ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2008Dr. med. Mark Pilz, niedergelassener Pneumologe: Zufrieden jenseits von Afrika

POLITIK: Porträt

Dr. med. Mark Pilz, niedergelassener Pneumologe: Zufrieden jenseits von Afrika

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): A-2739 / B-2330 / C-2242

Rieser, Sabine

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Foto: Torsten von Reeken
Foto: Torsten von Reeken
„Mir geht es gut“ – so überschrieb Dr. med. Mark Pilz im Sommer seinen Leserbrief an das Deutsche Ärzteblatt. Der Lungenfacharzt mag seine Arbeit, findet sein Einkommen in Ordnung und wundert sich, warum so viele Kollegen beständig klagen.

Die Praxistür steht offen. Im Wartezimmer sitzen an diesem Freitagmittag nur noch zwei Patientinnen. Die Arzthelferinnen gießen Blumen, sortieren Handtücher, erledigen Schreibarbeiten. Modern und freundlich wirkt die Praxis: mittendrin der Empfangstresen, viele Farbakzente, aparte afrikanische Kunst. Direkt am Empfang stehen zwei kleine Zebras, weiter hinten eine elegante Wasserträgerin. Gleich habe der Doktor Zeit, heißt es.

Dann steht er kurz vor 13 Uhr im leeren Wartezimmer: Dr. med. Mark Pilz, 44 Jahre. Seit 2001 ist er als Lungenfacharzt in der niedersächsischen 16 000-Einwohnerstadt Brake an der Weser niedergelassen. Wasser und Kaffee hat er auf einem Tablett mitgebracht, Zeit ebenfalls: „In der Regel gehe ich freitags so gegen halb drei, und dann ist bis montags nichts mit Praxis.“

Wenn er die Praxis abgeschlossen hat, fährt er rasch nach Hause zu seiner Frau und der elfjährigen Tochter. Die Familie lebt auf einem ehemaligen Bauernhof. Pilz kümmert sich nach Feierabend um eine Handvoll Schafe, Schweine und den Ziegenbock sowie Hunde und Katzen und beackert einen großen Garten. „Alles nur Spaß“, beteuert er. „Aber auf dem Hof verbringe ich schon eine Menge meiner freien Zeit.“

Pilz spricht und bewegt sich gelassen. Er wirkt wie einer, dem im Leben nie der Geduldsfaden reißt. Doch letzten Sommer muss das passiert sein. Da reagierte er auf die anhaltenden Klagen seiner Kollegen mit einem Leserbrief an das Deutsche Ärzteblatt und befand: „Die Lektüre mancher Briefe lässt mich denken, ich würde in einem anderen Land praktizieren.“

Das tut er natürlich nicht. Brake, auf der Homepage der Stadt als „das beste Stück Weser“ bezeichnet, liegt nahe Oldenburg und Bremen. Pilz lebt und arbeitet gern hier, auch wenn er sich früher eine Niederlassung in einer so ländlichen Gegend nicht hätte vorstellen können. Er muss morgens nicht sehr früh los, wenn er pünktlich um acht Uhr anfangen will. Mittags hat er rund eineinhalb Stunden Pause, bei guter Planung ist immer mal ein freier
Tag drin, und acht Wochen Urlaub gönnt er sich.

Dabei hatte ihn ein Kollege für verrückt erklärt, als er sich niederließ. Gut, er musste investieren. „Dann hat man erst einmal sehr wenig Geld“, sagt er knapp. Aber die Praxis lief von Quartal zu Quartal besser. Heute erwirtschaftet der Facharzt mit seinen vier Helferinnen und den zwei Auszubildenden gut 100 000 Euro Praxisüberschuss vor Steuern. Er versorgt rund 1 500 Patienten pro Quartal und kommt meist mit einer Wochenarbeitszeit von 50 Stunden aus. „Ich habe keinen Grund zu klagen“, findet er.

Dazu kommt: Konkurrenz gibt es im Grunde nicht. Jeder der Fachkollegen im Nordwesten Niedersachsens habe reichlich Patienten, weiß der Pneumologe. Sicher gehe es nicht überall zu wie in Brake. Nur müsse ja nicht jeder in die Großstadt: „Ich habe eigentlich kein Sendungsbewusstsein. Aber ich würde gern ein bisschen Werbung für die Tätigkeit auf dem Land machen.“

In seinen Werbespot würde vermutlich der Hinweis gehören, dass dort manchmal die einfacheren Patienten wohnen. Ihm liegt auf jeden Fall die norddeutsche Landbevölkerung. Pilz mag ihren Humor und ihre direkte Art: „Man muss nicht lange um den heißen Brei herumreden, auch wenn es mal um eine ernste Diagnose geht.“ So sehr ihm die Norddeutschen ans Herz gewachsen sind, geprägt hat ihn Afrika.

Vom dritten bis zum 14. Lebensjahr lebte er mit seinen Eltern in Kenia; der Vater arbeitete dort für ein deutsches Unternehmen. „Es war damals ein paradiesisches Land“, erzählt er und guckt, als ob er gerade wieder in diese Zeit eingetaucht sei. Pilz mochte die Natur, die Menschen, genoss das privilegierte Leben der Weißen. Doch seine Eltern sorgten dafür, dass er und die Schwester nicht abhoben. Die Mutter nahm beide mit in die Slums, wo sie sich bei Hilfsprojekten engagierte. „Meine Eltern sind bescheiden. Klingt vielleicht ein bisschen doof“, schiebt Pilz nach. „Ich meine: Sie sind auf dem Boden geblieben.“ So wie er auch.

Als er mit 14 Jahren zurückkam, empfing ihn Hannover im November. „Die ersten Jahre wollte ich zurück“, sagt Pilz. Er musste bleiben, machte Abitur, begann ein Biologiestudium. Doch die Aussicht, eher abgeschieden zu forschen, behagte ihm nicht. Er wechselte zur Medizin, ging zum Studium nach Erlangen und Freiburg, danach als Arzt im Praktikum an das Katholische Krankenhaus in Brake. Von dort rief ein ehemaliger Kollege an, als Pilz sich in Bad Lippspringe weiterbildete, und erzählte ihm, dass dringend ein niedergelassener Pneumologe gesucht wurde.

Nun ist er zufrieden, auch jenseits von Afrika. In Kenia war er übrigens 2004, mit Frau und Tocher. „Es war ziemlich schön“, sagt er versonnen. Ganz ausgeträumt ist der alte Traum noch nicht, gibt er zu. Ärzte werden immer gebraucht, Töchter erwachsen. Kenia? „Es ist noch nicht zu spät.
Sabine Rieser
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