitswesen, in dem schon seit Langem schleichend die Leistungen gekürzt werden und der ungehinderte Zugang zum Gesundheitssystem trickreich kanalisiert wird, dürfte noch mehr auf die Kosten gesehen werden. Die aktuelle Debatte um den Gesundheitsfonds lässt jedenfalls Böses ahnen. Die Kalkulation des Beitragssatzes (15,5 Prozent) basierte auf einem Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent und einer Grundlohnsummensteigerung von 2,4 Prozent im Jahr 2009. Sie ist obsolet. Die Berechnung musste Anfang Dezember, schon nach zwei Monaten, über den Haufen geworfen werden. Dem Fonds wird 2009 eine halbe Milliarde Euro fehlen. Mindestens. Doch auch die neue Kalkulation könnte bereits überholt sein. Denn die Wachstumsprognosen werden ständig nach unten korrigiert.

Das Defizit des Fonds, in welcher Höhe auch immer, muss der Bund zwar für ein Jahr kreditieren, doch Politiker wie die Kassen werden alles daransetzen, das Loch so klein wie möglich zu halten. Sie müssen deshalb die Kostenschraube anziehen und die Leistungen in „bewährter“ Weise einschränken, indem das Notwendige und Zweckmäßige ein wenig enger definiert wird. Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Rainer Hess, äußerte soeben ahnungsvoll, der Druck auf seinen Ausschuss werde mit Sicherheit wachsen.

Wer privat zahlen kann, ist natürlich nicht betroffen. Die Krise trifft die Schwachen.
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