ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Transplantationen: Konzepte gegen den Organmangel

POLITIK

Transplantationen: Konzepte gegen den Organmangel

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): A-2738 / B-2331 / C-2243

Spielberg, Petra

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LNSLNS Skrupellose Organhändler profitieren vom Mangel an Spenderorganen in Europa. Auch Ärzte sind nicht davor gefeit, Teil der illegalen Machenschaften zu werden.

Mikail* ist verzweifelt. Mit seinen 32 Jahren ist er kaum mehr in der Lage, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Tag und Nacht peinigen ihn starke Schmerzen. Hinzu kommt diese andauernde, bleierne Müdigkeit. Dabei war Mikail vor sechs Jahren noch kerngesund – bis zu dem Tag, an dem er sich eine Niere entfernen ließ, um sein Gehalt aufzubessern. Für die Entnahme des Organs zahlten ihm Händler umgerechnet rund 2 000 Euro.

Für Mikail war das viel Geld. Denn die ehemalige Sowjetrepublik Moldawien zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Das durchschnittliche Monatseinkommen von knapp 50 Euro reicht kaum aus, um eine Familie zu ernähren. Die Verzweiflung treibt zahlreiche Einwohner in die Hände skrupelloser Organhändler, die zwischen 3 000 und 10 000 US-Dollar für ein Organ bezahlen. Über die gesundheitlichen Risiken der meist ohne medizinische Nachsorge durchgeführten Organentnahmen erfahren die Betroffenen in der Regel nichts. So war es auch bei Mikail. Dass er mit der Spende seine Gesundheit ruinieren könnte, war ihm nicht bewusst. Nur einen Tag nach der Operation versteckten ihn die Händler in der Wohnung des Arztes, der die Transplantation vorgenommen hatte. Von dort aus schickten sie den frisch Operierten ohne weitere medizinische Versorgung und obwohl er über „unerträgliche Schmerzen“ klagte, kurze Zeit später mit einem öffentlichen Bus nach Hause.

Wie viele Moldawier eine Niere oder Teile ihrer Leber spenden, um sich etwas dazuzuverdienen, weiß niemand. Bekannt ist lediglich, dass vor allem Patienten aus Israel, Arabien, aber auch Westeuropa für den Handel bezahlen. Die Vermittler, die den Großteil des Geldes einstreichen, sind Teil organisierter Netzwerke.

Nach einem Bericht des Europarats in Straßburg findet innerhalb der Europäischen Union (EU) ein regelmäßiger Handel mit Organen in Estland, Bulgarien, Rumänien und Tschechien statt. Hinzu kommen illegale Spenden aus Moldawien, Mazedonien und Bosnien. Drehscheibe des Transplantationstourismus ist die Türkei. Selbst wohlmeinende Ärzte sind nicht davor gefeit, Teil der illegalen Geschäfte zu werden. Einer, dem dies passiert ist, ist Ferdinand Mühlbacher*, Transplantationschirurg am Wiener Universitätsklinikum. Per Zufall erfuhr der Arzt fünf Jahre nach einer von ihm vorgenommenen Nierentransplantation, dass der Spender, der sich als Neffe des aus Israel stammenden Empfängers ausgegeben hatte, mit diesem überhaupt nicht verwandt, sondern von Organhändlern vermittelt worden war. Die Vermittler hatten den Mann derart gut auf das Gespräch mit der Klinik vorbereitet, dass diese den Betrug nicht rechtzeitig erkannte.
Die Europäische Union sucht derweil nach Strategien, um den Organhandel künftig effektiver zu bekämpfen. Anfang Dezember schlug EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou ein Maßnahmenbündel vor, mit dem Organtransplantationen innerhalb der EU sicherer werden sollen. Hauptursache für den Organhandel ist nach Ansicht der Kommissarin der gravierende Mangel an Organspenden. Auf eine Million Einwohner kommen EU-weit im Schnitt gerade mal 16 Spender. 56 000 EU-Bürger stünden derzeit auf einer Warteliste für ein Spenderorgan, sagte die Kommissarin.

Zur Lösung des EU-weiten Organmangels könnte nach Auffassung der Kommission unter anderem ein europäischer Organspendeausweis beitragen. Mithilfe des Dokuments, so die Hoffnung, ließe sich leichter ermitteln, wer bereit ist, nach seinem Tod ein Organ zu spenden und wer nicht. Laut Auskunft der Behörde macht die zunehmende Mobilität der Europäer eine eindeutige Identifizierung von Organspendern zudem dringend erforderlich. Auch sollten die EU-Länder nach den Plänen der Kommission beim Kampf gegen den Organhandel enger zusammenarbeiten. Europaabgeordnete wie der Christdemokrat Peter Liese sehen hingegen vor allem die Kommission in der Pflicht. Sie verlangen von der Behörde, die europäische Polizeidienststelle Europol damit zu beauftragen, den Organhandel in Europa endlich systematisch zu untersuchen und zu verfolgen.

Dass es zudem auch effektive Mittel gibt, den Organmangel legal zu beheben, zeigt das Beispiel Spanien, das mit 36 Spendern je eine Million Einwohner die höchste Spenderrate Europas aufweist. Hauptgrund für den Erfolg sei, dass sämtliche klinischen Einrichtungen in Spanien über einen eigenen Transplantationsbeauftragten verfügten, berichtet Rafael Matesanz* von der spanischen Transplantationsvereinigung ONT.
Petra Spielberg

*Die dargestellten Beispiele sind dem Dokumentarfilm „Kidney on Ice“
von Anja Dahlhoff (Dänemark) und Alina Radu (Moldawien) entnommen.
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